[SXSW] Fazit: Anregend, bunt, konvergent

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Nach meinem ersten Zwischenbericht von der South by Southwest (SXSW) in Austin, Texas kommen hier meine Beobachtungen der zweiten Hälfte der Konferenz und ein erstes Fazit.

Bereits vorab sei gesagt, dass in diesem Jahr kein „Next Big Thing“ in Austin den Durchbruch schaffte – in den vergangenen Jahren hatten Twitter und Foursquare bei der SXSW wesentliche Popularitätssprünge gemacht.

Der aus meiner Sicht einflussreichste neue Service vor Ort war Beluga, ein mobiler Instant Group Messaging Service. Über Beluga tauschten sich viele der Konferenzteilnehmer in kleinen Gruppen über freie Sitzplätze in Panels und die besten Geheimtipps für abends aus. Dass Instant Group Messaging einer der Trends der diesjährigen SXSW war, unterstreicht die Tatsache, dass mit GroupMe ein weiterer derartiger Service präsent war – zumindest in meinem Umfeld überwog aber die Beluga-Nutzung.

Eine etwas andere Form der mobilen Gruppen-Interaktion stellten CoolIris mit ihrem neuen Service LiveShare vor. Mit LiveShare können Nutzer direkt auf der Veranstaltung Smartphone-Fotos eines Events teilen, so dass eine kollaborative Dokumentation der Erlebnisse entsteht. „Schickst Du mir mal Deine Fotos von heute abend?“ ist damit passé. LiveShare kann man natürlich auch zum Foto-Sharen in geschlossenen Gruppen nutzen, für mich überwiegt aber der Event-bezogene Liveaspekt.

Im Rahmen der Konferenz reichte das Spektrum mobiler Themen von konkreten Workshops für App-Entwickler über eine Runde zum Status der japanischen Mobile-Szene bis hin zu Diskussionen über „Marketing in the moment“ und Konvergenzthemen:

In einem von O’Reilly-Autor Ken Yarmosh kuratierten Workshop unter dem Obertitel seines Buches App Savvy ging es um Strategien für erfolgreiche App. Mit Phill Ryu von taptaptap und weiteren erfolgreichen App-Anbietern war das Podium sehr kompetent besetzt, große Geheimnisse wurden allerdings nicht verraten: Natürlich ist es wichtig, dass im Kern einer App eine starke Idee und viel Enthusiasmus stehen – und natürlich macht es Sinn sich vor Beginn konkreter Arbeiten einige grundsätzliche Fragen zu stellen. Ob man deshalb aber gleich von App-Strategien sprechen sollte möchte ich anzweifeln. Eine sehr greifbare Hilfestellung bei der Bewertung unterschiedlicher App-Ideen bietet das von Phill Ryu vorgestellte AppIdeaQuiz (als PDF auf seinem Blog verlinkt).

Auf einem Podium zur Mobile-Szene in Japan am vierten Tag sprachen Vertreter der der zwei großen mobilen Social Networks Gree und Mixi über die wichtige Rolle des mobilen Internets und ihrer Plattformen nach den Erdbeben. Während das 3G-Netz nicht mehr funktionierte, konnte per WiFi immer noch auf das mobile Web zugegriffen werden. Auf der Suche nach Informationen zu Vermissten, Notunterkünften und Verhaltenstipps trieben die japanischen Mobilnutzer die Nutzungszahlen der Netzwerke auf 800% der üblichen Zugriffszahlen.

Ein Vertreter von Sekai Camera hielt in rumpeligem Englisch eine sehr emotionale kurze Ansprache zur aktuellen Katastrophe in Japan und stellte danach seinen Service als Vorreiter einer „3rd Wave of Mobile Networking“ in Japan vor: Nach Mobile Social Games und Location Based Social Games seien Augmented Reality Location Based Social Games wie Sekai Camera die Zukunft. Für diejenigen, die den Service noch nicht kennen: Mit Sekai Camera können Nutzer oder Unternehmen sogenannte AirTags an Orten hinterlassen, die dann von anderen Nutzern per Augmented Reality dargestellt werden können wenn sie vor Ort sind. Andwendungsszenarien reichen von Touristenguides über Kunst-Aktionen zu Werbemaßnahmen.

