Mobile Payment in Deutschland – Fazit des Selbsttests (Teil 2)

mobile payment in deutschland

Was bisher geschah

Anfang August machte ich einen Praxistest zu den mobilen und alternativen Bezahlverfahren, dem Mobile Payment in Deutschland. Meine, sagen wir mal mittelgute, Erfahrung habe ich im ersten Teil geschildert. Im zweiten Teil versuche ich etwas tiefer zu gehen und die aufgetretenen Probleme etwas im Detail zu beleuchten. Aus meiner Sicht dreht sich vieles um die Frage nach dem “Warum”.

Bevor ich jedoch tiefer in die Details gehe, möchte ich mich herzlich für die positive Resonanz bedanken! Zu den kritischen Stimmen, über die ich dankbar bin, möchte ich sagen: Ja, es war kein wissenschaftlicher Test und es gibt Optimierungspotential. Deshalb werde ich in die zweite Runde gehen und einen zweiten umfangreicheren Praxistest wagen, an dem ihr euch beteiligen könnt. Ich soll Lösung XYZ probieren? Ich werde es tun!

Zurück zum Thema.

Warum sollte man etablierte Bezahlverfahren wie das Bezahlen mit und EC- und Kreditkarte um weitere Bezahlverfahren, sei es nun kontaktlos via oder mit dem z.B. mit einer App, ergänzen?

Diese Frage beantwortet die Industrie meiner Meinung nach nur unzureichend. Ich kenne natürlich die ganzen Buzzwords und Argumente, aber wie sieht das der Kunde?

Die Kernfrage

Warum sollte ich, also der Kunde, kontaktlos oder mit einer App bezahlen?

Ich habe versucht mir eine Antwort auf diese Frage geben zu lassen und habe erst einmal die Webseiten der verschiedenen Anbieter besucht, die sich dem Thema auf die eine oder andere Art und Weise annehmen, wie z.B. girogo der Sparkassen, , PayPass oder Anbieter von Bezahl- wie Netto.

Besucht man die Webseite von girogo, dann gibt es zunächst einmal nur ein Youtube-Video. Dieses cineastische Meisterwerk zeigt eine Pirouetten schlagende Frau, die tanzend mit einer Karte über Funk bezahlt. Soso. Ich kann also tanzend bezahlen. ok.

mpass hat auch eine Antwort. Mit mpass kann ich meine Einkäufe einfach per Handy zahlen. Punkt. Warum muss ich wohl nicht wissen. Und es geht mit jedem Smartphone. Das dazu ein NFC-Aufkleber notwendig ist, verschweigt man besser. So gesehen kann ich auch mit jeder Gurke kontaktlos zahlen.

Bei Mastercards PayPass zahle ich mit einer Handbewegung. Ok verstehe, was ich sonst mit den Füßen gemacht habe, funktioniert nun mit der Hand. Verrückt, was heute so alles geht.

Auf der Webseite zur  Netto-App geht es etwas informativer zu Sache. Zwar verdeckt die Netto-eigene Kreditkartenwerbung zunächst die Sicht auf die Seite (sinnfrei), aber ist die erstmal weggeklickt, soll die Netto App beim Sparen helfen. Es gibt und Gutscheine. Das verstehe ich.

Das Dilemma

Diese Beispiele zeigen das eigentliche Dilemma. Im Notfall tanzt jemand, das geht immer. Warum ich als Kunde mein etabliertes Bezahlverfahren ändern soll? Keine Ahnung. Vermutlich weil die Anbieter glauben es sei einfacher.

Die Vereinfachung von etablierten Prozessen ist legitim und auch ein gutes Argument. Es ist wichtig. Auch das Hinzufügen von Mehrwertdiensten ist ein Argument. Aber ist kontaktloses Bezahlen oder Bezahlen mit einer App per se einfacher? Gibt es spannende Mehrwertdienste, die mich als Kunden dazu bewegen mit einer App zu zahlen?

Pauschal kann man das nicht sagen. Natürlich kann man den Bezahlvorgang drastisch vereinfachen. Biometrische Zahlverfahren, wo keine Hardware mehr erforderlich ist, gehen in diese Richtung. Auch kontaktloses Bezahlen mit einer NFC-fähigen Karte oder Sticker kann einfacher sein. Kann.

Ist es in der Praxis aber nicht. Angefangen bei komplizierten Registrierungsprozessen wie bei mPass, technischen Problemen an der Kasse bis hin zu umständlichen Preload-Verfahren wie bei girogo, hat man die etablierten Bezahlvorgänge wie Barzahlungen oder EC-Kartenzahlung mit Unterschrift oder Pin, de facto nicht vereinfacht. Manches ist gar deutlich aufwändiger geworden. Auch sind alle von mir getesteten kontaktlosen Zahlverfahren nicht schneller. Im Gegenteil. Der Vorgang bei mPAss dauerte ca. zehn Sekunden. Bei Aldi mit EC-Karte und PIN nicht mal fünf.

