Interview mit Heike Scholz: „Meine Erwartungshaltung an Chatbots war zu hoch“

Mobile zeitgeist Gründerin Heike Scholz im Gespräch mit Henning Haake

Heike Scholz

Anlässlich des Ada Lovelace Festivals (19.-20.10.2017 in Berlin) hat Henning Haake Heike Scholz, Gründerin von mobile zeitgeist, ein paar Fragen zu Chatbots, der Entwicklung von Smartphones, Mobile Advertising, Mobile Publishing und gestellt.

Ada Lovelace war die erste Programmiererin, noch bevor es Computer gab. Sie gilt als Visionärin des Computerzeitalters und eine der wenigen weiblichen Persönlichkeiten der Computergeschichte, denn sie entwickelte bereits Mitte des 19. Jahrhunderts ein Programm für eine „Analytical Engine“.

Heike, Ich habe mich gerade mit Eurem mobile zeitgeist-Chatbot per Facebook Messenger unterhalten und er hat mich ein wenig über Eure Seite geführt. Bei nicht vorgefertigten Fragen kam der Chatbot ein wenig ins Schwitzen. Wann hattest Du das letzte Mal eine zielführende Unterhaltung mit einem Chatbot?

So eine Erfahrung hatte ich noch nie mit einem Chatbot. Das lag sehr wahrscheinlich daran, dass meine Erwartungshaltung an Chatbots zu hoch war.

Die Darstellung von möglichen Zukunftsszenarien, in denen wir natürlichsprachlich mit Maschinen kommunizieren und sie förmlich unsere Wünsche von unseren Augen ablesen, verleitet dazu, heutige Chatbots über zu bewerten. Die meisten Chatbots haben heute nichts mit künstlicher Intelligenz zu tun. Sie sind regelbasiert, d.h. sie “reagieren” auf bestimmte Keywords und führen dann eine vorab definierte Aktion durch.

Das führt natürlich dazu, dass ihr Handlungs- bzw. Kommunikationsspektrum sehr eingeschränkt ist und sie im Grunde mit uns einen Frage-Antwort-Prozess durchlaufen, bei dem wir die “richtigen” Schlüsselwörter benutzen müssen.

Bis sich das durch datenbasierte Chatbots mit künstlicher Intelligenz ändert, ist es noch ein gewisser Weg.

In Deutschland herrscht meiner Meinung nach noch ein wenig Chatbot-Skepsis. Siehst du das auch so? Woran liegt es Deiner Meinung nach?

Ja, ich denke, diese Skepsis ist (in Deutschland) durchaus vorhanden. Und sie ist auch menschlich und verständlich. Denn es ist auch für uns das erste Mal, dass wir mit Maschinen so versuchen zu kommunizieren wie mit Menschen. Dass wir da ein wenig fremdeln, kann ich gut nachvollziehen.

Für viele Menschen ist darüber hinaus der Gedanke befremdlich, zukünftig vielleicht nicht mehr erkennen zu können, ob sie mit einem Menschen oder eine Maschine kommunizieren. Sie fühlen sich “betrogen”, wenn sie dachten, es wäre ein Mensch und es entpuppt sich als Maschine. Doch wir werden auch dies lernen und uns daran gewöhnen.

In einem Deiner letzten Artikel titelst Du “Das ist tot und zwar bald“. Kannst Du einmal kurz zusammenfassen, was Du damit meinst? Und wie bald ist bald?

Die Aussage ist etwas provokativ, doch ich bin davon überzeugt, dass wir in absehbarer Zeit nicht mehr in dieser Form auf ein Interface angewiesen sein werden. Intelligente Assistenten, Chatbots, Datenbrillen, Smartwatches und eine Vielzahl unterschiedlicher Zugangswege in die digitale Welt zeigen, dass die Atomisierung der Interfaces in vollem Gang ist.

Hinzu kommt, dass die Medizin große Fortschritte bei Implantaten macht und unsere eigenen Körperfunktionen maschinell unterstützt, ergänzt oder sogar vollständig ersetzt.

Diese Entwicklungen müssen wir nur ein wenig weiterdenken und es wird klar, dass sich die Mensch-Maschine-Interaktion stark verändern wird.

Das Smartphone in seiner heutigen Form wird sich in zehn Jahren überholt haben.

Bei Mobile Zeitgeist dreht sich auch viel um Mobile Advertising. Welche Fehler werden auch 2017 immer noch zu oft gemacht? Und was sind die Werbemittel der digitalen Zukunft?

