Trennungsgrund: Seifenblasenmann. Mein Handy und ich haben Schluss gemacht.

Quelle: privat

Es war der erste richtig kalte Tag im November. Samstag. Seit Jahren war ich zum ersten Mal wieder an einem Wochenende in der Düsseldorfer Altstadt unterwegs. Nein, nicht so „party-mäßig“, sondern Touristenstyle an einem Sonntagnachmittag. Eiskalte Luft, stahlblauer Himmel. Der Duft von Waffeln, Backfisch und Pizza in der Luft.

Und ein Seifenblasenmann.

Ein was? Ein Seifenblasenmann. Er hatte nur einen Eimer mit Seifenlauge dabei. Und zwei lange Besenstiele, zwischen denen ein geflochtenes Seil mit kleinen Schlaufen gespannt war, das klatschnass vor Seifenlauge nur so tropfte, wenn er es nicht durch die Lüfte schwang. Was der Mann tat? Er machte Seifenblasen. Hunderte. Tausende. Ich konnte nicht daran vorbeilaufen. Wie viele andere Menschen neben, vor und hinter mir auch nicht. Erwachsene, Kinder, Omas und Opas – sie alle standen bei klirrender Kälte um den Seifenblasenmann herum, der unablässig neue Blasen-Armadas schwebend in die Lüfte entließ. Wahnsinn. Das sah so unfassbar toll aus. Was ich erst später bemerkte: die fünfzehn Minuten, die mich sein Seifenblasenspiel in seinen Bann zog, waren total entspannend. Ich hatte in der Zeit nicht ein einziges Mal mein gezückt. Klar, am Anfang schon. Um ein paar Fotos zu machen. Aber dann hab ich es weg gesteckt. Und nicht mehr vermisst. Dann schaute ich mich um – mit wenigen Ausnahmen hielten es die anderen Zuschauer – ich würde sagen es waren etwa 50 – genau so wie ich. Kein . Nur Augen. Hände. Staunen.
Dieser Moment hat mich inspiriert.

Wer will schon ein Sklave sein?

Und ich wollte versuchen, ihn auch ohne Seifenblasenmann fortleben zu lassen. Denn ich will kein Sklave meines Smartphones mehr sein. Ich mache Schluss mit dem Ding. Zumindest privat. Rein beruflich können wir gern in Kontakt bleiben. Naja, müssen wir auch. Mein Telefon und ich. Mit der Welt des Entertainments ist das Handy zu etwas geworden, das uns dafür belohnt, wenn wir es betrachten. Und zwar ganz egal wo wir sind oder was wir ansonsten versuchen zu tun. Studien beweisen indes klar, dass die Anwesenheit eines Smartphones die kognitive Kapazität eines Menschen stark beeinflusst. Und zwar selbst dann, wenn dieser es gar nicht einmal aktiv benutzt. Reines „darüber nachdenken“ genügt. Wenn Sie also Ihr Telefon mit der Vorderseite nach unten auf den Tisch legen oder sogar ausschalten, ist das Problem gar nicht gelöst. Das finde ich ziemlich verblüffend. 

Ich habe mir daher einen Trennungsplan überlegt. Wollen Sie mitmachen? Hier kommt er:

1. Verbannung

Die effektivste Lösung ist, das Handy schlichtweg aus der direkten Nähe zu verbannen. Easy. Beispiel: ich bin bei Freunden zu Besuch und lasse das Ding in meiner Jackentasche, die im Flur hängen bleibt. Feststellung: je mehr mein Handy außer Sichtweite ist oder, noch besser, sich in einem anderen Raum befindet, desto weniger fühle ich mich gezwungen, daran rumzufummeln. Man braucht auch wirklich eine gute Ausrede, um vom Esstisch – an der Gästetoilette vorbei – in den Hausflur zu marschieren. Und dort an den Jacken rumzumachen. Funktioniert also! 

2. Entsagen

2. Als Nächstes muss ich dem Ding seine Verlockung nehmen. Und wie kann man das tun? Ganz einfach: ich muss die schönen Seiten des Smartphones killen. Das ist ein harter Schritt.  Konkret: welche lenken mich regelmäßig wahnsinnig ab, verbessern mein Leben dabei aber nicht? Ciao Kakao, Instagram! Tschö Facebook. Bye, bye Fiverr.  Nein, Sie müssen die Apps nicht direkt löschen. Aber Sie können sie verstecken. Wenn die Icons direkt auf Ihrem Home-Bildschirm liegen, sind sie ja nur einen Fingertipp entfernt. Aber was ist, wenn Sie sie in einen Ordner schieben – und darin auf die zweite Seite? Und dann auch noch die Benachrichtigungen ausstellen? Keine rote Zahl mehr mit ungelesenen Memes und Zwinker-Zwinker-Messages. Super! Das funktioniert echt. Ich schaue VIEL weniger bei diesen Unsinns-Apps vorbei.

3. Punktueller Einsatz

Nutzen Sie Ihr so, wie Sie einen Hammer nutzen. Häh? Ja, ich meine das so: Wenn Sie ein Bild aufhängen wollen, hämmern Sie einen Nagel in die Wand. Dafür brauchen Sie den Hammer. Anschließend legen Sie ihn wieder zurück, oder? Sie würden nicht auf die Idee kommen, mit dem Hammer kurz mal ´ne Scheibe einzuschlagen, ein krummes Rohr gerade klopfen oder die kaputte Fliese von der Wand zu stemmen. Stimmts? Das war nämlich nicht ihr Plan. Sie wollten nur einen Nagel in die Wand schlagen. Und genau so nutzen Sie von jetzt an Ihr Handy. Wenn Sie vorhaben, eine Verabredung über WhatsApp zu machen: tun Sie das. Und wenn Sie damit fertig sind – Handy wieder weg! Nicht „noch mal eben hier klicken, da swipen, da scrollen“. Einfach wieder weg damit. 

So machen Sie Schritt für Schritt Schluss mit dem Handy. Und dann sind Sie irgendwann nur noch Arbeitsfreunde. Okay, Arbeitsfreunde „mit Benefits“. Ein bisschen Spaß muss ja noch sein. 

Viel Spaß beim Nachtrennen. 

Kai Schmidhuber
Über Kai Schmidhuber 2 Artikel
Kai Schmidhuber hat Top Executive-Digitalerfahrung in vier multinationalen Konzernen gesammelt, u.a. Henkel, DHL , Fraport und als Chief Digital Officer von LOREAL Deutschland. Als amtierender Vorstand einer der größten Marketing Clubs in Deutschland ist Kai Schmidhuber zudem Mehrfachgründer, Berater und viel gebuchter Vortragsredner. Seine Mission: "Digital entmystifizieren".

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