[MWC] Vier Tage im Mobile Disneyland

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Wenn man zum ersten Mal beim grössten Mobile Happening dabei ist, dann trägt man in der ersten Stunde dasselbe Gefühl mit sich herum, das man auch beim aller ersten Besuch in Disneyland hat: Wo soll ich zuerst hin? Oh nein, die Zeit ist viel zu kurz, links eine neue Produktvorstellung, rechts eine Paneldiskussion, alles passiert zur fast selben Zeit, da oben ein riesen Screen, schon wieder ein Announcement in meiner Inbox, dort ein Meeting, da drüben ein bekanntes Gesicht. Hiiiiilfeeee! Reizüberflutung! Noch bevor man eine halbe Stunde am Fusse des Montjuic verbracht hat, hat man schon den Eindruck, dass vier Tage doch eigentlich viel zu kurz sind.

Das Gefühl der Reizüberflutung wird von fast schon kindlicher Euphorie gefolgt, denn man will die Welt, die sich eben erst vor einem geöffnet hat, sofort entdecken und bis auf ihren letzten Winkel ergründen.

Klar, ein Haufen neuer Handys wurden vorgestellt, es gab ein paar Themenschwerpunkte, doch mein Beitrag soll mal zur Abwechslung kein Sammelsurium an Pressemeldungen sein sondern ganz unverblümt  meine Beobachtungen, untermalt von ein paar Schnappschüssen, schildern. Die Dortgewesenen können den ein oder anderen Eindruck vielleicht teilen und den Daheimgebliebenen hoffe ich ein lebhaftes Bild des MWC 2009 malen zu können.

Keine Angst: Soviel Disneyland war es dann auch wieder nicht, denn dieses iPhone ist nicht im Messeglände als Werbegag herumgelaufen, sondern in der Carrer de Jaume I am Donnerstag Abend in Mitten des Faschingsgetümmels- ich hab ja nur mehr darauf gewartet, dass ein G1 um die Ecke biegt :-)

Der Blick von der Anhöhe bei Halle sieben gab einem zuerst das beklemmende Gefühl eines Massenbegräbnisses, denn es drängten sich schwarze Anzüge zwischen schwarzen Anzügen, geschmückt von rosa Halsbändern. Und trotzdem wurde mir schnell erzählt, dass dies wohl nicht die Besucherzahlen sind, die man hier sonst gewöhnt ist. Die Hallen wirkten – so habe ich mir sagen lassen- leerer, am Haupteingang musste man dieses Jahr nur zwei Minuten statt einer Stunde auf Einlass warten und auch sonst kann man sich über zuviel Stau und Gedränge nicht beschweren.

Kein Gedränge: Eine Folge der Wirtschaftskrise oder einfach eine sehr gekonnte Organisation?

Gemeldet wurden jedenfalls 1.300 Aussteller und 47.000 Besucher, was zwar als positiv gefeiert wird, jedoch deutlich weniger ist als in den Vorjahren. Beispielsweise waren es 2007 und 2008 etwa 55.000 Besucher, das ergibt ein Minus von fast 15 %. 2006 sollen es 50.000 gewesen sein, womit in diesem Jahr ein erstmaliger Rückgang seit 2006 zu verzeichnen ist.

Von Krise keine Spur?

Der steigende Datenverkehr (bei T-Mobile eine Verdreifachung 2008) und das damit einhergehende Potential für neue Services wurde natürlich viel diskutiert. Laut Nielsen nehmen sich 50 % aller US Amerikaner und 34 % aller Europäer, die heute das mobile Internet noch nicht nutzen, vor, dies in Zukunft zu tun.

Auf die Frage wie denn die Lage am spanischen Messaging Markt so aussieht, hab ich mit Verwunderung folgende Antwort erhalten:  „We are in a crisis, 20 % less mobile revenue compared to last year, increasing unemployment rate – I would not go to Spain for business.“

Thematisch wurde mein Augenmerk auf Dreierlei gerichtet, nämlich Mobile Social Networks, Mobile Payment und Mobile 2.0.  Zu meiner Überraschung waren auch einige Themengruppen präsent, die ich bisher nur zu einer Randerscheinungen gezählt hatte:  Mobile Health, Mobile Government und „Mobile goes green“. Unter Letzterem war zum Beispiel Samsung mit dem Blue Earth Handy aus recycelten Plastik vertreten.

