iPad

ipad als schulbuch

Nun ist es also da und ich möchte es bislang zukünftig nicht mehr großartig weiter verfolgen, denn das ist sowas von unmobil, dass es hier eigentlich kaum Erwähnung finden dürfte, aber der Markt ist ja immer mal wieder für eine Überraschung gut und vielleicht kann man mit dem großen Ding auch irgendwann mal so telefonieren, dass es nicht wie das klassische Brett vorm Kopf aussehen wird. Das gehört jedenfalls auf den heimischen Wohnzimmertisch und nicht in die U-Bahn.

Wenn die Datenkrake Google allerdings die 2000er-Jahre prägte, so darf man mittlerweile davon ausgehen, dass wohl das neue Böse sein wird, denn solange Google noch immer ermöglicht, anonym zu surfen (wenn man keinen Google-Account hat), so sind iPhones, iPads etc seriennumeriert und so lange man auf offiziellem Weg keine Möglichkeit hat, auf diese Geräte außerhalb Daten zu laden, wird wunderschöne aufgeschlüsselte Profile erzeugen können, die (bislang) nicht nur Spiel-, Software- und Musikgeschmack eines Nutzers protokollierten, sondern demnächst auch genau wissen, was man gelesen hat.

Einen direkteren Zugang zum Bildungsstand eines Bürgers hat es selten gegeben. Und wer nicht glaubt, dass man vom Musikgeschmack auf den Charakter eines Menschen schließen kann, der hat in seiner Jugend nie ein Tape für seine Freundin als Liebesbezeugung aufgenommen. Ich werde also auch weiterhin den neuen Schopenhauer, das aktuelle Beatlesalbum und notepad.exe nicht direkt über iTunes beziehen.

Apple macht es einem aber auch leicht: Mit geschätzten 400€ Einstiegspreis in der Wohnzimmerversion mit W-Lan ist man nicht nur als Gadgetnutzer schnell geneigt, dem Gerät eine Chance zu geben, kostet es doch nur den halben Preis eines iPhones in der Neuanschaffung. Rein leistungstechnisch kann es sicherlich mehr als die telefonierfähige „Vorgängerversion“, aber Apple ist natürlich auch bei diesem Gerät nicht so dumm, sämtliche Funktionen in die erste Version einzubauen.

Das wird auch mit dem iPad ähnlich laufen: 2011 kriegt das Ding dann eine Kamera und ein neues Design, 2012 gibt es das Gerät dann in allen Farben und die integrierte Kamera mit HD-Auflösung und 2013 wird es womöglich multitaskingfähig. Eine schöne Methode, dem Nutzer sowohl das Geld als auch dessen Charakter und Geschmack aus der Tasche zu ziehen … wenn es ein Erfolg werden sollte.

Als Berufsskeptiker bin ich in dieser Hinsicht noch im Zweifel und die Aktienkurse von Apple sind ja während der Vorstellung nicht umsonst in den ersten Minuten in den Keller geschossen und erst nach der Preisbekanntgabe wieder gestiegen, insofern frage ich mich, was der Mensch daheim mit einem solchen Gerät machen möchte:

  • wenn direkt daneben der 42″-Fernseher samt Blu-ray-Player stehen, dürfte die Videofunktion uninteressant sein.
  • Spiele sind sicherlich eine interessante Variante, aber für 400€ aufwärts kriegt man mittlerweile sogar zwei leistungsfähigere Spielekonsolen fürs gleiche Geld hinterhergeworfen! Lediglich als Ausweg, wenn der Fernseher belegt ist, könnte das iPad interessant sein.
  • Musik hören mit diesem Monstrum? Nein.
  • Interessant könnte folgende Möglichkeit sein: Das war für diese Anwendung bislang zu klein, aber als elektronischen Spielbrett könnte das iPad interessant werden: Scrabble, Monopoly, Schach … Man kann das Spielbrett statt Spielekarton und Spielfiguren kompakt einpacken und könnte aus diesen analogen Spielen ein interaktives Erlebnis machen, welches gleichzeitig dafür sorgt, dass niemand schummelt. Bei umgerechnet 20 Brettspielen hätte sich das Gerät bereits amortisiert.
  • Office-Anwendungen: Gewöhnlich dürfte der reine Office-Anwender so an die Microsoft-Suite gewöhnt sein, dass er sich zweimal überlegt, ob er auf ein anderes Gerät mit unbekanntem Betriebssystem und ohne komfortable Tastatur umsteigen möchte. Gewöhnliche Tipper schreiben Texte auf haptischen Tasten einfach deutlich schneller, als dass sie sie z. B. mit Zeichenerkennung in Schreibschrift hinklatschen. Dafür bietet Apple ja diese wunderbare Funktastatur an, aber dann muss ich immer zwei Sachen mit mir rumschleppen, der mobile Gedanke ist also erst recht hinüber.

