Wer hat an der Uhr gedreht?

zetigeistnomade

„Die sozial erwartete Antwortzeit bei einem Brief ist in etwa eine Woche.

Wenn ein Fax kommt, sprechen wir schon von nur mehr einem Tag.

Ein Mail muss -sagen wir mal- in spätestens zwei Stunden beantwortet werden.

Und bei einer SMS wird Antwort innerhalb von 5 Minuten erwünscht.“

Alf Netek, Leiter  Marketing & Cooperate Communications bei Kapsch AG

bei der APA E-Business Community am 30.7.09 in Wien

Dort wo mobile Endgeräte und digitale Technologie dem Einzelnen eigentlich Zeit sparen sollte, wird sie uns, wenn man genau hinsieht, gestohlen: Schnellere Kommunikation entlastet uns nur scheinbar, denn umso schneller eine Message seinen Empfänger findet, desto höher ist wohl die „von den anderen erwünschte“ Antwortzeit – ich werde ja auch unruhig wenn eine SMS am nächsten Tag noch immer nicht beantwortet ist. Doch schneller zu reagieren spart nicht immer Zeit. Zeit, die wir zum Durchatmen dringend mal brauchen. Im Gegenteil: Wir erledigen einfach mehr in der gleichen Zeit oder vieles gleichzeitig, was wiederum Stress erhöht.

Die Historikerin Juliet Schor soll sogar herausgefunden haben, dass in den Industrienationen seit Mitte der 1970er 37 % der Freizeit eingebüsst wurden. Und der Freizeitforscher Opaschowski behauptet, dass uns von 24 Stunden eines Arbeitstages nur vier Stunden zur wirklich freien Verfügung bleiben.

Doch Schuld ist nicht nur die Kommunikationstechnologie allein, denn auch wenn die Anzahl der Mails/SMS/Fax Responses pro Minute sich gesteigert hat, so haben auch viele andere Lebensbeschleuniger wie Mikrowelle, Auto, Suppenwürfel und Espressoautomaten zur Erhöhung unserer „Gehgeschwindigkeit“ beigetragen: Unsere physische Gehgeschwindikgeit hat sich nämlich angeblich seit 1850 verdreifacht, in den letzten zehn Jahre soll sie sogar um 10 % zugelegt haben.

Und hier kommt die Überraschung: Ein Ausstieg aus dem Tempodrom ist unter Umständen gar nicht so empfehlenswert! Denn wer an schnelleren Orten lebt, soll mit hoher Wahrscheinlichkeit auch zufriedener sein, sagt der US Sozialpsychologe Robert Levine. Am schnellsten und demnach mit grosser Wahrscheinlichkeit am glücklichsten lebt man heute nach der Pace of Life Studie in Singapur. Gemessen wird dies an der Zeit, die die Einwohner durchschnittlich brauchen um 60 Fuss (ca. 18 Meter) zu Fuss zurückzulegen. In Singapur braucht man 10,55 Sekunden. Die erste deutsche Stadt (Berlin) befindet sich hier sogar auf Platz sieben mit 11,16 Sekunden.

Kein Wunder, denn heute habe ich auch folgendes über die fleißigen Deutschen gelesen:

Nach einer Umfrage des BITKOM sind 73 Prozent der deutschen Arbeitnehmer auch nach Feierabend für ihre Chefs oder Kunden erreichbar. Diese Entwicklung führt der Verband auf die zunehmende Verbreitung digitaler Medien wie Internet und Handy zurück.

Und sogar wir Wiener landen- ganz entgegen unserem Image der Gemütlichkeit- auf Platz 10 mit 12,06 Sekunden Gehzeit. Mich persönlich wundert, dass New York hier nur Platz 8 belegt.

Lola rennt. Und mit Handy wohl schneller denn je.

Über die Autorin: Aleksandra Schmid ist Mobile Marketer und hat in den letzten Jahren zahlreichen Marken geholfen ihre ersten und auch zweiten mobilen Marketingschritte zu tun. Ihre Einblicke und Erfahrungen teilt sie gerne bei Vorträgen oder schreibt sie nieder, zu lesen unter anderem im Guide der Werbeplanung, im Marketing Magazin Update und hier auf mobile zeitgeist. Aus Amerika hat Aleksandra aber nicht nur spannende Geschichten, sondern auch den Gedanken des Netzwerkens und Wissensaustausches mit nach Hause gebracht und gemeinsam mit fünf Gleichgesinnten den  “MobileMonday Austria” ins Leben gerufen. Aleksandra gestaltet die Branche in Österreich aktiv mit und engagiert sich daher im Vorstand der “Mobile Marketing Association Austria” (MMAA). Seit Oktober 2009 ist Aleksandra bei IQ mobile für die Entwicklung osteuropäischer Märkte verantwortlich.

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