Spannend fand ich das von Mixi vorgestellte Check-In-System für Objekte der Realwelt (Bücher, CDs usw.) per Near Field Communication (NFC). Wie genau sie es hinbekommen wollen, dass mehr Objekte NFC-fähig gemacht werden wurde leider nicht erwähnt. Angesichts der wachsenden Verbreitung von NFC-fähigen Telefonen (gerüchteweise soll das iPhone 5 auch NFC-fähig sein), wird dieses Thema auf jeden Fall ein wichtiges Trendthema des nächsten Jahres werden und Mixi als eines der bisher ambitioniertesten Projekte in dieser Richtung sollte man im Blick behalten.

Auch im Rahmen einer Serie von Konvergenzthemen ging es um NFC. David Berkowitz von 360i stellte in seiner Präsentation mehrere Cases von NFC basierten Kampagnen und Projekten vor, darunter wiederum auch Mixi.

Andere wichtige Konvergenzthemen waren die Rolle von Web-basierten Inhalten auf Tablets als wichtiger TV-Backchannel und Tendenzen zur Entwicklung individualisierte Interfaces für TV-Geräte. Auch die in Deutschland in den letzten Monaten populärer werdenden Konvergenzthemen Multiscreen-Development und Transmedia-Storytelling waren auf der SXSW in mehreren Veranstaltungen präsent. Gerade Transmedia-Storytelling ist dabei in den USA schon klar dem Versuchslabor entwachsen und auch für viele große Medienhäuser ein wichtiges und konkret bearbeitetes Thema.

Natürlich beschäftigen die neuen Entwicklungen im Mobil-Bereich auch die Marketing-Branche. Unter Themen wie „Marketing in the moment“ oder auch „Real-Time-Marketing“ beschäftigten sich Vertreter von Agenturen und Unternehmen mit den Auswirkungen der immer direkteren und vielschichtigen Interaktion mit Verbrauchern. Hier kommen große Veränderungen auf Unternehmen und Agenturen zu, die neben den nötigen Kompetenzen und dem richtigen Setup auch komplett neue Content Strategien entwickeln müssen, um hinreichend agil am Markt agieren zu können.

Twitter und Foursquare scheinen dabei anders als in Deutschland inzwischen von den meisten Unternehmen als klarer Bestandteil des neuen Marketing-Mixes behandelt werden.

Zum Abschluß ein kurzes Fazit:

  • Die South by Southwest ist eine der anregendsten Konferenzen, die ich besucht habe. Gerade wenn man sich neben Interactive Themen auch für Musik interessiert, ist die Veranstaltung mit ihrem Mix aus angenehmer Atmosphäre, spannendem Inhaltsangebot und gutem Wetter kaum zu toppen.
  • In Austin gab es kaum Themen zu entdecken, die komplett neu waren. Vielmehr bestätigte die Konferenz Trends, die auch in Deutschland diskutiert werden als relevant: Transmedia Storytelling, Multiscreen- und Multiplattform-Konzepte, NFC und Webfähiges TV.
  • Die SXSW gibt einen greifbaren Eindruck davon, wie sich unsere Lebenswelt mit noch stärkerer Präsenz von Smartphones und anderen Connected Devices darstellen kann – wobei die Omnipräsenz aktiver Smartphone-Nutzung auf den Strassen für meinen Geschmack schon zu viel des Guten war.

Über den Autor: Arne Kittler (@ArneKittler) arbeitet seit 10 Jahren bei Fork Unstable Media und leitet dort die Consulting-Unit. Sein Fokus liegt darauf, Kunden bei der Initialisierung von Projekten strategisch aber auch mit direkt anwendbarem Bezug zu beraten. Dabei geht es zunehmend darum, aus der Vielzahl digitaler Kommunikationsmöglichkeiten die richtigen zu identifizieren und sinnvoll zu integrieren. Er ist davon überzeugt, das dies nur möglich ist, wenn man den Nutzer ins Zentrum der Betrachtung stellt.

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