Interview: Josef Rossmann zur Insolvenz-App ‚InsoRadar‘

insoradar

In der letzten Woche erhielt ich eine Pressemeldung von UnipushMedia zu einer neuen iPhone-Applikation Insoradar, die „Insolvenzen von Privatpersonen und Unternehmen in Ihrer Umgebung anzeigt. Darüber hinaus enthält InsoRadar auch die genauen Positionen von Zwangsversteigerungs-Immobilien in vielen Orten Deutschlands.“

Meine erste Reaktion darauf war „wie gruselig“ und in der folgenden, hitzigen Diskussion unter den mobile zeitgeist Redakteuren war dies sicherlich noch eine der gemäßigteren Äußerungen aus dem Lager der Gegner.

Viele Gespräche, nicht nur in unserer Redaktion sondern auch in meinem Bekanntenkreis lassen mich diese App nun etwas differenzierter sehen. Ja, auch in meinen Augen besteht die Gefahr, dass „liebe“ Mitmenschen diese Applikation als Pranger verstehen werden, nur um wieder einmal ein vermeintlich wichtiges Detail über ihre Nachbarn zu erfahren und es natürlich auch weiter zu tratschen. Dies ist bei Menschen unvermeidlich und man kann es verwerflich finden die Barriere, um an diese Informationen zu kommen, mit einem App-Preis von 1,59 Euro so niedrig zu setzen.

Doch lässt sich der Nutzwert dieser App eben auch nicht verleugnen. Gerade kleine Unternehmen oder Handwerker, die häufig keine Schufa- oder sonstige Kreditauskünfte einholen und eben auch nicht ständig den Bundesanzeiger durchlesen, können profitieren. Denn gerade in diesem Umfeld gibt es viele Auftraggeber, die in betrügerischer Absicht und obwohl sie insolvent sind, noch Firmen tätig werden lassen. Genau hierfür sind die Veröffentlichungen der Gerichte ja auch gedacht: Zum Schutz der Gläubiger.  Das Gleiche gilt natürlich für Unternehmen, die an Privatpersonen verkaufen.

Ein weiteres Argument war im Hinblick auf die Veröffentlichung der Zwangsversteigerungen, dass dies dem Schuldner ja zu Gute kommen würde. Denn um so mehr bei der Auktion mitmachen und für das Objekt bieten, um so mehr Geld kommt ggf. zusammen, was ja nur im Sinne des Schuldners sein kann.

Wir konnten innerhalb der mobile zeitgeist Redaktion keine Einigkeit herstellen und wollten daher nicht so ohne weiteres über die App berichten, sie aber eben genau wegen der Polarisierung, die diese App so leicht auszulösen vermag, auch nicht verschweigen. Daher haben wir Josef Rossmann (@josefrossmann) von UnipushMedia zu Insoradar ein paar Fragen gestellt, die uns bewegt haben.

1. Sehr geehrter Herr Rossmann, vielen Dank, für ein paar Fragen bezüglich Ihrer Insolvenzapp zur Verfügung zu stehen. Sie produzieren normalerweise Applikationen und White-Label-Lösungen für den Publishingbereich als Auftrag. Diese App haben Sie als UnipushMedia selber finanziert und vertreiben sie auch auf Ihr Risiko hin?

Wir machen beides: wir erstellen als Dienstleister Apps für Kunden und veröffentlichen aber auch eigene Apps. InsoRadar ist eine App unserer Firma, der UnipushMedia.

2. Da die App den bisherigen Rechercheaufwand minimalisiert, wäre da ein höherer Preis für eine – gemessen an sonstigen Apps aus Ihrem Haus (wie z. B. die Koch-App für Eltern oder „Auf dem Bauernhof“) – relativ kleine Zielgruppe nicht gerechtfertigt?

Als App-Entwickler würde man natürlich immer gerne höhere Preise aufrufen, wir denken aber dass 1,59 Euro als Einführungspreis für eine iPhone-App ganz in Ordnung ist. Wenn die App weiterhin so erfolgreich ist wie jetzt zum Start, werden neue Features und Funktionen kommen, wir haben da noch einiges vor.

3. Was erhoffen Sie sich für Verkaufszahlen und für wen ist die App interessant? Für welche Zielgruppe ist die App entworfen?

InsoRadar ist sicherlich für viele Leute interessant, da es eine solche App vorher noch nicht gegeben hat. InsoRadar ist eine echte Erleichterung, um mit dem iPhone einfach an Daten von Insolvenzen und Zwangsversteigerungen zu gelangen. Wir haben im Vorfeld natürlich intensiv recherchiert, mit vielen Fachleuten gesprochen und uns von Rechtsanwälten beraten lassen. Insbesondere für Rechtsanwälte, Insolvenzverwalter aber auch Immobilienmakler oder Verwerter von Firmeninsolvenzen ist InsoRadar eine spannende App.

4. Einige unserer Redakteure fanden es moralisch schwierig, diese Daten so offen über eine App darzulegen, was antworten Sie ihnen?

