Mobile Payment in England – macht Spaß! Ein Praxistest.

Mobile Payment in Deutschland gibt es nicht, so meine Erfahrungen im August diesen Jahres. Nach dem Desaster im Sommer wollte ich sehen, wie weit man bei unserem Nachbarn in England ist. Ein Erfahrungsbericht.

Los geht’s

Im vorweihnachtlichen Wahnsinn habe ich mich auf den Weg gemacht, nur mit Kreditkarten und diversen Apps ausgestattet, zu testen wie bargeldlos man in England leben kann. Und siehe da, es funktioniert. Die Kurzfassung meiner Erlebnisse kann man mit “I am amused” zusammenfassen. In Großbritannien ist ein Leben, anders als in Deutschland, weitestgehend bargeldlos möglich. Fast überall kann man mit Kreditkarte zahlen, selbst im kleinen Imbiss neben an (oder auf dem Weihnachtsmarkt). Oftmals auch kontaktlos mit einer -fähigen Kreditkarte. Mein für den Notfall zurückgelegtes Bargeld musste ich am letzten Tag am Airport ausgeben, da ich es wirklich nicht brauchte. Zurückblickend konnte ich tatsächlich (fast) immer kontaktlos zahlen. Ein Kulturschock.

Sogar die Parkuhr kann mit Kreditkarte oder App bezahlt werden (Foto: Maik Klotz)

Mobile Payment in England heute

Wie in meinem Praxistest im August diesen Jahres, habe ich mir ein Regelwerk auferlegt. Keine Barzahlungen, keine „herkömmlichen“ Kartenzahlungen. Nur kontaktlos mit einer NFC-fähigen Kreditkarte und Smartphone oder mit entsprechender Bezahl-App. Wie in Deutschland auch, gibt es einige Ketten die eigene Bezahl-Apps anbieten, wie z.B. Starbucks oder Kentucky Fried Chicken. Auch gibt es einige ausgewählte Geschäfte und Restaurants, in denen man mit der App zahlen kann. Auch diese Apps habe ich allesamt testen können. Ausgestattet mit NFC-fähigen Kreditkarten, zwei Smartphones, einer englischen Mobilfunknummer und englischem Appstore-Account, ging es Donnerstag früh los nach London. Angekommen am Airport die Ernüchterung. Die für die U-Bahn notwendige Oystercard lässt sich zwar mit Kreditkarte, aber eben nicht kontaktlos zahlen. Das ist in so fern interessant, da die Oystercard selbst eine mit NFC ausgestattete Ticket-Karte ist, mit der in London annähernd jeder Engländer die U-Bahn nutzt. Ohne diese Karte ist man quasi bewegungsunfähig. Sie öffnet den Zugang zu jeder U-Bahnstation und was noch wichtiger ist, mit dieser Karte kommt man auch wieder raus. Mit jeder U-Bahnfahrt nutzt der Engländer das gleiche Prinzip wie beim kontaktlosen Zahlungsverkehr. Karte an Terminal halten, Aktion ausführen: Tapp and Go.

Mobile Payment ist in UK nicht exotisch

Die Unterkunft ist in Whitechappel im Osten Londons und befindet sich in unmittelbarer Nähe unzähliger Imbisse, kleiner Geschäfte, Kioske und fliegender Händler. Nicht nur das man wirklich nahezu überall Kreditkarten akzeptiert, auch kontaktloses Bezahlen ist fast überall möglich. Meinen Einkauf in einem kleinerem Tesco-Supermarkt bezahle ich wie selbstverständlich kontaktlos. Auf meine Frage, ob ich kontaktlos zahlen kann ist die Verkäuferin irritiert. Genauso hätte ich fragen können, ob Tesco auch Tee verkauft. Natürlich tut er das und natürlich kann ich kontaktlos zahlen. Die Frage werde ich noch des öfteren stellen und werde genauso oft irritiert angeschaut. Einen weiteren, großen Unterschied zu Deutschland findet man in Form der Self-Service-Kassen. Es ist absolut üblich, dass Kunden ihre Ware selbst einscannen und dann zahlen. In Deutschland eher eine Seltenheit. Das A und O ist eine ausgewogene Ernährung. Anstelle von Fish & Chips geht es auf zu McDonalds. Auch hier begrüßen einen die Kassensysteme offensiv mit dem Hinweis, das kontaktloses Zahlen möglich ist. Man wird drauf hingewiesen! Ich habe Tränen in den Augen.

Mobile Payment in England ist allgegenwärtig (Foto: Maik Klotz)

Man sieht immer wieder Menschen wie sie kontaktlos, also durch Tappen bezahlen. Allerdings ausschließlich mit Kreditkarte. Während meiner Beobachtung habe ich niemanden gesehen, der mit seinem NFC-fähigen Smartphone zahlt. Es spielt keine Rolle, wohin man kommt. Kreditkarte geht immer, kontaktloses bezahlen immer öfter. Ich stelle nach zwei Tagen fest, dass es anders als in Deutschland keine Herausforderung darstellt. Selbst auf Märkten, wie den großen Camdon Market kann man hier und da kontaktlos zahlen.

