Interview: Wie die Blockchain-Technologie die Wissenschaft revolutionieren kann

Foto: Gerd Altmann

Kaum ein Tag, der nicht vergeht, da man irgendwo liest, dass unsere Gesellschaft und Lebenswelt verändern wird. Zugleich gibt es viele Skeptiker, die entgegen dem Hype das Zukunftspotential der Technologie kritisieren. Längst hat sich das Bedeutungsspektrum von Blockchain weiterentwickelt und wird nicht mehr nur allein mit Kryptowährungen wie Bitcoin in Verbindung gebracht. Die , die Informationen über ein dezentrales Protokoll für verschiedene Transaktionen zwischen mehreren Parteien transparent erfasst, verschlüsselt speichert und wieder gibt, findet immer mehr Anwendungsgebiete. Nach Prof. Dr. Ali Sunyaev, Professor für Informatik und Direktor am Institut für Angewandte Informatik und Formale Beschreibungsverfahren des Karlsruher Instituts für Technology (KIT)  kann die Blockchain-Technologie auch dazu beitragen, die selbst zu revolutionieren. Im Gespräch mit mobile zeitgeist erzählte Sunyaev, wie die Technologie die aber auch uns als Menschen beeinflussen wird.

mz: Die Blockchain-Technologie gilt als Antreiber zukünftiger Tech-Innovationen. In ihrem Vortrag beschreiben Sie die Bedeutung für die Wissenschaft. Genauer, dass Blockchain diese revolutionieren kann. Wie soll man sich das vorstellen?

Blockchain hat das Potenzial weite Teile des wissenschaftlichen Diskurses zu ergreifen und gegebenenfalls auch zu revolutionieren. Beispielsweise sind wir derzeit darauf angewiesen Wissenschaftlern zu vertrauen, dass sie ihre Forschungsergebnisse nachvollziehbar und wahrheitsgemäß publizieren. Blockchain könnte hier Abhilfen schaffen und Forschungsprozesse weiter für die wissenschaftliche Selbstkorrektur öffnen, etwa indem Studiendesigns für jeden einsehbar und unveränderlich in einer Blockchain abgelegt werden. Dies birgt das Potenzial, anhaltende Krisen der fehlenden Reproduzierbarkeit wissenschaftlicher Studien aufzulösen und neue Formen der wissenschaftlichen Qualitätsmessung und -sicherung zu ermöglichen. Andererseits muss man bei der Implementierung derartiger Blockchainsysteme aufpassen, dass adverse Effekte, wie beispielsweise Chilling Effekte, vermieden werden. Davon abgesehen könnte Blockchain auch zu einem offeneren Umgang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen führen. Der Aufbau vertrauensvoller und gleichzeitig dezentraler Publikations- und Förderinfrastrukturen könnte dazu beitragen, dass die Wissenschaft unabhängiger von politischen und kommerziellen Interessen wird.

Blockchain-Technologie löst ein Vertrauensproblem

mz: Sie weisen der Technologie auch gesellschaftsveränderndes Potential zu. Ähnlich dem Internet vor 30 Jahren. Können Sie darauf näher eingehen?

Das Internet hat unser aller Leben nachhaltig verändert. Nie zuvor in der Geschichte war es einfacher an Informationen zu gelangen oder Information miteinander auszutauschen. Das Internet birgt aber auch ein Vertrauensproblem. Stellen Sie sich vor, Sie überweisen jemandem 50 Euro. Es ist natürlich im Interesse aller, dass Sie genau diese 50 Euro nicht auch noch an eine zweite Person überweisen und somit quasi ihr Geld verdoppeln. Aber stellt man dies sicher? Bisher waren für den Austausch von Werten über das Internet immer Dritte, sogenannte Intermediäre notwendig. Bei Überweisungen etwa Banken. Die Blockchain-Technologie verspricht eine Lösung für dieses Vertrauensproblem. Sie macht somit die Arbeit von Intermediären teilweise überflüssig und sorgt insgesamt für ein transparenteres System. Dies ist eines der Hauptargumente, die man mitbekommt. Es gibt aber viele Weitere, bspw. Datenintegrität, Nachvollziehbarkeit, Verfügbarkeit oder die Vermeidung von Single Points of Failure.

