Mobile Manners – was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr

zetigeistnomade

Bist du schon mal in den Staaten Taxi gefahren?

Wenn man in den USA Taxi fährt, sei einem zu allererst geraten zur mobil versierten Klientel zu gehören, denn wer nicht mit Google Maps am Rücksitz den Taxler navigiert, der zahlt sehr wahrscheinlich mal bis zu 50 % mehr als sein müsste und braucht auch genausoviel mehr Zeit bis zum Ziel. Aber abgesehen von der Tatsache, dass man als Fahrgast auch grundsätzlich Navi spielt, kommt zu allem Überfluss noch hinzu, dass sehr viele Taxifahrer während der Fahrt pausenlos am Handy hängen und telefonieren. NON STOP! Und wenn man dann schon zum zweiten Mal im Kreis gefahren ist, langsam grantig wird und dem Herrn Taxler auf die Schulter tippt um ihm mitzuteilen, dass er vielleicht da vorn rechts abbiegen hätte sollen, fühlt man sich als Fahrgast gleich wie ein schuldiger, überflüssiger Störenfried. Wie konnte ich nur! Wie konnte ich nur sein Telefongespräch stören! Wenn man dann am Ende möglichst schnell zahlen will, sich aber vor lauter Wut das Trinkkgeld spart oder es etwas dürftiger ausfallen lässt, dann- hohooo!! -aber dann lieber Fahrgast lauf so schnell du kannst! Denn angefangen von lautstarken Wortwechseln warum das Trinkgeld jetzt ausbleibt bis hin zum Taxifahrer der das Fenster runterkurbelt und mir dann auf offener Strasse lauthals nachschreit „God bless you for your 50 Cents, god you bless you!“, hatte ich alles schon erlebt.

Tja, aber wenigstens für die Schimpfattacken wird das Geplausche am Handy dann unterbrochen!:-)

Orientierungslosigkeit ist ja das eine, aber obendrein dann auch noch unverschämt am Handy quasseln während der Fahrgast dem ahnungslosen Taxler den Weg ansagen will, halte ich einfach für grottenschlechte Manieren.

Und schon ertappe ich mich mitten im Ruf nach Benimmregeln im Umgang mit mobiler Technologie und bin ganz erstaunt über mich selbst: Ist es denn wirklich schon soweit mit uns gekommen? Sollte sich tatsächlich jemand hinsetzen und eine „Etikette“ zum Umgang mit Handys in zwischenmenschlicher Gesellschaft definieren? Ist es das, was unsere neue Gesellschaft heute wirklich braucht?

Tja, keine Sorge, da haben sich tatsächlich schon lang ein paar Jungs und Mädels hingesetzt…

Brauchen wir „mobile 10 Gebote“?

„Du sollst nicht in Bus, Bahn oder Restaurant telefonieren.“

„Du sollst nicht abheben wenn du gerade mit einer anderen Person im Gespräch bist.“

„Du sollst dich entschuldigen wenn du trotzdem einen Anruf annehmen musst.“

„Du sollst weder persönlich noch emotional werden wenn du in der Öffentlichkeit telefonierst.“

…und und und… die Gebots/Verbotsliste ist- recherchiert man brav- endlooooos lang.

Sollten diese „mobilen Regeln“ schon im Kindesalter mit ins Programm der guten Erziehung genommen werden, frei nach dem Motto „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr“ ? Oder ist es einfach totaler Schwachsinn hier krampfhaft Regeln aufzustellen?

Auf der Suche nach einer Antwort habe ich äußerst gespaltene Lager vorgefunden: Auf dem InfoWorld Weblog gibts nicht nur schon eine Liste von „Do‘ s“ und „Don’ts“ , sondern die Leser werden auch animiert ihre eigenen Regel dazu zu posten. So entstand hier fast schon ein „Manifest der Mobilen Ettikette“. Zu den Highlights zählen für mich u.a. die Faustregel immer dort das Handy lautlos zu haben, wo man auch nie mit einem schreienden Kind hingehen würde. Oder wie wär´s mit einer Moderegel? Trage niemals ein Handy auf der Gürtelschnalle und schon gar nicht wenn das Modell älter als ein Jahr ist! Auch das wird hier geboten:-)

Aber es geht noch radikaler: Definiere bitte selber deine eigenen Regeln und drück sie dann jedem in deinem Adressbuch aufs Auge:

Inform everyone in your mobile address book that you’ve just adopted the new rules for mobile manners. Ask them to do likewise. Please.