5. Denken Sie, dass Diskussionen über „heikle“ Daten nicht nur etwas mit diesen selbst, sondern auch mit der Zugänglichkeit zu tun haben? Und wenn ja, ist Datenschutz evtl. auch ein Thema das mal schwarz, mal weiß aber auch sehr oft grau schillert, wenn man es genauer beleuchtet?

Ich fasse die Antwort auf diese beiden Fragen zusammen:

Im Falle von InsoRadar ist die Sachlage eindeutig: Die Daten von Insolvenzen und Zwangsversteigerungen sind vom Gesetzgeber ausdrücklich für die Öffentlichkeit vorgesehen. Darüber hinaus haben wir die offizielle Genehmigung der zuständigen Behörden, dass wir die Daten nutzen und in der App veröffentlichen dürfen. In unserer App InsoRadar finden Sie nichts, was nicht die Gerichte selbst im Internet veröffentlichen. Alles, was wir tun, ist, exakt diese Daten – nicht mehr und nicht weniger – auf das iPhone zu bringen.

Letztendlich finden Sie Zwangsversteigerungen auch in Ihrer örtlichen Tageszeitung und über Insolvenzen wird ebenfalls in den Medien berichtet. Ich glaube schon, dass es von öffentlichen Interesse ist, dass diese Angaben auch leicht zugänglich gemacht werden. Wenn jemand bei einem Schreiner vor Ort eine Anzahlung für eine Schrankwand gemacht hat, ist es für ihn wichtig zu erfahren, wenn dieser Handwerker Insolvenz anmelden muss. Oder denken Sie an Schlecker als prominentes Beispiel und die vielen Arbeitsplätze, die durch die Insolvenz bedroht sind.

6. Ist die Moral was den Umgang mit Daten angeht in Deutschland z.B. im Vergleich mit den USA zu streng und hemmt Innovationen?

Im Falle der App InsoRadar sind die darin enthaltenen Daten ja ganz ausdrücklich für die Öffentlichkeit vorgesehen. Diese Daten dürfen nicht in einen Topf geworfen werden mit persönlichen oder vertraulichen Daten, die durch Recht und Gesetz geschützt sind. Insofern glaube ich nicht, dass man mit geschützten Daten in Deutschland grundsätzlich laxer umgehen sollte.

7. Wie hoch sehen Sie die „Missbrauchsgefahr“, dass man sich die App herunter lädt, um über die finanzielle Not anderer informiert zu sein (Stichwort: „Nachbarschaftstratsch“) oder spekulieren Sie sogar darauf?

InsoRadar liefert keine Informationen, die nicht auch irgendwann in der Zeitung stehen oder im Internet beim jeweiligen Gericht abgerufen werden könnten.

8. Wie reagieren Sie, wenn jemand der von einer Insolvenz betroffen ist auf Sie zukommen würde und Sie bitten würde, seinen Eintrag aus der Datenbank zu streichen?

Unsere App zeigt nur Insolvenzbekanntmachungen der letzten 14 Tage direkt an, danach fällt der Eintrag automatisch aus InsoRadar heraus. Möchte jemand in unserer App ältere Daten einsehen, leiten wir ihn direkt zum zuständigen Gericht weiter, ohne dass der Nutzer die App verlassen muss.

9. Benutzen sie offene APIs der Ämter? Oder Screenscraping der Zeitungsinhalte?

Wir nutzen die Daten der Gerichte mit offizieller Genehmigung der zuständigen Justizbehörden.

10. Im Falle der offenen API, welche Verbesserungen wünschen Sie sich von unseren Behörden um Daten zugänglich zu machen?

Wir haben noch einige spannende Apps in Vorbereitung, bei denen wir unter anderem auch öffentliche Daten von Behörden verwenden werden. Da gibt es viele kostbare, ungehobene Schätze an Informationen und Daten, die für Bürger sehr interessant sind. Schnittstellen gibt es dafür aber nur in den seltensten Fällen.

11. Wie geht es mit anderen Plattformen weiter? Wann wird es Insoradar auf Android und ggf. WinPho geben?

Ob und wann es InsoRadar für Android oder andere Handy-OS geben wird, hängt davon ab, wie erfolgreich die iPhone-Variante läuft. Konkret geplant ist derzeit noch nichts.

 

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Über Heike Scholz 552 Artikel
Nach über zehn Jahren als Strategieberaterin für internationale Unternehmen gründete die Diplom-Kauffrau 2006 mobile zeitgeist und machte es zum führenden Online-Magazin über das Mobile Business im deutschsprachigen Raum. Heute ist sie ein anerkannter und geschätzter Speaker und gehört zu den Influencern der deutschen Internet-Szene. Weiterhin ist sie Beiratsmitglied für die Studiengänge Angewandte Informatik und Mobile Computing an der Hoschschule Worms. Als Co-Founder von ZUKUNFT DES EINKAUFENS, begleitet sie die Digitale Transformation im stationären Einzelhandel. Sie berät und trainiert Unternehmen, die sich den Herausforderungen der Digitalisierung stellen und fördert mit ihrem Engagement die Entwicklung verschiedener Branchen und Märkte.

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