Der wohl größte Fehler, der im Mobile Advertising gemacht wurde (und wird) ist zu denken, dass etwas das an einem Desktop Rechner funktioniert in kleinerer Form auch auf mobilen Geräten erfolgreich ist.

Die Zeichen, dass Unterbrecherwerbung keine gute Idee ist, hätte man schon in Desktop Zeiten erkennen können, doch wollte man das offensichtlich nicht. Nun kämpft man mit der massenhaften Nutzung von AdBlockern, auch auf mobile Geräten.

Wie es besser gehen kann, zeigt z.B. schon seit langem WeChat. Dies ist kein Messenger mehr, wie wir ihn noch von WhatsApp kennen. WeChat ist zu einer den gesamten Lebensalltag umfassenden Plattform geworden, auf der ich Arzttermine buchen kann, Shoppen gehe, meine Freunde virtuell treffe und in jedem Geschäft bezahlen kann.

Die Nutzer verbringen einen großen Teil ihres nicht nur digitalen Lebens auf WeChat. Und dort sind entsprechend auch die Unternehmen präsent und bieten persönliche Ansprache und kontextbezogene Services.

Sei es Euer Magazin oder unsere Webseite: Content für mobile LeserInnen wird in der Regel immer noch am Desktop/Laptop produziert. Sind wir damit nicht „by Design“ zu weit von der Zielgruppe entfernt? Müssen wir Produzenten von Snapchattern lernen und umdenken?

Natürlich ist es schwierig für die meisten Content Produzenten, die ja an Desktop Rechnern arbeiten, den mobilen Nutzer immer vor Augen zu haben. Und ich würde auch heute nicht so weit gehen, dass jeder Publisher all seinen Content immer für die mobile Nutzung perfekt aufbereiten muss. Hier sollte man sich nach seinen Nutzern richten.

Mein Magazin wird z.B. immer noch überwiegend am Desktop gelesen. Ich beobachte das genau und sobald meine Nutzerschaft überwiegend mobil zu mir kommt, würde ich dafür optimieren und Desktop vernachlässigen, einfach weil ich als Blogger nicht für beides die Ressourcen habe.

Dies darf jedoch nicht dazu führen, dass wir von neuen Plattformen wie z.B. Snapchat nichts lernen. Die Art, Medien zu konsumieren und Content zu produzieren ändert sich laufend und jeder Publisher muss dies beobachten und in seine Angebote integrieren.

Und nicht zuletzt lernt man von neuen, mobilen Plattformen auch etwas für die Desktop Welt.

Spätestens seit Pokémon Go kommt wirklich niemand mehr am Thema Augmented Reality (AR) vorbei. Auch wenn der Hype ein wenig abgeklungen ist: Was könnte das nächste große Mobile AR-Ding werden?

Pokémon Go hat sehr schön gezeigt, wie Augmented Reality eben doch massentauglich sein kann. Wurde diese Technologie bis dahin eher als nerdige Spielerei abgetan, auch wenn durchaus namhafte Unternehmen damit experimentiert haben, so konnte man nun sehen, dass bei ausreichend guter User Experience auch AR auf dem Smartphone seine Existenzberechtigung hat.

Ich sehe für AR auf dem Smartphone dennoch eher eingeschränkte Use Cases wie z.B. für Möbelhäuser, Tourismus und Fremdenverkehr, Museen oder eben Spiele. In den meisten Fällen wird sich kein Nutzer dauerhaft sein Smartphone vor die Nase halten und AR Anwendungen nutzen.

Dies könnte sich jedoch durch entsprechende Brillen oder auch Kontaktlinsen ändern, wenn zusätzliche Informationen direkt im Sichtfeld eingeblendet werden können. Allerdings muss sich auch hier zeigen, ob der Nutzen groß genug sein wird, solche Geräte dauerhaft zu tragen. Es bleibt spannend!

Danke für das Interview.

Über den Autor: Henning Haake arbeitet seit 2014 als Content-Marketing-Manager bei Euroforum Deutschland. Dort kann er seiner Liebe fürs bloggen, interviewen, recherchieren, texten und allen anderen „Sachen mit Buchstaben“ nachgehen.  Eines seiner Haupt- und Lieblingsprojekte ist das Ada Lovelace Festival, das Euroforum gemeinsam mit der Wirtschaftswoche 2017 bereits zum dritten Mal unter dem Motto Connecting Women in Computing & Technology veranstaltet. Dass er seit Anfang des Jahres Vater einer Tochter ist, hat Henning in seiner Überzeugung, dass die Gender Gap (nicht nur im Tech) geschlossen gehört, nur bestärkt.

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