Wie sich Kunden ihre Apps selber versauen

Kaputte App

Der Kunde ist König

Kunden sind ja eigentlich die besten Menschen der Welt. Sie haben tolle Ideen, Produkte, Services und sind gewillt, Geld auszugeben, um all das in schicke zu packen. Bravo, lang lebe der König!

Manchmal aber sind selbst die besonnensten Kunden derart blind vor Macht, dass sie sich zu einem kleinen King Joffrey* entwickeln. Warnende Hinweise der treuen Dienstleister werden fahrlässig ignoriert, ungeachtet der Tatsache, dass dadurch die eigenen Vorhaben gefährdet werden.

Hier ein paar besonders häufig auftretende Beispiele aus der Praxis, auch wenn sich die Liste vermutlich lange weiterführen ließe, wie manch böse Zungen behaupten.

Das Logo muss rein

Kunden sind stolz auf ihr Logo. Zu Recht! Das ist aber noch lange kein Grund, es omnipräsent in seine App zu prügeln.

Ist das Logo auf dem App Icon noch vollkommen fein und schick, fängt es schon beim Starten der App auf dem Splashscreen an zu nerven. Apps starten heutzutage innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde, es gibt also keinen Grund, seine Nutzer künstlich auszubremsen, nur um sein Logo anzuzeigen. Eine App ist ein Werkzeug. Je schneller man es benutzen kann, desto besser.

Noch schädlicher wird es, wenn das Logo auch innerhalb der App immer sichtbar sein muss. Warum eigentlich? Der Nutzer hat doch gerade erst die App gestartet. Er ist also ganz sicher nicht ratlos, in wessen Welt er sich gerade befindet. Und dort, wo dann sinnlos das Logo verweilt, geht wertvoller Platz verloren. Für hilfreiche Informationen und schicke Funktionen. Bitte lassen Sie das.

Augen zu und durch

Vor 9,10 Jahren war das ja noch irgendwie ganz süss, wenn Coca Cola eine App herausgebracht hat, mit der man so tun konnte, als ob man aus seinem iPhone gerade eine Cola trinkt.

Heutzutage kann man mit solchen Marketing-Gags wirklich niemanden mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Und trotzdem werden jeden Tag neue Apps in Auftrag gegeben, die kein Mensch da draußen braucht.

Auf diese Weise wird massiv Geld verbrannt und nachdem die App dann wie erwartet mit zweistelligen Downloadzahlen in den Stores vergammelt, kommt das Unternehmen zum pauschalen Rückschluss, dass Apps Quatsch sind. So ganz sicher, ja.

Ganz am Rande: Wer bei so einer Anfrage als Dienstleister nicht Tacheles redet, der sollte dringend seine moralischen Werte überprüfen. Womit wir wieder bei King Joffrey wären.

Das Beste zweier Welten

Wer noch immer denkt, dass es praktisch, effizient oder intuitiv ist, wenn man Elemente von und vermischt, der hat Mobile grundsätzlich nicht verstanden.

Kein Nutzer dankt es einem, wenn eine App auf iOS und Android gleich aussieht und funktioniert. Ganz im Gegenteil! Eine gute App liefert eine auf die jeweilige Plattform optimierte Nutzererfahrung.

Ein Beispiel: Wer in seiner iPhone-App auf das klassische Android-Burger-Menü links oben besteht, der vermischt zwei Welten auf maximal unglückliche Weise. Denn bei einer Wischgeste von links erwartet ein iOS-Nutzer die Zurück-Navigation und nicht etwa das Öffnen eines Menüs.

Das ist im Grunde so, als würde man eine Hochzeit der Stark-Familie in den Räumlichkeiten eines Lannister-Verbündeten feiern wollen. Das kann nicht gut enden und sorgt für eine Menge böses Blut.

Ein Häuschen

Kühne Behauptung: Es gibt in der ganzen weiten Welt keine einzige wirklich gute App, die eine Startseite mit Häuschen hat.

Das Konzept einer Startseite stammt jedenfalls aus der Web-Welt und hat in Apps nichts verloren. Wenn eine Startseite nicht mehr bietet als Einstiegspunkte in die unterschiedlichen Bereiche einer App, dann ist sie sinnlos, Punkt. Dafür gibt es die Tabbar, das Burger-Menü und andere native Navigations-Elemente, welche allesamt den Vorteil bieten, dass man sofort in den relevantesten Punkt starten kann und seinen Nutzern dadurch einen Tap spart.

Anders sieht das aus bei Dashboards. Werden Daten aus den jeweiligen Unterebenen sinnvoll aggregiert und hübsch aufbereitet, kann das in vielen Fällen einen echten Mehrwert bieten und hat somit auch seine Daseinsberechtigung.

In Vergessenheit geraten

Alle legen sich mächtig ins Zeug, Version 1.0 geht mit Feuerwerk und Trompeten live in den Stores und dann passiert…

Nichts.

Neue Betriebsystem-Versionen mit ganz frischen Möglichkeiten kommen und bleiben, so wie auch Design-Trends, Hardware mit neuen Display-Größen, White Walker marschieren unbeachtet auf die Mauer zu… was bei all dem aber ausbleibt, ist ein Update der App.

Egal, wie toll Version 1 war, sie reicht nicht aus.

Nutzer erwarten heutzutage eine kontinuierliche Weiterentwicklung ihrer Apps. Dabei geht es nicht nur darum, die technische Lauffähigkeit zu gewährleisten, sondern seine App kontinuierlich zu verbessern. Und verbessern heisst in erster Linie das Bestehende zu optimieren, nicht neue und immer mehr Funktionen hinzuzufügen. Dafür braucht es wertvolle Einblicke in das Nutzungsverhalten seiner User und die Bereitschaft zu experimentieren.

Passend dazu: Wer sich keine Gedanken über Version 1.0 hinaus macht, der neigt auch dazu, das Marketing und den App-Store-Auftritt zu vergessen. Eine vernünftige Vermarktungs-Strategie inklusive ASO gehört bei der Planung einer App ganz einfach dazu.

Kill your favorites

Eine schlechte Idee ist eine schlechte Idee. Kommt die vom Praktikanten, lachen alle kurz herzlich und weiter geht’s.

Kommt diese schlechte Idee aber von „ganz oben“, wie es in Unternehmenskreisen gerne heisst, wird lamentiert, argumentiert und letztlich kapituliert. Einig sind sich im operativen Team zwar alle, aber laut aussprechen will es keiner. Und so wird eben umgesetzt, was King Joffrey sich wünscht.

Was bleibt, ist ein schwachsinniges Feature, was genau *einen* Menschen glücklich macht und alle anderen nervt. Mehr Mut zur Revolution bitte.

Über den Autor: Manuel Raimund ist Mobile only seit Tag 1. Mehr als 10 Jahre Beratung von Startups und Unternehmen zu Apps und mobile Services. Macht aus Ideen, Fragen und Chaos einen konkreten Plan. Hat den Blick für das große Ganze und das Händchen für das Operative. Gründer und Geschäftsführer von Die neue Abteilung, einer Beratungsagentur spezialisiert auf Apps und Co-Moderator des gleichnamigen Podcasts.

*Anm. d. Red.: Die genannten Personen sind Charaktere aus der Fernsehserie Game of Thrones.

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