Unsinn beim Handyticket

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Ich hatte Ende April ja schon über einen weiteren Piloten beim ÖPNV-Ticketing berichtet. Ich selbst hatte, da an diesem Piloten auch mal mein regionaler Verkehrsverbund, der Hamburger Verkehrs Verbund HVV, beteiligt ist, die Applikation auf meinem Handy installiert. Schon die Anmeldung war langwierig. Erste Versuche auf dem Handy hatte ich wegen Umständlichkeit abgebrochen und mir gedacht „Ach, damit kannste Dich beschäftigen, wenn Du einen Fahrschein brauchst“. Leider brauchte ich bis heute keinen (ich gebe zu, ich bin absoluter Selten-HVV-Fahrer). Also nix is mit meinem Erfahrungsbericht.

Dafür habe ich das hier in der FAZ gelesen:

Die Idee ist so gut, dass sie schon vielfach – sogar in Deutschland – realisiert wurde: Fahrkarten für Busse und Bahnen einfach mit dem Handy zu bezahlen. Nun haben elf Verbünde des Öffentlichen Personennahverkehrs dieses Rad nochmals neu erfunden. Sie schalteten jetzt in Hamburg die Signale für einen zweijährigen Feldversuch auf Grün. Das dabei verwendete Verfahren ist bestürzend umständlich und eine offene Einladung an selbst wenig hackingbegabte Schwarzfahrer.

Im Normalfall hat der Fahrgast sich einmal im Internet anzumelden, kann sich daraufhin mit einem Java-fähigen Internet-Handy durch die Menüs hangeln, bis er im Tarifdschungel seine Verbindung sowie seinen Tarif gefunden hat, und die virtuelle Fahrkarte buchen. Das Geld wird via Lastschrift, Kreditkarte oder von einem vorher bestückten Konto (prepaid) abgezogen. Letzteres, so hieß es im Zeitalter von Online-Banking und Echtzeit-Aktienhandel, nehme aber „drei bis fünf Tage“ in Anspruch, ehe das Geld auf dem Konto verbucht sei.

Viele Verkehrsverbünde – viele Verfahren

Die Fahrerlaubnis besteht aus einer Ziffernfolge, aus dem als lesbares Wort die jeweilige Tagesparole (“Alster“) herausragt. Hinzu tritt die Nummer eines „ein-eindeutigen Identifikationsdokuments“ wie Kreditkarte, Telefonnummer oder Personalausweis. Eine tatsächliche Kontrolle ist nur möglich, indem der Schaffner den ganzen Zahlensalat händisch in ein Gerät eintippt. Dort durchlaufen die beiden Zahlen Rechenoperationen, an deren Ende dann ein Schwarzfahrer erwischt oder ein ehrlicher Fahrgast gelobt wird. Wer die Geschicklichkeit des Personals im Umgang mit Gerätschaften und langen Zeichenketten in zudem ausgiebig wackelnden Beförderungsmitteln kennt, darf für diesen Vorgang eher zehn als zwei Minuten ansetzen. Man werde sich in den meisten Fällen aber auf die Kontrolle der freilich im gesamten Tarifgebiet wortgleichen Tagesparole beschränken, hieß es. Und wenn der Handyakku leertelefoniert ist? Dann könnte doch der kundenorientierte Kontrolleur fix beim Server anklingeln und die Fahrberechtigung ganz unzweideutig prüfen? Diesen naheliegenden Dienstleistungsgedanken jedoch durchkreuzt flugs das Kleingedruckte der Allgemeinen Beförderungsbedingungen.

Konzentrieren wolle man sich beim Handyticket auf die 13 Millionen Gelegenheitsfahrer, die kein Abo hätten. Wenn jeder Hundertste sich an dem Versuch beteiligte, so verbuchte man das als Erfolg. Zudem haben es die elf Verkehrsverbündler in Nord-, Südost-, West- und Südwestdeutschland auf Touristen abgesehen. Damit die nicht erst im Internet stochern, könnten sie sich telefonisch bei einer Hotline anmelden. Deren Kenntnis von Koreanisch, Japanisch, Chinesisch und Swahili sowie die Wartezeiten haben wir indes noch nicht geprüft. Wer Nahverkehrssysteme in Tokio, Schanghai oder San Francisco kennt, wird ihren Kunden überdies zutrauen dürfen, dass sie im herkömmlichen System mit dem Ziehen eines Flatrate-Touristen-Tagestickets wenige Probleme haben. Vielleicht aber mit der Gültigmachung des Fahrscheins, die sonderbarerweise „entwerten“ genannt wird. Da verfolgen viele Verkehrsverbünde unterschiedliche Verfahren, dass sogar der Deutsche in einer fremden Region nicht weiß, ob und, wenn ja, wo er stempeln muss. Ein Rätsel überdies, wie der Fahrgast telefonisch zeitlich passend einen Beförderungsanspruch buchen soll, der in vielen Bereichen ohnehin nach 60 oder 90 Minuten – selbst das ist unterschiedlich – automatisch erlischt.

