Digitales Storytelling im Bewerbungskontext

Bewerbungsschreiben mal anders

Das etwas andere Bewerbungsschreiben.
Eine Geschichte über eine Prinzessin und ein aussergewöhnliches Bewerbungsschreiben. Foto: pexels.com

Wer kennt es nicht? Das , auch oder Motivationsschreiben genannt, ist aus keinem Bewerbungsdossier wegzudenken. Es ist das, was Personaler*innen zuerst anschauen, und wohl auch der aufwändigste Bestandteil eines Bewerbungsdossiers. Unsere Autorin Selma Junele erzählt, wie sie das revolutioniert und es geschafft hat, mit minimalem Aufwand zu maximal vielen Vorstellungsgesprächen eingeladen zu werden.

Prolog: Von einer ohne Fahrerlaubnis

Es war einmal eine Prinzessin. Die Prinzessin hatte zwei Kinder (und einen Prinzen). Weil die Prinzessin aber in Wirklichkeit gar keine Prinzessin war, sondern eine Geisteswissenschaftlerin ohne Fahrerlaubnis, hatte sie nach Studienabschluss ein Problem:

  • Es gibt keine Jobs für Geisteswissenschaftler*innen.
  • Sie hatte keinen König (und auch keinen Prinzen) oder sonst einen Mäzen, der ihren Lebensunterhalt bestritten hätte.
  • Und sie hatte nicht einmal eine Fahrerlaubnis (diese hätte sie gebraucht um, wie so viele Geisteswissenschaftler*innen, Taxifahrer*in zu werden).

Immerhin hatte die falsche Prinzessin ein paar Vorzüge. Sie konnte schreiben und war einigermassen kreativ. Deshalb hat sie angefangen, Geschichten zu erzählen. Aber nun der Reihe nach.

Wie viele Mitbewerber*innen hat ein(e) Geisteswissenschaftler*in?

Angefangen hat es schon während meinem Studium: Bewerbungen verschicken und einige Wochen später eine Absage erhalten. (Und es verfolgt mich bis heute.) Irgendwann merke ich: Die Konkurrenz ist grösser als gedacht. Spätestens auf meine Nachfrage, wie viele Mitbewerber*innen sich denn beworben hätten, erfahre ich: Es sind nicht zehn, zwanzig oder dreissig. Es sind hundert oder zweihundert.

Da musst du dir was einfallen lassen, sonst hast du in 3 Jahren noch keine Stelle. Vielleicht ein auffälligeres Layout wählen? Eine Papierbewerbung verschicken anstelle des elektronischen Standardformats?

Wer sich gegen 200 Mitbewerber*innen durchsetzen will, muss schon mal ein kreatives Bewerbungsschreiben verfassen. Quelle: pexels.com

Wie sichtet man 200 Bewerbungsschreiben?

Die zündende Idee kam dann an einer von meiner Universität organisierten Veranstaltung zum Thema «Bewerbungsschreiben». Die eingeladene HR-Spezialistin hat deutlich gemacht, was es aus Personaler*innen-Perspektive heißt, 200 Dossiers auf eine Handvoll zu reduzieren. Es bedeutet, dass pro Dossier verdammt wenig Zeit zur Verfügung steht. Oft sind es nur Sekunden, die darüber entscheiden, ob ein Bewerbungsdossier eine Runde weiterkommt – oder auch nicht.

Das war die Geburtsstunde meines ungewöhnlichen Bewerbungsschreibens.

Aufmerksamkeit entscheidet

Es war nun klar: Ein Bewerbungsschreiben muss vor allem die Aufmerksamkeit der Leser*in erwecken. Schön wäre es, damit auch gleich redaktionelles Geschick vor Augen zu führen. Und idealerweise müsste dieses Bewerbungsschreiben nicht individualisiert werden, so dass es für jede einzelne Stelle in unveränderter Form verwendet werden kann.

Wie das gelingt? Mit einer Story, die die Dossier-Sortierer*in abholt an ihrem Arbeitstisch und vor ihrer Aufgabe, hunderte Dossiers zu sichten. Notabene auf dem Bildschirm, was auch so seine Eigenheiten bei der anschliessenden Datenvernichtung mit sich bringt.

