Tablets und kein Ende – Soziale Medien?

mobile zeitgeist

Apple ist wieder einmal als Erster am Markt: nach dem iPhone 2007 als erstem Smartphone mit berührungsempfindlichem Bildschirm nun also 2010 das iPad als vergrößertes Pendant zum iPhone Touch. Bei immerhin mehr als 600.000 verkauften Geräten des Touchscreen-Rechners seit dem Osterwochenende und einer daraus resultierenden verzögerten Auslieferung außerhalb der USA kann man schon ins Grübeln kommen, ob dieses Gerät wirklich eine neue Geräteklasse konstituiert, wie von Steve Jobs behauptet. Jedenfalls hat die bis dahin weitgehend unbekannte mittelständische Firma Neofonie, 1998 aus der Technischen Universität Berlin ausgegründet, ein ähnliches Gerät namens WePad auf Linux-Basis mit Android-Betriebssystem vorgestellt, das es zumindest von den Spezifikationen her mit Apples Gerät aufnehmen soll, nur dass es eben auf einer offenen Plattform basiert. Da Google und Nokia ebenso Geräte dieser Art angekündigt haben, wird Neofonie es sicher nicht einfach haben. Die in diesem Zusammenhang wesentliche Frage, die sich mir stellt, ist allerdings, ob sich Tablets für den sozialen Austausch von Inhalten eignen.

Zielgruppen für Tablets

Sicher sucht das Nutzerinterface des iPhone-Betriebssystems, welches auf dem iPad läuft, seinesgleichen, so dass noch nicht einmal ein Handbuch mitgeliefert wird. Trotzdem fragt sich, ob der Normalnutzer wirklich auf ein Gerät dieser Größe (etwa DIN A4) und eines Gewichts von etwa 700 – 900 Gramm gewartet hat. Zu vermuten ist, dass Tablets für solche Privatnutzer interessant ist, die dieses zum Sofa-Surfen zuhause nutzen. Ich persönlich glaube allerdings nicht, dass dies andere Medien vollständig substituieren kann, auch wenn sich gewisse zeitliche Verschiebungen im Medienkonsum bemerkbar machen werden.Was Geschäftskunden angeht, so könnte es insbesondere für Außendienstmitarbeiter Vorteile bringen, welche kundenspezifische Transaktionen (z. B. Bestellung von Ersatzteilen) tätigen.

Attraktive Inhalte durch Kooperation mit Verlagen?

Gemeinsam scheint allen Geräten zu sein, dass der Nutzer vor allem über dezidierte Applikationen auf Dienste und Inhalte zugreifen wird. Zwar kann man wie gewohnt über einen Browser surfen, aber die Anbieter spekulieren darauf, dass die Funktionalität sich über das Herunterladen von Anwendungen aus AppStores ergibt. Die Kooperation mit Verlagen, welche erhoffen, der Kostenlos-Kultur des Internet ein Ende setzen zu können, ist deshalb auch wesentlicher Bestandteil des Geschäftsmodells. Ob diese ihre Inhalte dann gegen eine Abo-Gebühr oder werbefinanziert anbieten wollen, hängt sicher auch von der Akzeptanz der Nutzer ab. Ob es ausreicht, die Inhalte der Druckversionen einfach 1:1 bereitzustellen oder ob zusätzliche Inhalte, die nur den Nutzern der entsprechenden Applikationen vorbehalten bleiben könnten, bereitzustellen, hängt sicher auch vom Aufwand ab, den die Erstellung solcher zusätzlicher Inhalte – insbesondere wenn dynamisch (Videos), multimedial und vielleicht auch interaktiv – insgesamt erfordert. Die ersten Statistiken zeigen jedenfalls, dass statische Medienangebote nur begrenzt attraktiv sind.

Mobile Advertising – Nutzen für Anbieter

Im Zusammenhang mit (teilweise) werbefinanzierten Geschäftsmodellen sind Applikationen aber deshalb für Anbieter von Produkten und Services interessant, weil hier nutzerbezogenes Targeting wesentlich zielgenauer realisiert werden kann, insbesondere weil die Tablets und folglich auch die darauf installierten Anwendungen stark nutzerspezifisch sind, selbst wenn nur ein Bruchteil davon regelmäßig genutzt wird. Apple hat zu diesem Zweck das Werbenetzwerk Quattro Wireless– nach AdMob (von Google akquiriert) die Nr. 2 am Markt – erworben und wird dessen Möglichkeiten nun unter dem Namen iAd nutzen. Ob sich das grundsätzliche Modell, sich Werbeerlöse zu teilen, für Applikationen ähnlich wie für browserbasierte Angebote funktioniert, ist noch nicht ausgemacht, es scheint aber dazu keine Alternative zu geben.

