Buch Rezension: ‚Digitaler Burnout – Warum unsere permanente Smartphone Nutzung gefährlich ist‘

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Alexander Markowetz: Digitaler Burnout – Warum unsere permanente Nutzung gefährlich ist

Über einen Bericht bei iBusiness bin ich auf das Buch von Alexander Markowetz, Juniorprofessor für Informatik an der Universität Bonn, gestoßen. Ich gebe zu, allein der Titel weckte meinen Widerspruch und ich begann nicht ganz unvoreingenommen zu lesen.

Markowetz hat mit seinem Team eine App (Android) entwickelt und mit dieser das Verhalten von (nach eigenen Angaben) 40 Millionen Smartphone-Nutzern analysiert. Das in den Augen von Markowetz „erschreckende Ergebnis“ war, dass Nutzer sich im Schnitt drei Stunden täglich mit ihrem Smartphone beschäftigen und es 55 Mal am Tag in die Hand nehmen.

Wer sich mit der Nutzung mobiler Endgeräte beschäftigt wird von diesen Zahlen zunächst wenig beeindruckt sein, da schon verschiedene Studien gezeigt haben, dass Smartphones aus dem Leben der Menschen nicht mehr wegzudenken sind. Markowetz holt nun tief Luft und will in „seinem brisanten Buch“ zeigen, „welche dramatischen Folgen die digitale Permanenz für unsere Gesellschaft hat und was wir dagegen tun können.“

Digitaler Burnout! Echt jetzt?

In vier Kapiteln beschreibt Markowetz den digitalen Burnout, unter dem wir alle seiner Meinung nach leiden. Er zeigt, dass das Smartphone ein Belohnungssystem für uns bereit hält, vergleicht es mit einem Spielautomaten, der uns immer wieder einen „Glücksrausch per Knopfdruck“ verschafft. Die immer wiederkehrenden Unterbrechungen lenken uns ständig von allem ab, so dass wir nicht mehr produktiv sind und uns eine Aufmerksamkeitsstörung (Attention Deficit Trait – ADT) antrainieren. An dieser Stelle bezieht sich Markowetz auf Manfred Spitzer mit seinem Buch „Digitale Demenz“.

Glücklich sind wir auch nicht mehr, weil uns die Smartphones davon abhalten in einen Flow zu kommen, in diesen Zustand völliger Konzentration und dem Versinken in eine Aufgabe. Wir sind also „digital ausgebrannt: abhängig, unproduktiv, unglücklich“. Diese Behauptung ist gewagt und wird von vielen Wissenschaftlern ausdrücklich nicht geteilt.

Tipps gibt es auch

Im fünften Kapitel dann endlich die ersten Tipps, wie man diesem Teufelskreis, in den das eigenen Smartphone einen hineingezogen hat, heraus kommt. Und da liest man dann von einer „digitalen Diät“ mit Verhaltenstipps wie diesen:

  • Das Smartphone in die Innentasche des Rucksacks stecken, damit es mühsam ist, es heraus zu holen und zu nutzen.
  • Das Smartphone aus dem Schlafzimmer zu verbannen.
  • Sich nur erlauben, das Smartphone auf einem sehr unbequemen Stuhl zu nutzen.
  • Wenn man zu denen gehört, die häufig nach der Uhrzeit schauen, solle man sich eine Armbanduhr (ausdrücklich keine Smartwatch) kaufen.
  • Apps installieren, die die Nicht-Nutzung des Smartphones belohnen.

Markowetz geht davon aus, dass so wie sich die gesellschaftliche Avantgarde heute für ein bewusstes Leben, Bio, Vintage und veganes Essen entscheidet, um ihren alternativen Lebensstil darzustellen, so werden sich auch analoge Unterhaltung und Arbeitstechniken im Mainstream durchsetzen.

Er fordert von den Smartphone-Herstellern entsprechende Geräte, die die intensive Nutzung eher verhindern als fördern. Und Unternehmen, die sich dafür einsetzen wollen, dass ihre Mitarbeiter ihre Smartphones weniger nutzen, rät er, ein Expertenteam einzusetzen, das Lösungen erarbeiten soll. Insbesondere in den Unternehmen müsse eine veränderte Kommunikationskultur Einzug halten, dem „Digitalen Präsentismus“ entgegen  gewirkt werden. Hierbei zeigen die Mitarbeiter auf digitalem Wege Präsenz, indem sie unnötige Emails verschicken.