Das Bewerbungsschreiben

Dass Storytelling funktioniert, zeigen die locker-lustig zusammenkommenden Vorstellungsgespräche, die nun plötzlich fast im Wochentakt stattfinden. Türöffner ist dieses Bewerbungsschreiben:

Sehr geehrte Damen und Herren

Diese Bewerbungsschreiben ist scheisse. Es ist vielleicht besser, wenn Sie gleich die nächste zur Hand nehmen und die vorliegende auf den C-Haufen packen. Sie haben ja wahrscheinlich noch 200 andere Bewerbungen zu sichten. Es ist also ohnehin unmöglich, alle Bewerbungen eingehend zu prüfen. Es besteht die Gefahr, dass Sie mit dieser Zeit vertrödeln, es wäre also wirklich sinnvoll, Sie würden sie spätestens nach diesem Satz zum Altpapier legen.

Pardon!, das ist ja Unsinn – Sie können sie ja gar nicht zum Altpapier legen, es ist ja eine papierlose Bewerbung. Aber Sie sollten die Bewerbung nun fachgerecht vernichten, mit einem Programm für elektronische Datenvernichtung. Datenschutz ist wichtig, und so will eben auch eine Bewerbung professionell vernichtet sein.

Diese Bewerbung ist ein Akt der Verzweiflung. Verzweiflung? Habe ich jetzt gerade Verzweiflung gesagt? Nein, ganz so schlimm ist es nicht. Aber es gehört eine ordentliche Portion Selbstüberschätzung dazu, wenn man sich auf eine Stelle bewirbt, auf welche sich noch mehrere hundert, mindestens genauso gut qualifizierte Bewerber*innen bewerben.

Was, Sie sind immer noch dabei? Dies sagt mehr über Sie und Ihre Arbeitsweise aus als Ihnen lieb ist: Sie haben eine Schwäche fürs Unterhaltsame. Denn sonst hätten Sie die vorliegende Bewerbung schon längst weggelegt. Es macht ja nun auch wirklich keinen Sinn, eine Person einzustellen, die einen verarscht, noch ehe man sie kennengelernt hat.

Ich könnte Ihnen nun sagen, weshalb ich für die ausgeschriebene Stelle die perfekte Person bin. Weil ich diese und jene aussergewöhnlichen Qualifikationen vorweise, die sonst keine andere Bewerber*in wird vorlegen können (das ist kein Scherz – ich würde mit Ihnen um sehr viel Geld wetten, dass sich auf Ihrem riesigen virtuellen Stapel keine zweite Soziolinguistin und Allgemeine Ökologin befindet), weil ich es auch menschlich draufhabe (abgesehen von konstruktiver Kritik hat man vor mir nichts zu fürchten) und erst die soft skills. Da es allerdings sehr unwahrscheinlich ist, dass Sie wirklich genügend Zeit haben, diese Selbstbeweihräucherungen zu lesen, wäre es zu schade gewesen, sie zu schreiben.*

Freundliche Grüsse

Selma Junele

*Falls Sie nun tatsächlich immer noch dabei sind (ich habe Ihnen mindestens dreimal angeraten, NUN ENDLICH die nächste Bewerbung zur Hand zu nehmen – mehr kann ich nicht tun), dann sollten Sie VIELLEICHT doch überlegen, ob Sie sich nun noch mein übriges Dossier ansehen.

Selma Junele, Quelle: textplanet.ch

Epilog: Die Prinzessin macht sich selbständig

Der Plan geht weitgehend auf, das Bewerbungsdossier kommt an und beschert der Prinzessin an die 20 Vorstellungsgespräche. Die allerdings immer erfolglos ausgehen. Das Prinzessinnenleben ist hart.

Deshalb macht sich die Prinzessin selbständig. Ein Königreich hat sie nicht, sie kann sich jedoch im Internet einen Planeten kaufen: https://textplanet.ch/.

Über Selma Junele 1 Artikel
Selma Junele ist Allgemeine Ökologin und Soziolinguistin (Universität Bern). Nach ihrem Studienabschluss und einigen Hochschulpraktika – u.a. beim Schweizerischen Bundesamt für Umwelt BAFU – hat sie sich selbständig gemacht. Ihre Firma hat sich seither auf Kommunikationsdienstleistungen wie Websites und (bei Bedarf suchmaschinenoptimierte) Texte spezialisiert. Besonders am Herzen liegen Selma Junele kleine und kleinste Projekte mit einer lokalen Ausrichtung.

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