Laden von morgen: KI, Gesichtserkennung, Apps und kein Personal

Laden von morgen

In der letzten Woche war ich bei Kaufland einkaufen und habe mal wieder die Self-Scanning-Kassen genutzt. Es hat zwar funktioniert, aber bei der User Experience ist der Prozess noch sehr weit vom Optimum entfernt. Da ich nicht nur zwei bis drei Produkte hatte, konnte ich auch keine Zeitersparnis feststellen.

Solche Systeme sind in meinen Augen Übergangstechnologien, die wir nur temporär auf dem Weg zum friktionslosen Check-Out sehen werden. Für Produkte, die wir  ohne Beratung schnell und bequem kaufen wollen, kann das Ziel nur der völlig automatische Check-Out sein. Wie so etwas aussehen kann, zeigt zum Beispiel die BingoBox in China.

BingoBox

Diese Shops sehen wir Container aus und sind auch ungefähr so groß. Einkaufen kann man in ihnen Waren des täglichen Bedarfs, vergleichbar zum Beispiel mit den 7-11 Läden in Asien. Die Waren kommen von der französischen Warenhauskette Auchan.

Die Kunden müssen bei der Anmeldung ihre Identität nachweisen und können dann mit ihrem einkaufen. Der gesamte Prozess läuft innerhalb des Messengers WeChat, der auf fast eine Milliarde Nutzer kommt.

Am Eingang der BingoBox scannt der Kunde einen , um die Tür zu öffnen. Dann nimmt er die Waren, die er möchte und legt sie abschließend auf den Scanner an der Kasse. Auf dem Display werden die Produkte angezeigt und man kann die Zahlung bestätigen, die dann automatisch innerhalb der Smartphone-App vorgenommen wird.

Am Eingang werden die Produkte noch einmal optisch gescannt, um zu überprüfen, ob auch alle Waren bezahlt wurden. Ist dies der Fall, öffnet sich die Tür und der Kauf ist abgeschlossen.

Objekterkennung und

Das Start-up BingoBox experimentiert mit verschiedenen Technologien von Smartphones über Gesichtserkennung, und Objekterkennung. Im September 2017 kündigten sie an, beim Check-Out nun auf die bisher eingesetzten RFID-Tags durch Objekterkennung ersetzen zu wollen. Nach eigenen Angaben kommt die eingesetzte Technologie auf eine Erkennungsrate von 99 Prozent und man geht davon aus, die im Hintergrund werkelnde Künstliche Intelligenz (KI) weiter trainieren und verbessern zu können.

Die Regale in den BingoBoxen sind mit Kameras und Displays ausgestattet. Die Kameras beobachten das Verhalten der Kunden, um die KI zu trainieren. Über die Displays können die Preise variiert und Botschaften an die Kunden übermittelt werden. Im Schnitt sind die Produkte in den BingoBoxen 20 bis 30 Prozent günstiger als im „normalen“ Laden.

Mit den „Smart Shelves“, dem neuen Check-Out-System und der KI kann ein vierköpfiges Team 40 BingoBoxen betreuen. Seit dem Start in 2016 hat das Start-up rund 160 Boxen in verschiedenen Städten eröffnet, darunter Shanghai, Shenzhen und Peking.

China ist Vorreiter

BingoBox ist nicht das einzige Unternehmen, das sich mit solchen Konzepten beschäftigt. Mehr als zehn Unternehmen, von großen Händlern bis zu kleinen Start-ups tummeln sich hier bereits. Mehr als 130 Millionen Yuan (ca. 17 Mio. Euro) wurden allein im Juli 2017 in diesem Segment investiert, wie die Analysten von IT Juzi meldeten.

Für Aufsehen sorgte schon 2016 Amazon mit seinem Konzept Amazon Go, dass im Frühjahr 2017 an den Start gehen sollte, aber dann doch auf unbestimmte Zeit verschoben wurde, weil man die technischen Schwierigkeiten nicht in den Griff bekam.

Tao Cafe von Alibaba

Auch Handelsriese Alibaba, der schon mit Supermärkten experimentiert, hat mit dem „Tao Cafe“ ein solches Konzept vorgestellt. Das 200 qm große Café wurde in Hangzhou eröffnet und setzt bei den Kunden Alibabas Shopping App „Tao Bao“ voraus. Auch hier scannt man mit der App einen QR Code am Eingang, um hinein zu kommen. Getränke oder Snacks werden direkt am Tresen via Gesichtserkennung zugewiesen und im Hintergrund in der App bezahlt.

Möchte der Kunde noch Waren kaufen, nimmt er sie sich einfach aus dem Regal und verlässt den Laden durch die „Bezahl-Schleusen“ am Ausgang. Auch hier kommt die Gesichtserkennung, gemeinsam mit optischen Sensoren, zum Einsatz.

Wie sicher das System in Bezug auf Ladendiebstähle ist, wurde von ein paar Technikern getestet. Das Video ist eine Anspielung auf die Schwierigkeiten, die Amazon mit seinem System hat.

Ist das die Zukunft?

Sieht nun also die schöne, neue Shopping-Welt so aus? Nein, das denke ich nicht. Diese Konzepte sind nicht überall einsetzbar oder auch wünschenswert. Doch sie werden sich dort, wo sie einen Nutzen stiften, durchsetzen.

  • 24/7/365 geöffnet
  • Geringe Kosten
  • Variable Aufstellorte (siehe BingoBox auf Rädern)
  • Datengenerierung

In Zeiten, in denen auf bei uns ganze Landstriche überaltern oder verwaisen könnten solche Läden eine Grundversorgung sichern. Es wäre besser als nichts, auch wenn es den menschlichen Kontakt, den viele bei einem Einkauf schätzen, dabei nicht gibt.

Diese eher anonymen Einkaufsstätten haben also durchaus eine Existenzberechtigung, auch wenn dies eher nichts für lebendige Innenstädte ist. Hier geht es um Erlebnisse, die die Menschen in den Innenstädten haben wollen. Und dabei spielen Menschen, gerade auf der Seite des Handels, eine immense Rolle. Es wird also wie so oft ein Sowohl-Als-Auch geben.

In meinem beliebten Seminar „Digitale Technologien am POS“ behandel ich unter anderem auch solche Check-Out-Systeme. Die Termine für dieses Seminar im kommenden Jahr werde ich auf ZUKUNFT DES EINKAUFENS in den nächsten Wochen bekannt geben.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf ZUKUNFT DES EINKAUFENS.

Foto: Lee Jordan via Visual Hunt / CC BY-SA

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Über Heike Scholz 422 Artikel

Nach über zehn Jahren als Strategieberaterin für internationale Unternehmen gründete die Diplom-Kauffrau 2006 mobile zeitgeist und machte es zum führenden Online-Magazin über das Mobile Business im deutschsprachigen Raum. Heute ist sie ein anerkannter und geschätzter Speaker und gehört zu den Influencern der deutschen Internet-Szene. Weiterhin ist sie Beiratsmitglied für die Studiengänge Angewandte Informatik und Mobile Computing an der Hoschschule Worms. Als Co-Founder von ZUKUNFT DES EINKAUFENS, begleitet sie die Digitale Transformation im stationären Einzelhandel. Sie berät und trainiert Unternehmen, die sich den Herausforderungen der Digitalisierung stellen und fördert mit ihrem Engagement die Entwicklung verschiedener Branchen und Märkte.

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