mz: Aktuell wird Blockchain oft mit der Finanzbranche, genauer Kryptowährung wie Bitcoin, in Verbindung gebracht. Durch den fatalen Kurssturz seit Dezember 2017 haben viele eine vorsichtige Haltung eingenommen. Inwieweit kann der Kurs einer Kryptowährung der Blockchain-Technologie und ihrem Ruf schaden?

Ich denke, dass ein solcher Kurssturz, wie wir ihn etwa bei Bitcoin gesehen haben, der Blockchain-Technologie nicht oder wenn überhaupt nur sehr kurzfristig schaden kann. Im Gegenteil, ich denke, dass ein solcher Kurssturz letztendlich sogar fördernd sein kann. Man darf aber zum Beispiel nicht vergessen, dass es davor einen ordentlich Kursanstieg gab, von dem manche Beteiligte auch stark profitiert haben bzw. es sogar nach wie vor tun. Der Kurs ist ja aktuell immer noch höher als es zum Beispiel noch vor zwei Jahren der Fall war. Wir haben in den letzten zwei bis drei Jahren einfach einen enormen Hype rund um Bitcoin und diverse andere Kryptowährungen gesehen. Dass dies eine Art Casino ist, war vielen ja bewusst, der Sturz sorgt nun sozusagen für eine Desillusionierung bei den Akteuren, die Bitcoin missverstanden haben. Wer wusste worauf man sich bei Bitcoin einlässt, der jammert aktuell auch weniger. Aber Blockchain ist ja nicht Bitcoin. Durch die aktuellen Diskussionen denkt man noch mehr an neue, innovative, nachhaltige Blockchain-basierte Lösungen jenseits von Kryptowährungen. So erarbeiten Unternehmen, übrigens oftmals gemeinsam mit Forschern, zurzeit viele spannende Anwendungsfälle von Distributed Ledger Technologie (DLT) / Blockchain-Technologien, um sowohl bekannte Probleme effizienter zu lösen, als auch ungelöste Probleme adressieren zu können. Mittel- bis langfristig werden die Vorteile der Blockchain überwiegen.

Der Einsatz von Blockchain kann zu mehr Datensouveränität verhelfen

mz: Auf welche weitere Technologie-Bereiche wird Blockchain ihrer Meinung nach entscheidenden Einfluss ausüben?

Im Allgemeinen kann man Anwendungsfälle für Blockchain überall dort finden, wo sich verschiedene Parteien gegenseitig nicht vertrauen bzw. vertrauen aber so nun das Geschehen jederzeit verifizieren können, dass die vereinbarten Regeln eingehalten werden, und daher ein besonders großer Wert auf konsistente Datenhaltung gelegt wird. Einen Anwendungsfall, Kryptowährungen, haben wir zuvor schon angesprochen. Darüber hinaus wird die Anwendung von Blockchain vor allem für das Zugriffsrechtemanagement auf Daten, das Management von Benutzeridentitäten oder Maschinenidentitäten und das Logging von Ereignissen diskutiert. Durch den Einsatz von Blockchain in diesen Bereichen kann ein großer Schritt in Richtung Datensouveränität getan werden, Identitäten überprüft werden und ein unveränderbares Dokumentieren von bspw. Lieferketten im Supply Chain Management. Ich bin mir allerdings sicher, dass sich durch den Einsatz und die stetige Weiterentwicklung von Distributed Ledger Technology im Allgemeinen, neue Anwendungsfälle ergeben werden, die wir bisher noch nicht absehen können. So ist es ja meistens bei sogenannten disruptiven Technologien, zu denen DLT allgemein gezählt wird.

mz: Was erwarten Sie 2019 für Blockchain?