Bleibt final die Idee, dass man sich mit dem Zubehör einfach einen kleinen, schicken und preisgünstigen MacBook-Ersatz auf den Arbeitstisch setzen kann und diesen notfalls, um dem Kollegen beispielsweise etwas zu zeigen, zur Demonstration mitnehmen oder nach Feierabend einfach mit aufs Wohnzimmersofa nehmen kann. Natürlich drückt sich die Verwandtschaft zu den Netbooks aufs Auge, aber noch halte ich die Windows-7-Geräte für deutlich komfortabler für weniger Geld … aber, und da schließt sich der Kreis, das hatten wir ja schon seinerzeit bei den Mobiltelefonen („Das iPhone kann doch nichts, das hat ja nicht mal Infrarot!“).

Da Apple aber wohl weiterhin auf den Entertainmentfaktor zielt, halte ich das Gerät für ein zugegebenermaßen stylisches Gerät, welches allein dem Hauptzweck dient: Langeweile mit noch mehr Multimedia zu bekämpfen.

Aber für Langeweile habe ich keine Zeit, ich muss mir überlegen, wie man als Programmierer darauf reagiert, dass man wohl nun auf verschieden hohe Auflösungen für die Programme reagieren muss, denn niemand möchte ein Spiel auf einem so verhältnismäßig großen Bildschirm im Fenstermodus spielen, wo bleibt denn da sonst der Wow-Effekt?

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Über Patrick Voelcker 32 Artikel
Patrick beschäftigt sich beruflich und privat seit 2005 neben der Webprogrammierung auch mit der Entwicklung von Mobile und Native Apps. Er ist Rich Media Innovation Specialist bei Google und Autor des Buches "Spiele programmieren für iPhone und iPad" (dpunkt-Verlag). Außerdem ist er Gastdozent an der Popakademie Baden-Württemberg und der Filmschule Köln. Auf Mobile Zeitgeist schreibt er dementsprechend hauptsächlich über Trends und Entwicklungen in Mobile Entertainment [XING]

8 Kommentare

  1. Ich finde auch, dass das iPad weit vom iPhone entfernt ist. Wir haben auf unserem Blog auch darüber geschrieben und sind zu dem Fazit gekommen, dass es sich trotzdem durchsetzen wird und Käufer findet

  2. Großer Hype, perfektes Marketing, hübsches Gerät: Glaubt mir, der iPad wird ein Hit – ob praktisch für unterwegs oder nicht. Wir werden ihn schon bald im Flugzeug und der Szenebar sehen. Den die Nutzbarkeit ist das eine, das Statement, das man damit macht, das andere. Und dieser Effekt überwiegt bei Weitem.

  3. Ist richtig. Das schöne, neue Gadget gibt weiterhin Anlass zur Diskussion, die sich inzwischen dann auch in den privaten Bereich fortsetzt und somit langsam wirklich anstrengend wird:

  4. WOW! Sehr schön geschriebener Artikel, der ungefähr mein Empfinden nach der gestrigen Show widergibt. Ich habe einfach „mehr“ erwartet. Das iPad ist nix halbes und nix ganzes. Einfach nur ein teures Stück Design, mit dem im daheim mal nebenbei im Internet gesurft wird und welches auf dem Wohnzimmertisch verrottet, weil es zu groß zum „einfach mal so“ mitnehmen ist. Der Preis ist ja apple-typisch sogar human. Aber auch der ändert nichts an der Tatsache.

    Gefühlt ist das iPad wie das „something BIG“ vom OVI Event … Der ultimative Bringer war das auch nicht unbedingt.

    Grüßle

    Mike

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