acatech: Wie Europäerinnen und Europäer den digitalen Wandel bewerten

Quelle: Gerd Altmann, pixabay

Im europäischen Vergleich sind die Deutschen weniger optimistisch, wenn es um die Bewertung der Chancen durch die Digitalisierung geht. Das zeigt das 2019, das acatech Akademie der Technikwissenschaften und Körber-Stiftung heute in Berlin vorstellen. Bei der handelt es sich um den Vergleich einer eigenen repräsentativen Befragung mit internationalen Studien. Im Interview mit mobile zeitgeist stellt die TechikRadar-Projektleiterin, Prof. Dr. Cordula Kropp, die wichtigsten Erkenntnisse vor.

mz: Was sind die gravierendsten Gründe dafür, warum die Deutschen die Bedeutung und Chancen der weniger optimistisch wahrnehmen?

Prof. Dr. Cordula Kropp: In unseren Analysen der europäischen Datensätze sind wir auf einen Zusammenhang zwischen der wahrgenommenen digitalen Gestaltungskompetenz und dem digitalen Optimismus gestoßen: In jenen Ländern, in denen Menschen sich in Bezug auf die Digitalisierung als vergleichsweise kompetent erleben, fällt die Bewertung der Gestaltbarkeit und der mit der digitalen Transformation verbundenen Chancen positiver aus, als dort, wo die Digitalisierung eher als Sachzwang betrachtet wird, dem man sich ausgeliefert fühlt. In Deutschland halten sich 73 Prozent der Menschen für ausreichend kompetent, um im täglichen Leben digitale Technologien zu nutzen – damit liegen sie im europäischen Vergleich in der Mitte. In Schweden, Holland und Dänemark nehmen die Menschen die eigenen Kompetenzen, aber auch die Kompetenz ihrer Regierungen als deutlich höher war und blicken insgesamt optimistischer auf die Digitalisierung, nicht nur für die Wirtschaft, sondern auch für die Gesellschaft und das eigene Leben. Die Deutschen vertrauen weniger darauf, dass die nationalen Behörden die Digitalisierung sinnvoll regulieren können. Das Staatsvertrauen ist in den skandinavischen Ländern generell höher, und in Bezug auf die Digitalisierung auch deshalb, weil man seit vielen Jahren stärker über ihre Gestaltung spricht: Dort wird schon länger zusammen mit der Zivilgesellschaft darüber diskutiert, wie die neuen Technologien genutzt werden sollen und welche Spielregeln dabei gelten sollen.

„Die Generation 65+ hat erheblich niedrigere Erwartungen an die neuen Technologien als die Jugend“

mz: Welchen Stellenwert nimmt das Alter bei den Erwartungen der Deutschen in Bezug zu neuen Technologien ein? Besteht wirklich ein digitales Defizit oder ist es die zunehmende Skepsis im Alter, die ausschlaggebend dafür ist, dass die Älteren nicht so gut mit der digitalen Technik umgehen können?

Prof. Dr. Cordula Kropp: Tatsächlich zeigen die Daten für Deutschland: Die Generation 65+ hat erheblich niedrigere Erwartungen an die neuen Technologien als die Jugend. Allerdings handelt es sich hierbei weder um ein „digitales Defizit“ noch um einen Generationeneffekt, sondern um einen Alterseffekt: Mit zunehmendem Alter werden die Menschen in Deutschland und auch in den anderen europäischen Ländern skeptischer. In der ältesten Altersgruppe ist das besonders deutlich zu sehen. [Woran liegt das?] Unsere qualitative Forschung zeigt, dass eine Erklärung dafür im sinkenden institutionellen Anwendungsdruck zu sehen ist: In dieser Gruppe besteht kaum noch ein berufsbedingter Druck, die digitalen Technologien zu nutzen, und auch wenig sozialer Anreiz. Damit fällt der wahrgenommene Gewinn durch die Nutzung digitaler Möglichkeiten geringer aus als bei den jüngeren Befragten, die Risiken aber höher, weil die Kompetenzen und die Gelegenheiten fehlen, Fehler schnell zu beheben. In den Gesprächen für die Studie haben wir gemerkt, wie sehr sich gerade ältere Nutzer in Deutschland gegenüber der Technik alleingelassen fühlen.

mz: Vielen Dank für das Interview.

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Carsten Thomas
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Autor und Gamingnerd. Stets interessiert an Tech-Innovationen, Medienwandel und Technikutopien. Redakteur bei mobile zeitgeist.

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