[SXSW] Erste Eindrücke

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Die alljährliche South By Southwest Musik & Medien-Konferenz (SXSW) findet dieses Jahr zum 25. Mal in Austin, Texas statt. Die Konferenz hat sowohl hinsichtlich der Anzahl von Einzelveranstaltungen als auch in Bezug auf die Teilnehmerzahlen (angeblich über 11.000 Leute allein im Interactive Bereich) gigantische Maßstäbe erreicht. Kein Wunder, dass Veteranen des ehemals beschaulichen Events sich gegen die zunehmende Verwässerung durch „Marketing Douchebags“ wenden. Da ich auch zum ersten Mal dabei bin werde ich mich aber ruhig verhalten und lieber berichten, was es für Mobile Zeitgeist interessantes zu erleben gibt.

Auffallend aus Mobile Sicht ist die Omnipräsenz von Devices (Smartphones, iPads, Laptops) zu jeder Minute. In den Vorträgen, vor den Vorträgen und abends auf den Parties ist man umgeben von Leuten, die die überwiegend freien WiFi-Netze zum kommunizieren nutzen. Die WiFi-Abdeckung klappt erstaunlich gut (wie gesagt: wir sprechen von 11.000 simultanen Nutzern) – daran sollten sich die Veranstalter deutscher Konferenzen gerne ein Beispiel nehmen. Bedingt durch die ständige Konnektivität nimmt auch die Twitter-Nutzung extreme Ausmasse an: der #sxsw hastag ist inzwischen schon fast obsolet geworden, weil die tweets mit diesem Tag so schnell durchlaufen, dass man gar nicht folgen kann. Deshalb werden für alle Panels eigene Hashtags vergeben. Trotzdem ist die Twitter-Suche zu Stosszeiten häufig überlastet.

Seit dem ersten Konferenztag, dem Release-Tag des iPad2, betreibt Apple einen reinen iPad2-Popup-Store in der Nähe des Konferenzzentrums. Sowohl gestern abend als auch heute morgen (vor Öffnung) waren die Schlangen beeindruckend und bereits heute fielen in den Panels die Zuschauer auf, die ihre übergrossen „Kameras“ hochhielten, um Schnappschüsse von den Panels zu machen. Was beim iPhone schon bedenklich war, sieht beim iPad endgültig absurd aus.

Thematisch standen heute am zweiten Tag für mich Themen auf dem Programm, die sich im weiteren Sinne mit Cross-Plattform-Ansätzen beschäftigten:

Im Panel „It’s not TV, it’s social TV“ diskutierten Vertreter von Twitter, CNN iReport, Travel Channel und Jimmy Fallon anhand konkreter Beispiele über die Auswirkungen und Chancen einer sinnvollen Einbindung von Twitter in die Programmentwicklung. Dabei waren sich die Teilnehmer einig, dass die Anreicherung des Programms durch Twitter sinnvollerweise nicht auf dem TV-Screen, sondern auf sekundären Screens (insb. Tablets) stattfinden wird. Chloe Sadden (Twitter) sieht zukünftig sogar das Berufsbild des 2nd Screen VJs, der sich mit der (spontanen) Programmleitung des zweiten Screens beschäftigt. Eine besonderheit für die USA in Bezug auf Twitter-Aktivitäten ist die starke Verbreitung von zeitversetztem Zuschauen durch Festplattenrekorder und die unterschiedlichen Zeitzonen: Selbst wenn es den Sendern gelingt, Zuschauer statt für Aufzeichnungen für eine direkte Erstausstrahlung zu begeistern indem beispielsweise Jimmy Fallon während der Sendung live twittert, führen die Zeitzonen bislang dazu, dass die Response bei Ausstrahlung an der Westküste deutlich geringer ausfällt, weil viele Nutzer offenbar einen weniger direkten Liveeindruck haben.

In einer anderen Diskussion wurde Mike McCue zum Thema „Flipboard: Game changer or fading fad“ befragt. Seine Antwort kann man unschwer erraten, wobei er wert darauf legte, daß Flipboard letztendlich nur ein momentan besonders erfolgreicher Vertreter einer neuen Generation von Gamechangern ist, die Webcontent neu zugänglich machen. Interessant an der Diskussion war, dass McCue berichtete, dass sie momentan an einer iPhone Version von Flipboard arbeiten, die vorraussichtlich im Sommer auf den Markt kommen soll. Eine Entwicklung für Android ist bisher nicht konkret geplant – McCue macht auch keinen Hehl daraus, großer Apple Fan zu sein. Auf die Frage, ob Flipboard irgendwann auf ein werbefinanziertes Modell umsteigen würde, betonte McCue dass er wenn es dazu käme etwas grundsätzlich falsch gemacht hätte. Im Umfeld der Flipboard-Veranstaltung wurde ich auf eine mögliche Alternative aufmerksam, die mir bis dahin noch nicht bekannt war: Tweetmag, eine kanadische Entwicklung, die u.a. ein Annotieren der dargestellten Inhalte erlaubt.

In einer weiteren Veranstaltung mit dem Titel „One Story, Many Angles: The Multi-Platform Pitch“ diskutierten Vertreter US-amerikanischer Contentproduzenten (u.a. von Felicia Day’s Serie The Guild und der Online Serie The Legion of Extraordinary Dancers) über die Veränderungen im Produktionsprozess wenn am Ende Multi-Plattform Medienformate stehen sollen. In diesem Panel zeigte sich ein nachteil der SXSW: Die Konferenz ist sehr amerikanisch geprägt und wenn man mit den angesprochenen Produktionen nicht vertraut ist, war es zumindest mir kaum möglich, sinnvoll der Diskussion zu folgen. Einen Gesamteindruck konnte ich dennoch mitnehmen: Obwohl die Werbeindustrie offenbar hochinteressiert an Multi-Plattform-Formaten ist läuft deren Produktion zumindest initial nur über sehr viel Initiative, kleine Budgets und funktioniert bislang vor allem bei sehr jungen Zielgruppen.

Abschließend zu diesem Post noch ein kurzer Gesamteindruck: Die SXSW ist neben vielen inhaltlich spannenden Vorträgen und Gesprächen auch eine große Sause und bei sommerlichen Temperaturen sind die Strassen zwischen den vielen kleinen Clubs nachts brechend voll mit Konferenzbesuchern – und ihren Smartphones.

Über den Autor: Arne Kittler (@ArneKittler) arbeitet seit 10 Jahren bei Fork Unstable Media und leitet dort die Consulting-Unit. Sein Fokus liegt darauf, Kunden bei der Initialisierung von Projekten strategisch aber auch mit direkt anwendbarem Bezug zu beraten. Dabei geht es zunehmend darum, aus der Vielzahl digitaler Kommunikationsmöglichkeiten die richtigen zu identifizieren und sinnvoll zu integrieren. Er ist davon überzeugt, das dies nur möglich ist, wenn man den Nutzer ins Zentrum der Betrachtung stellt.

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