Nach dem Feldversuch ist vor dem Feldversuch

Überhaupt scheinen die regionalen Besonderheiten das Pilotsystem vor die größte Herausforderung gestellt zu haben. Statt hier gleich kräftig aufzuräumen und klare Angebote zu machen, bildete das Fraunhofer-Institut für Verkehrs- und Infrastruktursysteme in Dresden das gesamte bunte Tarifdurcheinander vieler, vieler Kommunalpolitiker in Software nach. Wem die Wörter „Fahrplanbeauskunftung“, „schnittstellenlastige Angelegenheit“ oder „verkehrlich enge Beziehungen“ so fehlerfrei von den Lippen gehen wie den Lenkern des bei diesem Projekt federführenden Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen, der wird das für einen kapitalen Fortschritt halten.

Die Macher testen dieses System am Fahrgast – der überdies die Übermittlung der Daten selbst zu zahlen hat -, damit es sich als bundeseinheitliche Norm empfehlen möge. Zwei Jahre somit, in denen hoffentlich irgendjemand die Notbremse zieht und Weichen für eines der ja vorhandenen wirklich einfachen elektronischen Verfahren stellt. Schade, wenn dieser Feldversuch den grundfalschen Eindruck erweckte, mobiles Bezahlen an sich sei nur in dieser vertrackt-unsicheren Form möglich. Mitnichten. Aber nach dem Feldversuch ist vor dem nächsten Feldversuch.

Jedem Fürstenhof in Deutschland sein eigenes Süppchen. Dass wir Nutzer dadurch leider auf wirklich sinnvolle Lösungen ewig warten können, ist ja für uns keine neue Erfahrung.

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Nach über zehn Jahren als Strategieberaterin für internationale Unternehmen gründete die Diplom-Kauffrau 2006 mobile zeitgeist und machte es zum führenden Online-Magazin über das Mobile Business im deutschsprachigen Raum. Heute ist sie ein anerkannter und geschätzter Speaker und gehört zu den Influencern der deutschen Internet-Szene. Weiterhin ist sie Beiratsmitglied für die Studiengänge Angewandte Informatik und Mobile Computing an der Hoschschule Worms. Als Co-Founder von ZUKUNFT DES EINKAUFENS, begleitet sie die Digitale Transformation im stationären Einzelhandel. Sie berät und trainiert Unternehmen, die sich den Herausforderungen der Digitalisierung stellen und fördert mit ihrem Engagement die Entwicklung verschiedener Branchen und Märkte.

5 Kommentare

  1. Hallo Frau Scholz!

    Mich würde interessieren, wie denn eine nach Ihrer Meinung „sinnvolle Lösung“ für ein Handy-Ticket aussehen könnte?

    Viele Grüße

    Peter Braun

  2. @Peter Braun

    Eine sinnvolle Lösung ist zunächst einmal einfach. Einfach in zweierlei Hinsicht: Erstens nutzt sie einfache Endgeräte, d.h. sie muss auf allen Handys anwendbar sein, auch auf den alten. Zweitens ist sie in sich so einfach, dass jeder sie versteht und sofort richtig bedienen kann.

    Ganz einfach, von der täglichen Nutzung, sind hier die BIBO (Be In Be Out) Systeme. Der Fahrgast hat eine Karte oder ein Handy mit einen entsprechenden Funkchip. Das Betreten und Verlassen wird automatisch aufgezeichnet und der Nutzer erhält eine detaillierte Abrechnung seiner Fahrten. Dies ist sehr einfach, aber auch für die Verkehrsbetriebe mit grossem Aufwand und hohen Kosten verbunden. Nicht zu unterschätzen ist hierbei die Einführung beim Nutzer inkl. der hierfür notwendigen Prozesse. Der Pilot in Dresden lief übrigens gut.

    Aus heutiger Sicht kommt meiner Meinung nur eine SMS-basierte Lösung in Betracht, wie sie zum Beispiel gerade als Park-Ticket in Sonneberg (sms&park) eingeführt wurde.

    Ich mache es am Beispiel U-Bahnfahren beim HVV deutlich: Wenn ich heute ein papierhaftes Ticket kaufen möchte, muss ich meinen Zielbahnhof kennen. Aus einer Liste am Startbahnhof lese ich eine Ziffer ab, die drücke ich dann am Automaten, werfe das Geld ein und erhalte mein Ticket. So ist es heute. Nun könnte ich auch diese Ziffer per SMS an einen Shortcode schicken und mein Ticket als SMS erhalten. Ich hätte den Nachteil, dass ich eine SMS bezahlen, aber auch den Vorteil, dass ich mir um Kleingeld keine Gedanken machen müsste. Die Kontrolle erfolgt durch Sichtung das Handydisplays. Fälle, in denen gerade kurz vor der Kontrolle der Handyakku aufgegeben hat, werden genauso behandelt wie „da ist mir wohl das Ticket irgendwie aus der Tasche gefallen“. Das Risiko liegt beim Nutzer.

    Die nächsten Schritte könnten funkbasierte Verfahren (siehe Pilot Deutsche Bahn mit NFC) sein. Auch Bluetooth Touchpoints sind denkbar. Diese Verfahren stellen jedoch höhere Anforderungen an den Nutzer und sein Verständnis seines Mobiltelefons.

