Tango – Der nächste Sprung für Augmented Reality

Tango

Smartphones wissen immer, wo sie sich gerade befinden und können uns ganz selbstverständlich den Weg zu unserem nächsten Ziel weisen. Möglich macht dies das Global Positioning System (GPS), das heute in nahezu jedem Smartphone verbaut wird. Positionierung und Navigation sind damit für uns ganz alltäglich geworden.

Bis wir uns in geschlossene Räume begeben, was bei den meisten von uns ziemlich häufig vorkommt. Hier hilft uns kein GPS mehr und andere Verfahren zur Indoor Positionierung und Navigation, über die wir schon mehrfach berichtet haben, schafften in den vergangenen Jahren keinen Durchbruch. Technisch oftmals nicht ausreichend robust und in der Positionierung und Navigation nicht genau genug – die Wunschvorstellung vieler Kunden liegt hier bei ca. einem Meter, weniger wäre noch schöner.

Tango benötigt keine externen Funksignale

Doch nun tritt mit seinem Projekt Tango an, ein verbessertes System an den Start zu bringen. Mithilfe von Sensoren, maschinellem Sehen und Bildverarbeitung sollen Smartphones ihre Umgebung, also Raum und darin stattfindende Bewegungen besser verstehen lernen. Tango basiert auf drei Kerntechnologien: Lernen, Tiefensensorik und Motion Tracking. Dies soll es den Smartphones ermöglichen, ihre Umgebung zu erkennen, zu „verstehen“ und sich daran zu „erinnern“, also entsprechende Karten anzulegen.

Das Ganze soll Zentimeter-genau möglich sein, ohne dafür externe Signale wie GPS, WLAN oder Bluetooth zu Hilfe zu nehmen. Nicht nur das wäre ein enormer Fortschritt gegenüber den bisherigen Indoor-Technologien, die immer auf solche Signale zurück greifen müssen.

Mancher wird sich ein wenig an Microsofts Xbox 360 Kinect Sensoren erinnert fühlen. Das kommt nicht von ungefähr, denn einer der Chef-Designer von Tango ist Johnny Lee, der auch schon Kinect voran getrieben hat.

Nächste Dimension AR

Die Leistungsfähigkeit von Tango bietet weitaus mehr Anwendungsmöglichkeiten als es eine reine Positionierung oder Navigation, z.B. via GPS, kann. Komplexe (AR) Lösungen sind nicht nur denkbar, sondern werden bereits mit Tango realisiert.

Das E-Commerce Versandhaus Wayfair bietet mit seiner App die Möglichkeit, Möbel in den eigenen Räumen aufzustellen, zu drehen und zu verschieben. Auch Lowe’s arbeitet bereits an einer derartigen App.

Kurz mit dem Smartphone ein Bild an der Wand, einen Tisch oder die Breite einer Tür vermessen. Mit der Tango-App Measure kein Problem.

Wem das zu langweilig ist, dem kann mit Phantogeist geholfen werden. Einem Tango-Spiel der trixi Studios, bei dem im alltäglichen Leben gruselige Monster gesucht, gefunden und bekämpft werden müssen.

Tango Game ‚Pantogeist‘

Oder doch noch eine Nummer kleiner? Dann holt man sich verschiedene Dinosaurier mit der App des American Natural History Museum einfach nach Hause ins Wohnzimmer und setzt sie auf’s Sofa.

Tango App American Museum of Natural History

Das französisch-amerikanische Start-up GuidiGO hat schon eine Tango App für Museen und historische Stätten entwickelt, z.B. eine 3D Geolocation-App für das Museu Nacional d’Art de Catalunya in Barcelona. Die Smartphone- und Tablet-App leitet die Besucher mittels blauer Punkte auf dem Boden zu den Ausstellungsstücken. Dort angekommen erscheinen Marker auf den Kunstwerken. Tippen lädt weitere Informationen und Bilder zu genau diesem Punkt.

