Neomedia gewinnt Patentstreit – Chance oder Debakel für das Mobile Code Reading?

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Schon lange dauert der Streit um die Patente des Anbieters von mobilen Barcode Lösungen, Neomedia und die Diskussionen wurden, wenn auch nicht immer auf die feine Art, so doch auf jeden Fall sehr emotional geführt. Behauptete die eine Seite, die Patente von Neomedia würden keine wirklich schützenswerten Prozesse abdecken und/oder bei finaler Erteilung einen marktbeherrschenden Monopolisten für das indirekte Verfahren schaffen (böse Zungen bezeichneten Neomedia schon als „Patent-Troll“), so bestritt die Gegenseite dies mit der gleichen Vehemenz. Wer mehr zu diesem Streit lesen möchte, der stöbere ein wenig auf den Seiten von GoMoNews, wo ich auch letzte Woche das Interview von Bena mit Ian McCready, dem CEO von Neomedia, las.

Zu dieser Entscheidung, Neomedias Patente anzuerkennen, bat ich einen Experten für das Mobile Tagging, Marvin Hegen von Tagnition um eine Stellungnahme.

1. Neomedia hat den Streit um seine Patente gewonnen. Was bedeutet das für die anderen Anbieter?
Um diese Frage zu beantworten muss man zuerst einen Blick auf das Patent selbst werfen. Dieses ist kein Patent auf die Technologie Mobile Tagging oder auf einen 2D-Code an sich, sondern auf ein Verfahren, das in der Regel als „indirect linking“ bezeichnet wird. Anstatt die Informationen direkt im Code zu speichern, beinhaltet dieser nur eine Art ID. Über einen Server wird mit Hilfe einer Datenbank dem jeweiligen Code eine eindeutige Aktion zugeordnet. Da Neomedia nicht das einzige Unternehmen ist, das auf ein derartiges Verfahren zurückgreift, ergeben sich für die meisten Mobile Tagging Dienstleister in Amerika Auswirkungen durch die Patententscheidung. Dies gilt nicht nur für die Unternehmen die schon länger mit Neomedia im Rechtsstreit liegen, sondern beispielsweise auch für Kleinunternehmen oder Open Source Projekte, die auf eine indirekte Verlinkung zurückgreifen. Deshalb wird die Patententscheidung meiner Einschätzung nach zumindest kurzfristig zu einer Abschreckung des Marktes führen. Projekte werden eingefroren und neue Unternehmen überlegen, ob sie in den Markt eintreten. Diese Situation wird solange anhalten bis entweder Neomedia selbst ein geeignetes Lizenzmodell einführt oder in Zusammenarbeit mit den mobilen Organisationen (GSMA, OMA usw.) ein standardisiertes Ökosystem durchsetzt.

2. Werden wir nun, wo die Sachlage klar ist, eine schnellere Entwicklung des Ökosystems um das Mobile Tagging sehen?
Ich denke für ein Ökosystem ist eine klare Sachlage durchaus förderlich. Die Ungewissheit hat bislang dazu geführt, dass es in nur sehr kleinen Schritten vorwärts ging. Wie Neomedia selbst betont, wollen Sie den Mobile Tagging Markt pushen, das Ökosystem voran treiben und geeignete Lizenzmodelle aufstellen. Ein Patent kann hier durchaus die Grundlage für die standardisierte Kommerzialisierung von Mobile Tagging Prozessen sein. Bedenklich ist aus meiner Sicht aber vor allem, dass eine Standardisierung, die eine gesamte Branche betrifft, so stark von einem einzelnen Unternehmen abhängt. Fakt ist auch, dass Neomedia in der Vergangenheit sehr viel Geld für den Patentstreit ausgegeben hat. Ich hoffe nicht, dass sich diese Ausgaben in unrealistischen Lizenzgebühren niederschlagen, die Mobile Tagging insgesamt unattraktiv für den Markt machen. Abzuwarten bleibt auch die Reaktion der CTIA, die bislang unter anderem auf den proprietären EZ-Code als Standard für Amerika gesetzt haben.

3. Oder wird es zu weiteren Streitereien kommen?
In der Vergangenheit ist im Rahmen des Patentstreites viel vorgefallen. Viele Akteure im Mobile Tagging Markt halten das Neomedia Patent für ein Trivialpatent, dem keine Innovation oder eigene Entwicklung zugrunde liegt. Zudem sollte es recht einfach sein das Patent zu umgehen, indem beispielsweise die abgleichende Datenbank auf dem Mobiltelefon selbst und nicht auf einem Online Server liegt. Auch das Zwischenschalten eines Browsers für den Aufruf des Servers könnte das Patent bereits untergraben. Eine Einigung der verfeindeten Parteien erscheint mir deshalb zum aktuellen Zeitpunkt eher unwahrscheinlich. Ich bin mir sicher, dass die amerikanische Konkurrenz weiterhin versuchen wird, das Patent anzufechten und Lücken zu finden, um auch ohne Neomedia indirektes Mobile Tagging durchzuführen.

4. Ist damit Neomedia der „Platzhirsch“, an dem nun niemand mehr vorbei kommt?
Aus Sicht der Endkunden sicherlich nicht. Neomedia wird zwar bei der Einführung eines Ökosystems eine wichtige Rolle spielen, aber im Endkundenmarkt keine dominierende Rolle einnehmen. Eine Standardisierung kann und darf nicht mit einem Monopol einhergehen. Deshalb wird Neomedia nicht alle Mobile Tagging Kampagnen umsetzen, sondern wie oben bereits angesprochen die Entwicklung des Ökosystems sowie eine Lizensierung vorantreiben. Unternehmen, die mit dem Einsatz von Mobile Tagging liebäugeln, sollten einen Dienstleister suchen, der Ihrer Einschätzung nach das für sie passende Mobile Tagging Angebot besitzt. Die Frage der Lizenzierung oder Anbindung an ein Ökosystem darf nicht im Vordergrund stehen und muss immer Aufgabe des technischen Dienstleisters und nicht des Endkunden sein.

Wer regelmäßig über das Mobile Tagging interessante Beiträge lesen möchte, dem sei das Weblog Mobile Tagging empfohlen.

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Über Heike Scholz 3409 Artikel
Nach über zehn Jahren als Strategieberaterin für internationale Unternehmen gründete die Diplom-Kauffrau 2006 mobile zeitgeist und machte es zum führenden Online-Magazin über das Mobile Business im deutschsprachigen Raum. Heute ist sie ein anerkannter und geschätzter Speaker und gehört zu den Influencern der deutschen Internet-Szene. Weiterhin ist sie Beiratsmitglied für die Studiengänge Angewandte Informatik und Mobile Computing an der Hoschschule Worms. Als Co-Founder von ZUKUNFT DES EINKAUFENS, begleitet sie die Digitale Transformation im stationären Einzelhandel. Sie berät und trainiert Unternehmen, die sich den Herausforderungen der Digitalisierung stellen und fördert mit ihrem Engagement die Entwicklung verschiedener Branchen und Märkte.

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