    Alle Lösungen, bei denen Applikationen auf das Handy geladen werden, mehr oder weniger komplexe Anmeldeprozeduren im Internet erfolgen müssen oder die Bedienung schwieriger als das Schreiben einer SMS ist, halte ich für heute nicht massentauglich, insbesondere für den Gelegenheitsfahrer (bei Inhabern von Monats- oder Jahrestickets sieht es etwas anders aus). Damit wird man immer nur einen Teil der Nutzer erreichen. Wenn dies das Ziel ist, kann man natürlich auf komplexere Anwendungen gehen.

    Soweit nur in kleiner und sehr verkürzter Blick auf das was meiner Meinung nach sinnvoll wäre. Wie ist denn Ihre Meinung?

  3. Schade. Habe gerade eine halbe Stunde an einer Antwort geschrieben und dann sagt mir der Server:

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    Was übrigens nicht stimmt, ich habe JS aktiviert.

    Peter Braun

  4. Hallo Frau Scholz!

    Ich stimme Ihnen vollkommen zu, dass eine sinnvolle Lösung zunächst mal einfach sein muss. Ich würde gerne noch hinzufügen, dass jede sinnvolle Lösung aber auch preisgünstig sein muss, sowohl für die Verkehrsbetriebe als auch für die Nutzer. Der Nutzer erwartet, dass sein Fahrschein nicht (noch) teurer wird und für die Verkehrsbetriebe muss sich jede Investition rechnen. Darüber hinaus ist es auch nicht ganz unwesentlich, dass die Validierung der Gültigkeit von Fahrscheinen auch „einfach“ sein muss — das Fälschen von Fahrscheinen sollte dagegen nur schwer möglich sein.

    Ich glaube, dass derzeit eine „beste“ Lösung noch nicht gefunden ist, obwohl schon einige Ansätze ausprobiert wurden. Daher finde es gar nicht so schlecht, wenn hier einige Verkehrsbetriebe ihr eigenes Süppchen kochen — langfristig sollte sich natürlich schon /eine/ Lösung durchsetzen. Aber selbst heute hat doch jeder Verkehrsverbund noch sein eigenes Tarifschema, seine eigenen Automaten usw.

    Einfache Lösungen sind manchmal auch einfach zu knacken. Das von Ihnen beschriebene SMS Verfahren mit Bezahlung über die Telefonrechnung ist für den Fahrgast scheinbar einfach zu benutzen. Aber was ist in diesem Verfahren ein „Ticket“? Es ist ein Code, eine Folge von Buchstaben und Ziffern, damit er in eine SMS passt. Nun kann ja nicht jedes Ticket individuell der Person zugeordnet werden, da wäre der Aufwand bei der Kontrolle viel zu hoch. Also wird zum Beispiel pro Tag /ein/ Code für alle Tickets ausgegeben! Einfach zu kontrollieren, aber eben auch einfach zu fälschen. Die Kosten sind bei diesem Verfahren recht hoch, da zwei Textnachrichten verschickt werden müssen, die in Summe mehr als 10% des Preises für einen normalen Einzelfahrschein kosten. Bezahlung per SMS hat außerdem einen ziemlich schlechten Ruf, wie ich finde. Man hat (fast) keine Möglichkeit, außerhalb der monatlichen Rechnung die gekauften Tickets einzusehen.

    Aber auch technisch anspruchsvollere Lösungen wie zum Beispiel CICO haben Schwächen. Was ist, wenn der check-out vergessen wurde? Wird der Fahrgast tatsächlich genötigt, zur Zielhaltestelle zurückzukehren? Besser ist das schon BIBO, aber auch hier braucht man neue Geräte. Auch wenn der Pilot in Dresden gut verlief, vor 2011 ist mit einer praktischen Umsetzbarkeit nicht zu rechnen. Das BIBO Verfahren ist zwar einfach zu verwenden, aber nicht einfach zu verstehen — jedenfalls für die Masse.

    Die Java Lösung hat natürlich auch ihre Nachteile. Nur wenige Gelegenheitsfahrer werden sich sich eine Java Applikation installieren. Die notwendige Anmeldung zum Bankeinzug oder Kreditkartenzahlung mag aufwändig sein, aber das Verfahren ist sicherer als die SMS Lösung. Ein Ticket Code kann innerhalb der Java Applikation praktisch nur sehr schwer gefälscht werden. Man kann jederzeit einsehen, welche Tickets gekauft wurden.

    Was ist also jetzt die Quintessenz? Muss man innerhalb der Java Applikation dem Fahrgast einen echten Mehrwert liefern, damit die Applikation auch genutzt wird? Wie wär’s zum Beispiel mit einer sozialen mobilen Web 2.0 Applikation für ÖPNV Nutzer mit Bewertung der Fahrt und Chat zwischen den Fahrgästen ;-) ? Oder kann man das Handy-Ticket nicht getrennt sehen von anderen „mobile payment“ Anwendungen?

    Bin gespannt auf Ihre Meinung.

    Viele Grüße

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