Wie allerdings die Unternehmen diese Kommunikations-Un-Kultur konkret in den Griff bekommen sollen, kann Markowetz nicht schlüssig erklären.

Das siebte Kapitel widmet sich dann noch den „Smart Kids“, den Schulen und wie Eltern mit der intensiven digitalen Nutzung ihrer Sprösslinge umgehen sollen, zum Beispiel einen gemeinsamen Tagesausflug ohne Smartphone zu machen, damit ein positives Offline-Erlebnis zu schaffen. Kindern sollen wir eine „gesunde Arroganz“ beibringen , so dass sie Nein-Sagen können und plädiert für einen „Glücksunterricht“, wie er bereits an einer Heidelberger Schule praktiziert wird.

Maschinenstürmerei

Was mich durchgängig gestört hat ist, dass Markowetz das Smartphone als den Verursacher dieser Probleme beschreibt. Er zeigt zwar auch, dass es das allein nicht ist, sondern wir auch an einem medialen Überangebot und zu wenig Medienkompetenz leiden. Doch viel zu häufig wird das Gerät als Grundübel und nicht der Umgang mit allen digitalen Medien thematisiert. Da Markowetz an einigen Stellen in seinem Buch genau diese Komplexität jedoch andeutet, nutzt er dieses in meinen Augen unzulässige Stilmittel, das Smartphone zu verteufeln, für einen möglichst dramatischen Effekt. Solche Maschinenstürmerei verkauft vielleicht mehr Bücher, ist für die Diskussion aber kontraproduktiv.

Kaum Lösungen

Auch fehlen mir konkrete und umfassendere Lösungsvorschläge. Hier bleibt er recht allgemein und scheint selbst keine echten Antworten zu haben. Das ist nicht schlimm und es wäre auch zu viel verlangt, dass heute schon sozusagen schlüsselfertige Lösungen auf dem Tisch lägen. Doch hat er selbst sich und seinem Buch diesen Auftrag gegeben und hält dieses Versprechen nicht ein.

Mit den Handlungsfeldern privates Individuum, Individuum am Arbeitsplatz, Glück, Unternehmen, Kinder und Schulen hat Markowetz versucht, das Thema umfassend zu behandeln. Diese Breite der Themen wird Markowetz dann auch zum Verhängnis, denn jeder Aspekt könnte ein eigenes Buch füllen. Und so bleibt vieles in den Anfängen stecken und lässt eine detaillierte Auseinandersetzung vermissen.

Kann man lesen, muss man aber nicht

Wer nur ein leicht verdauliches Buch als Einstieg in den Themenkomplex sucht oder eine Bestätigung dafür braucht, dass Smartphones furchtbar gefährlich sind, kann es sich zulegen. Wer eine tiefe Analyse, einen fundierten Beitrag zur gesellschaftlichen Diskussion und Lösungsansätze sucht, sollte nach anderen Werken Ausschau halten.

Das Buch kann direkt beim Verlag Droemer Knaur oder bei amazon bestellt werden und kostet 17,99 (eBook) bzw. 19,99 (Print).

Beitragsbild: Shutterstock

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Über Heike Scholz 410 Artikel
Nach über zehn Jahren als Strategieberaterin für internationale Unternehmen gründete die Diplom-Kauffrau 2006 mobile zeitgeist und machte es zum führenden Online-Magazin über das Mobile Business im deutschsprachigen Raum. Heute ist sie ein anerkannter und geschätzter Speaker und gehört zu den Influencern der deutschen Internet-Szene. Weiterhin ist sie Beiratsmitglied für die Studiengänge Angewandte Informatik und Mobile Computing an der Hoschschule Worms. Als Co-Founder von ZUKUNFT DES EINKAUFENS, begleitet sie die Digitale Transformation im stationären Einzelhandel. Sie berät und trainiert Unternehmen, die sich den Herausforderungen der Digitalisierung stellen und fördert mit ihrem Engagement die Entwicklung verschiedener Branchen und Märkte.

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