Ich erwarte vor allen Dingen, dass der Hype rund um Bitcoin / andere Kryptowährungen und letztendlich um Blockchain, weiter abnehmen wird und man in eine eher sachlichere Diskussion übergeht. Wir werden eine Reihe neuer Anwendungen auf Basis der Blockchain sehen, insbesondere z. B. im Supply Chain Management oder dem Gesundheitswesen. Der industrielle Einsatz von Blockchain wird voraussichtlich in diesem Jahr zunehmen, wodurch wir erste Erkenntnisse über die realen Auswirkungen von Blockchain bei diesen Anwendungen erlangen werden. Spannend ist auch zu beobachten, ob der Begriff ‚Blockchain‘ weiterhin zentral verwendet werden wird, oder ob wir zukünftig verstärkt von Distributed Ledger Technologie sprechen, denn es gibt so einiges neben der ‚Blockchain’ per . Blockchain ist ja auch kein Allheilmittel und würde zum Beispiel auch die Unvereinbarkeit von Konsistenz, Verfügbarkeit und Ausfalltoleranz (CAP-Theorem) bei Verteilten Datenbanken nicht lösen. In naher Zukunft erwarten uns also eher Hybrid-Lösungen, bei denen man mit Blockchain einen Teil der offenen Fragen bekümmert, aber nicht die Gesamtlösung darstellt.

„Wer heute nicht an morgen denkt, ist morgen schon von gestern“

mz: Wie kann eine Blockchain-Strategie der Bundesregierung aussehen?

Ich denke der Standort Deutschland bietet vielfältige Einsatzmöglichkeiten für die Blockchain und sehe, dass die Bundesregierung hier bereits erste Schritte für den Einsatz von Blockchain abwägt. Ich denke aber auch, dass noch mehr getan werden muss. Wir in der Forschung verstehen ja noch nicht das volle Potenzial der Blockchain, insbesondere im Hinblick auf denkbare und nützliche Anwendungsgebiete. Die Blockchain ist auch wie erwähnt sicherlich nicht in der Lage alle Probleme dieser Welt zu lösen. Ganz klar ist – wir benötigen mehr Grundlagenforschung. Auch sollten wir uns stärker auf die Anwendung von Blockchain konzentrieren, die bereits jetzt absehbar in erheblichem Maße von dieser Technologie profitieren werden und in denen Deutschland traditionell stark aufgestellt ist.

Aus meiner Sicht sind das insbesondere das Gesundheitswesen, speziell Biotechnologie und Unternehmen aus dem Mittelstand (hier arbeiten mein Team und ich zusammen mit Kollegen vom DKFZ aus Heidelberg übrigens schon an einer Anwendung). Auch sehe ich großes innovationspotenzial bei (inter-)nationalen, behördenübergreifenden Prozessen. Wie es so schön heißt: „Wer heute nicht an morgen denkt, ist morgen schon von gestern“ – klar, muss in Deutschland sowohl Grundlagenforschung als auch angewandte Forschung rund um Blockchain ganzheitlich aufgebaut werden. Die Politik fördert aktuell ja das Thema und das ist auch richtig so. Man braucht allerdings kein Informatik-Professor am KIT zu sein, um verstanden zu haben, dass die zukünftigen IT Themen (ob , Blockchain oder Informationsprivatheit) keineswegs disjunkt sind, ganz unabhängig welche Perspektive man auch einnimmt – eine informatische oder soziale/ethische/legale Perspektive. Möchte Deutschland morgen nicht von gestern sein, muss es rund um die Informatik im Kern als auch interdisziplinär mehr tun! Die wechselseitigen Einflüsse zwischen menschlichem Verhalten und Informationstechnologie dürfen z. B. ebenfalls nicht außer Acht bleiben.

mz: Danke für das Interview.

Ali Sunyaev: The Future is Digital: The Transformative Value of Blockchain for Science

Carsten Thomas
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Autor und Gamingnerd. Stets interessiert an Tech-Innovationen, Medienwandel und Technikutopien. Redakteur bei mobile zeitgeist.

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