Das Uncanny Valley – Warum wir fürchten, was uns ähnlich ist

Miquela, Shudu und Dagny sind 3D-Influencer mit enormer Reichweite in Millionenhöhe. Wenn uns diese technischen, realitätsnahen Gegenüber jedoch zu ähnlich erscheinen, erfasst uns das Grauen. Diesen Effekt bezeichnet man als Uncanny Valley.
Quelle: Pixabay

, und gehören mittlerweile schon zum Alltag. Die einfach zu beherrschenden Sprachassistenten versenden Nachrichten, suchen im Netz und erstellen Erinnerungen. Auch wenn immer wieder darüber diskutiert wird, ob es Kinder in der Erziehung verroht, weil sie in der Kommunikation mit Alexa weder „Bitte“ noch „Danke“ benötigen – die Abgrenzung ist klar. Die Stimme kommt aus einer Box und selbst, wenn sich die augenscheinliche Assistentin beschwert und sagt, „dass war aber nicht nett von Dir“, werden die wenigsten bei elementaren Fragen, wie der nach dem Sinn des Lebens, auf die „Blech-Ladies“ als Referenz zurückgreifen.

Bei Miquela, Shudu und sieht es hingegen schon etwas anders aus. Die ersten 3D-Influencer(innen) rüsten sich bereits für den Kampf um die Zahl der meisten Follower.

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Für niedrige „Dienstleistungstätigkeiten“ sind sie nicht gemacht. Sie wollen nur das eine – Reichweite. Und das scheint zu gelingen. 1,6 Millionen Follower konnte „Lil “ in den letzten drei Jahren bereits generieren, und ihrer musikalischen Karriere konnte die Tatsache, dass es sich bei ihr um einen rein fiktionalen Charakter in 3D handelt, keinen Abbruch tun.

Dabei ist die Grenze zwischen Faszination und Grauen fließend. Der als Uncanny Valley (englisch: unheimliches Tal, Gruselgraben) bekannte Effekt beschreibt das Phänomen, dass die Akzeptanz eines technisch-stimulierten Verhaltens durch Roboter oder Avatare von ihrem jeweiligen Realitätsgehalt abhängt. Dabei gilt allerdings, wird uns das technische Gegenüber irgendwann zu ähnlich, erfasst uns das Grausen. Gut, das ist wahrscheinlich etwas zu hart formuliert. Um das „unheimliche Tal“ jedoch erfolgreich zu durchschreiten, bedarf es eines ausdruckspsychologischen Phänomens.

Unsere Akzeptanz schwindet schlagartig ab einem gewissen Grad des Anthropomorphismus‘ (menschliche Eigenschaft bei nicht menschlichen Wesen wie z.B. Götter, Tiere oder Robotern) und steigt erst dann wieder ein, wenn sich die Imitation nicht mehr vom echten Menschen unterscheiden lässt.

Wir haben einen Sinn für das Menschliche

In gewisser Hinsicht interpretiere ich das so, als dass wir Menschen einen natürlichen Instinkt für die Empfindung des wirklich Menschlichen haben. Und das ist eigentlich eine durchaus erfreuliche Eigenschaft.

Aber es stellt auch sämtliche Macher aus dem Roboter-Gewerbe vor eine große Herausforderung. Vielleicht ist das auch schon der Grund, dass der Pflegeroboter Pepper eher aussieht wie ein Verwandter des netten Michelin Männchens und eben nicht wie Sophia, der humanoide Roboter, entwickelt vom Hongkonger Unternehmen Hanson Robotics.

Lebenlang-Interview mit "Pfleger Pepper"

Somit scheint es sich zu bestätigen, alle lieben Nemo aus dem gleichnamigen Pixar-Film, aber ein künstlich generierter Tom Hanks aus dem Film „Der Polarexpress“ wirkt eher befremdlich und ungelenk.

Eine medienpsychologische Erklärung dafür ist, dass Maschinen vom Betrachter ganz klar als „nicht menschlich“ eingestuft werden. Daher wird ihnen jede Eigenschaft, die als menschliche gilt, positiv, fast wie eine Art Bonus angerechnet. Bei menschenähnlichen Robotern kippt dieser Effekt genau ins Gegenteil. Das Fehlen menschlicher non-verbaler Signale wird als Fehler und somit als abschreckend und störend interpretiert.

Interessanterweise betrifft dies sich bewegende Figuren stärker als unbewegte. Besonders eindrucksvoll fiel mir dies bei der Ausstellung Almost Alive der Kunsthalle Tübingen auf. Die dort gezeigten Skulpturen waren von derart faszinierender Schönheit, dass man kaum den Blick von ihnen wenden konnte. Oder besteht vielleicht gerade darin die Faszination? Dass man sie in aller Ruhe ausführlich betrachten konnte, ohne selbst dabei anstößig zu wirken?

Digitale Influencerinnen erobern den Markt

Genau das ist wohl auch der Grund für den Erfolg der virtuellen Influencerinnen. In der reinen Betrachtung und als Projektionsfläche für ein erfolgreiches Leben im Star-Olymp sind sie geschaffen – praktisch, kostenneutral und ohne jede sperrige Persönlichkeit. Die Kommentare der Follower in ihren Posts sind überwiegend positiv. Wann kommt hier der Effekt des „Grauens“? Sobald sie anfangen, sich zu bewegen? Wir werden es sehen.

Aber vielleicht wird es in der Zukunft auch irgendwann zum Alltag, dass ich ein Selfie mit Shudu.Gram einfach selbst erstelle, um meine eigene Timeline auf Instagram damit aufzuhübschen. Vielleicht stelle ich mich in meinen Urlaubsfotos irgendwann neben einen virtualisierten Robbie Williams, um ein bisschen bei meinen Followern damit anzugeben.

Aber vielleicht ist das alles auch irgendwann gar nicht mehr aufregend. 

Tanja Goldstein
Über Tanja Goldstein 18 Artikel
Seit vielen Jahren ist Tanja Goldstein mittlerweile Teil der digitalen Agenturszenen und unterstützt ihre Kunden als Beraterin oder Projektmanagerin. Nachhaltige Digitalisierung ist das Thema, mit dem sie sich leidenschaftlich beschäftigt und das sie sich zum Schwerpunkt gemacht hat. Als Anchor von mobile zeitgeist prägt sie die Ausrichtung des Online Magazins und schreibt selbst über Themen aus ihrem privaten und beruflichen Alltag. Die Vernetzung und der Austausch mit Gleichgesinnten gehören ebenso wie die Beschäftigung mit neuen Technologien und Trends zu Ihrem Alltag. In Wort und Schrift fühlt sie sich zu Hause und bereichert diese durch Ihre Expertise in Psychologie und klassischer Musik.

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