Tango App von GuidiGO

Vorteile gegenüber

Alle diese Beispiele zeigen den Reiz, den Tango hat. Virtual Reality (VR) Headsets wie die Oculus Rift schaffen eine eher stationäre virtuelle Welt. Man kann sich in dieser Welt zwar um sich selbst drehen, aber nur eingeschränkt bewegen. Größere Strecken müssen virtuell überbrückt werden und für die eigenen Hände und Gesten benötigt man wieder Geräte, die diese simulieren.

Augmented Reality hat den Vorteil, dass wir weiterhin Kontakt mit der uns umgebenden, realen Welt halten und uns in ihr ganz natürlich bewegen können. Das erklärt auch den derzeitigen Erfolg von Pokémon Go.

Bei Pokémon Go schweben jedoch die Monster eher zusammenhanglos im Raum und haben keinen sinnvollen Kontakt zu der jeweiligen Umgebung. Dies wird Tango möglich machen, denn hier können die Monster, Dinosaurier oder was auch immer auf Gegenständen sitzen, liegen oder sich hinter ihnen verstecken. Sie werden größer, wenn man sich ihnen nähert und passen sich so für uns logischer und sinnvoller in die Umgebung ein, anstatt irgendwie in der Luft zu schweben.

Noch fehlt die Hardware…

Doch vor den Erfolg haben die Götter ja bekanntlich den Schweiß gesetzt und so läuft Tango auf den heutigen Smartphones wegen der fehlenden Sensoren natürlich nicht. Es werden spezielle Geräte benötigt, die nicht nur größer und schwerer als herkömmliche Smartphones sind sondern auch noch teurer. Das Device benötigt mehr Power also bessere Akkus und erzeugt mehr Wärme, die abgeleitet werden muss. Im Vergleich dazu benötigt GPS nur einen kleinen Chip und eine Antenne.

Bis also Tango auf allen handelsüblichen Smartphones lauffähig sein wird, dauert es wohl noch ein wenig. Die Zusammenarbeit mit Qualcomm wurde bereits aufgenommen, um die Miniaturisierung voran zu treiben. Auch GPS hat einmal groß angefangen und so stehen die Chancen für Tango recht gut.

Heute gibt es ein Gerät, das Tango bereits nutzen kann, das Phab2 Pro von Lenovo. Es soll noch in diesem Sommer für rund 500 US$ auf den Markt kommen.

…und das Ecosystem

Doch nicht nur Hardware ist für den Erfolg entscheidend. Auch müssen mehr Entwickler davon überzeugt werden, für Tango gute zu entwickeln. Mit dem Verkaufsstart des Phab2 Pro sollen rund 50 Tango-Apps im Play Store zur Verfügung stehen. Doch Tango soll sich in möglichst viele mobilen Geräte integrieren, vom Tablet über Wearables bis hin zu Robotern, die dann in unseren Wohnzimmern um die Möbel herum fahren können. Auch Kommandos wie „Geh zur Tür“ würden unsere technischen Begleiter dann verstehen und ausführen.

Tango sieht wie der nächste logische Schritt bei Augmented Reality aus und lässt auf bessere Anwendungen hoffen. Es werden gleich zwei wesentliche Schritte mit Tango gemacht: Positionierung (Geo-Lokalisierung) und Navigation in geschlossenen Räumen und viele neue Optionen für AR-Anwendungen. Es ist zwar noch ein Weg, aber Unternehmen, die heute hier für sich Ansatzpunkte sehen, sollten sich beizeiten mit Tango befassen.

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Über Heike Scholz 411 Artikel
Nach über zehn Jahren als Strategieberaterin für internationale Unternehmen gründete die Diplom-Kauffrau 2006 mobile zeitgeist und machte es zum führenden Online-Magazin über das Mobile Business im deutschsprachigen Raum. Heute ist sie ein anerkannter und geschätzter Speaker und gehört zu den Influencern der deutschen Internet-Szene. Weiterhin ist sie Beiratsmitglied für die Studiengänge Angewandte Informatik und Mobile Computing an der Hoschschule Worms. Als Co-Founder von ZUKUNFT DES EINKAUFENS, begleitet sie die Digitale Transformation im stationären Einzelhandel. Sie berät und trainiert Unternehmen, die sich den Herausforderungen der Digitalisierung stellen und fördert mit ihrem Engagement die Entwicklung verschiedener Branchen und Märkte.

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