Die Mobilkom hat beim Thema m-Payment trotz des sehr gelungenen Videos über das derzeitige NFC Ticketing Trial mit der ÖBB, bei der Qualität des Vortrages leider eher mehr Fragen erzeugt als beantwortet.

Dem Hype Thema Mobile Advertising wurde ganz hinten nur der letzte Tag gewidmet. Ob diese Reihung nun auch eine Wertung sein soll, sei dahingestellt. Obwohl man am Donnerstag den Eindruck hatte alle wären schon nach Hause geflogen, war die Besucherzahl in der Paneldiskussion „Crossing the Chasm to Strategic Spend“  moderiert von Jumtap´s CMO Paran Johar doch grösser als in manch anderer Diskussion. Aber grosses Publikum ist noch kein Garant für grossen Output.  Denn der lies auch hier auf sich warten.

Die Schuld ist dabei allerdings nicht nur bei den Vortragenden zu suchen- nein, nein- denn Paran Johar hat sich sehr viel Mühe gegeben das Publikum interaktiv miteinzubinden, es herauszufordern und den Spieß umzudrehen: „For this panel, i will not ask the questions, you, the audience,  you will ask the questions“. Doch mehr als „Google´s concept ist not about creating attention, but intention“ und „Erkenntnisse“, dass sich der Markt nun endlich konsolidieren müsse- gähn- kamen hier auch nicht zu Tage.  Dazu empfiehlt es sich sehr Bena Roberts Beitrag zu lesen, denn sie hat es pointiert in ihrem Post formuliert:

I found little ecstasy or excitement sitting in the conference panels at the conference this year. This was not only because of the lack of creativity of the speakers, but also because no one really knew what they were talking about. Sounds harsh? Good. It is supposed to […]

Haben wir uns tatsächlich nichts Neues zu erzählen?

Auch wenn ich mich in meiner anfänglichen Euphorie am liebsten zweigeteilt hätte um an den Vorträgen und Diskussionen teilzunehmen, so war im Nachhinein die Anwesenheit in einigen Präsentationen leider vergeudetete Zeit.

Zeit, die ich besser in noch mehr interessante Begegnungen gesteckt hätte. Denn davon gab es eine ganze Menge.

Die Tage sind ohne Zweifel voll von Meetings und Hallenmarathons, die Sonne scheint und man hat den Winter tausende Kilometer weit hinter sich gelassen. Perfekte Grundvorraussetzungen für positiv gestimmte Meetings und Power-Networking. Die Abende sind meist lang, geprägt von vielen Gesprächen, man lernt oft mehr interessante Leute kennen als man Visitenkarten bei sich hat, es fliesst auf den unzähligen Parties viel spanischer Rioja und nach dem vierten Tag ist man fast schon zu müde um zu erzählen wer man ist und was man beruflich denn so tut.

Beim Mobile Media Tweet Up am Dienstag Abend beispielsweise gab es ausreichend Gelegenheit Twitter Zweiflern wie mir zu erklären, was denn so toll an Twitter sein soll. Ja ich gebe zu, probiert habe ich es noch nicht. Die Gelegenheit zur Bekehrung wurde genutzt, doch leider nur in Form einer Präsentation in Mitten einer Bar während die Party schon voll im Gange war- und da fiel aufmerksames Zuhören doch sehr schwer. Gut gemeint war hier leider wirklich das Gegenteil von gut gemacht. Und so gehört Twitter für mich immer noch auf die Liste der Dinge, deren Reiz ich einfach noch nicht ganz kapiert hab.

Was ist bitte so toll am Twittern?

Aber vielleicht fehlt mir einfach noch ein Schlüsselerlebnis, ähnlich dem „Iiiii, nimm den Finger aus meiner Pizza“ Erlebnis von Martin Oetting um dies zu verstehen.