Und Apps? Das Bezahlen an der Kasse mit der App wie bei Netto funktioniert prinzipiell gut, aber für jeden Händler eine eigene App? Selbst Edeka, die zur Netto-Gruppe gehört, hat eine eigene App. Ich kaufe bei Aldi, REWE, Netto und bei Real ein. Vier Apps, vier Registrierungsprozesse, vier mal suchen, vier mal Frust. Das macht einkaufen nicht einfacher, sondern komplizierter.

An der Kasse stehen, Smartphone entsperren, App suchen und starten, ggf. noch eine PIN eingeben?

Beim Bezahlen mit der App hat man auch immer einen technischen Nachteil. Der Empfang. Je nach dem wo man sich im Ladengeschäft aufhält, hat man gar keinen Empfang. Da fällt das Bezahlen per App gerade aus. Und mit WLAN ist mal noch kein Netto ausgestattet worden.

Warum also das ganze? Man weiß es nicht genau. Vielleicht im Moment nur deshalb, weil alle drüber reden. Vor allem die Anbieter von alternativen Bezahlverfahren. Dabei haben diese ihr Geschäftsmodell noch nicht mal so richtig gefunden. Von transaktionsbasierten Modellen bis hin zu Mehrwertdiensten und neuen Werbemöglichkeiten ist alles dabei. Festlegen will sich niemand. Egal welche Geschäftsmodell auch verfolgt wird, der Kunde scheint bei der Diskussion erst mal egal zu sein.

Schaut genau hin

Eine Mutter mit zwei quengelnden Kindern an der Kasse. Eine älterer Herr, der fast blind ist oder der junge Typ, der schnell zu seiner Freundin will. Die Menschen an den Kassen funktionieren anders, als man sich das in mancher Marketing-Abteilung so ausdenkt. Die Menschen hinter den Kassen auch. Es ist völlig utopisch zu glauben, das jemand unter Zeitdruck sein Smartphone aus der Tasche holt, die App sucht, diverse PINs eingibt, um so etwas einfaches zu tun wie zu bezahlen? Kontaktlos zahlen erst ab einem Betrag von 10 Euro und dann nur bis 25 Euro ohne PIN? Das ist die Realität.

Das alles kann und muss einfacher sein.

Wunschkonzert

EC-Kartenzahlungen sind nicht tot. Barzahlungen auch nicht. Was fehlt ist eine Brücke. Eine Brücke zwischen den ganzen Zahlverfahren. Eine Brücke zwischen den Technologien. Der Kunde möchte mit EC-Karte zahlen? Ok. Kontaktlos? OK. Per App? Auch OK. Alles wird zusammengefasst in einem übergeordneten Account. Mit diesem Account bekommt der Kunde eine Bezahl-Karte. Eine Karte, die EC und Kreditkarte vereint und mit NFC Funktion kommt.

Dazu eine App mit der ich auf Wunsch auch zahlen kann. Dem Account können alle meine Girokonten hinterlegt werden, die ich ohnehin schon habe. Ein Regelassistent hilft mir, eigene Regeln zu definieren: Onlinekäufe werden immer mit beglichen. Kaufe ich bei Aldi ein, dann wird das Geld hintenraus vom Postbank-Konto abgebucht. Tankstellen gehen immer von der Kreditkarte ab. Und wenn ich das Taxi mit der App bezahlen will, geht das auch.

One Card to rule them all. Abgerundet mit einer App für Smartphones und Web, inkl. Peer-2-Peer Payment, also dem einfachen Geldtransfer zwischen Freunden. Diese System fasst im Prinzip meine bestehende Infrastruktur zusammen. So etwas zum Beispiel.

Ähnliche Ansätze gibt es in den USA. z.B.die Echo-Card von Protean?. Aber noch einmal: es ist nur ein Beispiel, welches deutlich machen soll, wie wichtig es ist, den Kunden ganzheitlich zu betrachten. Dazu gehören viele Facetten, auch PFM-Tools, die dem Kunden helfen den Überblick über seine finanzielle Situation zu behalten.

Auch das genannte Beispiel lässt sich weiter spinnen. Warum mit dem NFC-fähigen Smartphone zahlen und nicht mit einer (Smart)Watch die ich tatsächlich immer dabei habe? Oder einem NFC-Ring, wie er jüngst auf Kickstarter vorgestellt wurde.

Im Grunde muss es doch egal sein, wie der Kunde zahlen will – die Kassensysteme und Akzeptanzstellen müssen Multi Plattform-fähig werden, nicht der Kunde!

Wunschkonzert? Ja vielleicht. Aber ein schönes.

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Über Maik Klotz 23 Artikel

Maik Klotz ist Head of New Business bei einem der größten Software Anbieter in Deutschland mit Schwerpunkt auf mobile Apps im Bereich Finanzen. Seine Stationen sind vielfältig: Produktmanager, Business Development Manager, Design Strategist und CEO. Maik Klotz ist ein Produktmensch, mit Fokus auf den Anwender.

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  1. Mobile Payment in Deutschland? Gibt es nicht. Ein Praxisbericht.

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