Mobile Payment ist Tap & Go

Man gewöhnt sich schnell an das tappen, was daran liegt, dass man ständig tappt – alleine schon wegen Londons U-Bahn. Der Test mit Bezahlapps wie zum Beispiel bei Starbucks oder KFC läuft zufriedenstellend. Es funktioniert. Wenig spektakulär. Auch gibt es einige Restaurants und Läden die einen Checkout mit PayPal anbieten, dieser funktioniert mit der PayPal App ebenfalls, aber ist doch etwas aufwändig. Das kann man besser machen. Im Vergleich zum kontaktlosem Zahlen erscheint aber der Bezahlvorgang mit einer App aber umständlich. Während ich bei NFC einfach tappen kann, muss ich bei Bezahlapps das Handy aus der Tasche holen, App starten und den Bezahlprozess einleiten. Das ist wenig charmant und macht nicht wirklich Lust auf mehr.

Mobile Payment in England mit der Paypal App (Foto: Maik Klotz)

Mobile Payment für Kreditkartenherausgeber essentiell

Bei meinem Praxistest in England hatte ich die Möglichkeit vor Ort mit Barclays und über Mobile Payment in England zu diskutieren. Die präsentierten Zahlen waren beeindruckend und machen deutlich, wie weit wir noch von Mobile Payment in Deutschland entfernt sind. So ist bereits seit 2007 jede von Barclays herausgegebene Karte für kontaktloses Zahlen nutzbar. Seit einem Jahr ist die kontaktlose Barclays Karte als Ticket für Busverbindungen im Einsatz, scheinbar mit Erfolg: innerhalb eines Jahres wurde die Karte für über 7 Millionen Einzelfahrten benutzt. Wo Licht ist, ist auch Schatten. Zwar ist im Vergleich zu Deutschland kontaktloses Zahlen deutlich verbreiteter, aber auch in England sind erst 20% der kontaktlosen Zahlungsmöglichkeiten auch für diese aktiviert worden. Trotzdem kann man von einem Erfolg sprechen. England ist, was mobile Payment betrifft, noch nicht erwachsen, aber auch nicht mehr nur in den Kinderschuhen.

Die Unterschiede zu Deutschland

Man kann die Entwicklung in England leider nicht 1zu1 auf Deutschland übertragen. Während der Engländer gerade mal ein Girokonto hat, hat der durchschnittliche Deutsche 2-3 Girokonten was eine höhere Komplexität mit sich bringt. Auch ist man in England traditionell an die Kreditkarte gewöhnt. Bei uns ist die Kreditkarte noch immer eine Ausnahme. Anders als in England, machen Barzahlungen in Deutschland immer noch den größten Anteil aus. Die Einführung von Mobile Payment ist daher England etwas einfacher. Während man nun in Deutschland versucht das Bargeld abzulösen, musste man in England nur die bereits etablierte Kreditkarte mit einer kontaktlosen Kreditkarte ersetzen. Ein Entwicklungsschritt der uns fehlt. Die Kreditkarte ist nicht etabliert, Kartenzahlungen nehmen zwar zu, aber wir sind immer noch ein Bargeld-Land. Nun kommen neue, kontaktlose Bezahlverfahren und der Anwender ist irritiert.

Mobile Payment in England. Barzahlungen sind die Ausnahme (Foto: Maik Klotz)

Zusammenfassung

Die Aufgabe der nächsten Jahre wird es sein, Aufklärung zu betreiben. Etwas, was bisher sträflich vernachlässigt wurde. Der Nutzer muss verstehen, warum er in Zukunft nicht mehr bar oder mit EC-Karte zahlen soll sondern am besten kontaktlos mit zum Beispiel dem Smartphone. Insgesamt hinken wir in Deutschland bei diesem Thema zwei bis drei Jahre zurück, aber der Test in England hat gezeigt wie einfach bezahlen funktionieren kann. Wenn wir in Deutschland eine ähnliche Entwicklung durchmachen wie bei unseren Nachbarn, wird sich der Markt in den nächsten Jahren konsolidieren. Für Anbieter von Bezahl-Apps sind das keine guten Nachrichten, denn diese gab es anfänglich in England auch, heute allerdings nicht mehr. Zu kompliziert und umständlich für den Anwender. Auch kompliziere Verfahren wie Mobile Payment mit Hilfe von z.B. QR- werden es schwer haben. Auf der anderen Seite wird es Raum für neue Produkte geben. So könnte sich das Smartphone zu einem erweiterten Bildschirm mobiler, kontaktloser Bezahlverfahren werden. Das Smartphone bietet dann die Übersicht über die ganzen Bezahlvorgänge, auch wenn es vielleicht selbst nur bedingt als Bezahlmedium taugt.

Danke!

Abschließend möchte ich Barclays, Dimoco, MasterCard und PayPal für die freundliche Unterstützung, ohne die dieser Test unmöglich gewesen wäre, ganz herzlich Danken!

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Über Maik Klotz 23 Artikel
Maik Klotz ist Head of New Business bei einem der größten Software Anbieter in Deutschland mit Schwerpunkt auf mobile Apps im Bereich Finanzen. Seine Stationen sind vielfältig: Produktmanager, Business Development Manager, Design Strategist und CEO. Maik Klotz ist ein Produktmensch, mit Fokus auf den Anwender.

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