Das Leben ist hektisch und anstrengend, und wir alle kämpfen mit störenden und nervenden Mitmenschen. Dass sich Leute auf den Geist gehen, liegt manchmal am einen, manchmal am anderen, oft an beiden. Und genau an dieser Stelle können Dienste wie Twitter oder das Status-Update bei Facebook ein Ventil sein – ein Ventil, das uns zurückhaltender, entspannter, gelassener sein lässt, weil wir uns die Bestätigung an anderer Stelle holen und nicht darauf angewiesen sind, dem Gegenüber sofort eins reinzubraten.

Auch wenn Begegnungen der netten und interessanten Art die Regel waren, so war die Anzahl der unerwünschten Zusammentreffen wohl auch keine unbeachtliche:  Es wurden nicht nur Badges, sondern auch Ausweise am Eingang kontrolliert – nicht zuletzt deshalb weil sich angeblich mit gestohlenen Badges Diebe hineingeschmuggelt hatten um Laptoptaschen und andere Wertgegenstände mitgehen zu lassen. Kaum ein Tag verging, ohne dass mir eine Geschichte von einem Diebstahl zu Ohren kam.

Es ist wohl traurig aber leider wahr, dass Laptoptaschen, das neue HTC Handy und Geldbörsen dieses Jahr am MWC wohl leider leichtere (und vielleicht auch begehrtere) Beute waren als Ideen und Innovation.

Über die Autorin: Aleksandra Schmid ist Mobile Marketer und hat in den letzten Jahren zahlreichen Marken geholfen ihre ersten und auch zweiten mobilen Marketingschritte zu tun. Ihre Einblicke und Erfahrungen teilt sie gerne bei Vorträgen oder schreibt sie nieder, zu lesen unter anderem im Guide der Werbeplanung, im Marketing Magazin Update und hier auf mobile zeitgeist. Aus Amerika hat Aleksandra aber nicht nur spannende Geschichten, sondern auch den Gedanken des Netzwerkens und Wissensaustausches mit nach Hause gebracht und gemeinsam mit fünf Gleichgesinnten den  “MobileMonday Austria” ins Leben gerufen. Aleksandra gestaltet die Branche in Österreich aktiv mit und engagiert sich daher im Vorstand der “Mobile Marketing Association Austria” (MMAA). Seit Oktober 2009 ist Aleksandra bei IQ mobile für die Entwicklung osteuropäischer Märkte verantwortlich.

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5 Kommentare

  1. Das Mitteilen jeder Kleinigkeit ist nicht das Spannende an Twitter. Sondern dass man, die entsprechende Anzahl Follower vorausgesetzt, ab einem gewissen Punkt darüber ganz schnell sehr hilfreiches Feedback einholen kann. Irgendjemand liest immer mit, der etwas weiß, was man selbst nicht weiß. Man kann seinen Gedanken nach draußen werfen und gucken, was zurück kommt. Was es sein wird, weiß man vorher nicht. Aber irgendwas kommt immer. Und das wird spannender und besser, je stärker sich Twitter verbreitet. Anstelle allein nachzudenken, kann man das nun kollektiv tun.

  2. Kollektives Nachdenken..hmm… Ist das auch ein bisschen ein Ersatz für den eigenen inneren Dialog? Oder eher eine Erweiterung des eigene inneren Selbstgesprächs, angreichert durch Perspektiven von aussen- eine zweite „innere stimme“, „innere stimme 2.0“ sozusagen :-)
    Ich tu mir ein bissl schwer über meinen Schatten zu springen und diese doch Nichtigkeiten zu posten. Aber ich gelobe es auszuprobieren und Bericht zu erstatten. Denn „was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht“- will ich selber auch ungern gelten lassen.

  3. Es müssen ja keine Nichtigkeiten sein. Ich poste beispielsweise Links, die mir interessant erscheinen, mit einem kleinen Kommentar. Ich freue mich über die Links anderer, die mir neues Wissen bringen. Twitter ist mein Nachrichtenfilter. Neulich entstand durch einen kurzen Dialog auf Twitter eine Idee für ein neues Projekt.

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