Social Media

Um Medien miteinander teilen zu können, erfordert dies – gerade bei Geräten ohne vollwertige Tastatur – neue Paradigmen, um Interaktionsmuster (Kontaktaufnahme, Auswahl von Inhalten, Verfügbarmachung) möglichst intuitiv abzubilden. Was das Finden von Inhalten in einem breiten Angebot (z. B. Bookstore für digitalen Content) betrifft, ist hier eine anbieterbezogene Bereitstellung nach Statistiken (z. B. Neuigkeiten, meistgefragt, am besten bewertet) für die Implementierung geeigneter Applikationen sicherlich von Vorteil, müsste aber verknüpft sein mit Einträgen eines Adressbuchs oder sozialen Netzwerks, um Adressaten intuitiv auswählen zu können. Die Interaktion ohne Maus und Tastatur erscheint mir alles in allem zu restriktiv, um die Möglichkeiten sozialer Netzwerke als primärem Fokus zum Teilen und zum Austausch von Ressourcen gewinnbringend nutzen zu können.

Fazit

Sind Smartphones vor allem kommunikative Medien mit der Möglichkeit, Web-basierte Inhalte (z. B. Nachrichten) und andere Informationen (z. B. Wetter) lesend zu nutzen, so verbessern Tablets vor allem die Darstellung von Inhalten, so dass die spezielle Aufbereitung von Webseiten für kleinere Bildschirme entfällt. Die mit einem größeren Bildschirm einhergehende Bauform ermöglicht auch die Nutzung performanterer Hardware (Speicher, Prozessor). Für die aktive Nutzung im geschäftlichen Alltag erscheint der Verzicht auf reale Eingabewerkzeuge (Tastatur, Maus) abgesehen von speziellen Nutzergruppen wie etwa Mitarbeiter im Kundenkontakt zu restriktiv, als dass sich ein Tablet als Ersatz für mobile Rechner empfehlen würde. Für die individuelle Nutzung von multimedialen Inhalten (Entertainment, Lernmedien) ist ein Tablet sicher interessant, insbesondere für Nutzergruppen, denen die Bedienung eines Rechners bisher zu kompliziert war, oder deren Affinität bezüglich digitaler Inhalte entsprechend ausgeprägt ist. Ob sich allerdings die Hoffnung der großen Verlage wie Axel Springer oder Gruner + Jahr hinsichtlich neuer Erlösquellen erfüllen wird, scheint nicht zuletzt davon abzuhängen, ob deren Inhalte die Möglichkeiten des neuen Mediums über entsprechende Applikationen werden ausnützen können. Für die partizipative Nutzung von Medien sind Tablets hingegen weniger geeignet, dies würde insbesondere Werkzeuge zur Organisation von Medien auf dem Endgerät und umfangreiche Interaktionswerkzeuge erfordern.

Über den Autor: Dr. Matthias O. Will ist als Projektmanager und technischer Berater zu Innovationsthemen wie Mobile Marketing, Enterprise 2.0 und Social Media sowie als Mentor für Nachwuchskräfte im Rahmen dualer Studiengänge tätig. Sein primäres Interesse gilt der Frage, wie Informationen, Dienste und Ressourcen im Web personalisiert bereitgestellt und verbreitet werden können, um einen Mehrwert sowohl für Anbieter als auch für Konsumenten zu erzielen.

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2 Kommentare

  1. Das iPad ist genauso wenig das erste Tablet, wie das iPhone das erste Smartphone mit berührungsempfindlichem Bildschirm ist. Beides gabe es bereits bevor Apple die mobile Bühne betreten hat!

    Sexy und gut vermarktet? Wahrscheinlich! Erster? Wohl eher nicht!

    Die Post und viele andere Außendienst- und Lagerarbeiter verwenden Tablets schon seit Jahren.

  2. Dass es Geräte mit berührungsempfindlichem Bildschirm gab, bevor Apple diese vermarktet hat, steht außer Frage. Allerdings war wohl Apple schon der erste Hersteller, der berührungsempfindliche Smartphones und nun Tablets erfolgreich vermarktet (hat). Wobei man bei Tablets wohl noch ein wenig warten muss, bis man – allen Lobeshymnen zum Trotz – wird beurteilen können, ob diese wirklich ein dauerhafter Erfolg werden können. Vielen Dank für den Hinweis!

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