Thou shalt turn off thy cell phone at funerals, weddings, yoga class, and any place else where it would be socially unacceptable to bring a screaming child!

What about that you shall not wear a phone on your belt, and absolutely not a phone what is older than 1 year.

Thou shall learn how to use thy cellphone correctly before using them in public and not fumble around trying to unlock the keyguard. RTFM shall be the utmost commandment. If thou cannot learn how to use thy phone, thou shalt not use it.

Der Mobile Life Report 07 hat für die fünf untersuchten europäischen Länder wenig überraschend herausgefunden, dass die soziale Akzeptanz von Aktivitäten wie „Telefonieren in Öffis“ besonders unter jüngeren Leuten gegeben ist (16 bis 24), allerdings wenig von den 55 bis 64jährigen toleriert wird. In der Nationenfrage zeigt sich vorallem der Spanier als sehr tolerant, wogegen sich der Deutsche und der Franzose am meisten um die Etikette sorgt. Signifikante Unterschiede zwischen Mann und Frau in der Benimmfrage sind nicht zu erkennen. Interessant ist dabei auch, dass vor allem in UK das Handy gern auch als Vorwand benutzt wird um im öffentlichen Raum den Kontakt zu fremden Menschen zu vermeiden oder sogar abzuwehren.

„I don’t go around making rules against human interaction in public!“

Aber ich finde auch auf der anderen Seite welche die meinen, dass selbst in einer mobilen Welt immer noch alte Benimmregeln gelten sollten. Diejenigen die sich ohne mobile Device benehmen können, sollten es dann auch mit Handy und ein bisschen Feingefühl ganz gut hinkriegen:

Don’t you feel like you’re saying that people can’t talk and interact with other people when they are around you? I have certainly been annoyed by someone talking on the phone next to me before, but I also get annoyed when people just have loud conversations while they are both in the same physical space. However, I don’t go around making rules against human interaction in public.

Dr. Carsten Sorensen sieht das als einen Balanceakt zwischen unserem Egoismus und dem Wunsch sozial akzeptiert zu werden:

Our behaviour is for the large part dictated by informal norms about when it is acceptable to leave our mobiles on, when we turn to silent, make a call etc. Although some situations regulate the use of mobile phones, silent carriages on the train, on an airplane, or when in the theatre, most situations do not. We are left to judge the issue in much the same manner
as we judge what jokes are appropriate in what situations or how to dress for what occasion.
This makes it all the more interesting and exciting as it is a matter of constantly negotiating
the boundaries through a process of push and pull.

Nervtötende Taxifahrt hin oder her – Ich persönlich schliesse mich hier im wesentlichen der Meinung von Dr. Sorensen an und denke, dass wir keine neuen Benimmregeln brauchen, sondern nur ein bisschen mehr Sensibilität.

Es wird immer denjenigen geben, der den unpassenden Witz erzählt oder diejenige die das zu kurze grellgelbe Kleid beim Galadinner trägt – aber hey, sollten wir dem ganzen nicht mit etwas mehr Humor und Toleranz begegnen? Denn ist das nicht auch genau das, was das Leben am Ende auch amüsant und unterhaltsam macht?

Ich meine, es ist lediglich an der Zeit mal wieder die gute alte Erziehung auszupacken, sie zu entstauben und ihr ganz besonders im Umgang mit mobiler Technologie etwas mehr Aufmerksamkeit und Sensibilität zu schenken.  Und wenn es uns gelingt dies auch noch mit einer Portion Toleranz, Humor und Respekt für unser Gegenüber zu paaren,  wird sich der Ruf nach den 10 mobilen Geboten wohl spätestens mit der nächst heranwachsenden Generation wieder in Luft auflösen.

Über die Autorin: Aleksandra Schmid ist Mobile Marketer und hat in den letzten Jahren zahlreichen Marken geholfen ihre ersten und auch zweiten mobilen Marketingschritte zu tun. Ihre Einblicke und Erfahrungen teilt sie gerne bei Vorträgen oder schreibt sie nieder, zu lesen unter anderem im Guide der Werbeplanung, im Marketing Magazin Update und hier auf mobile zeitgeist. Aus Amerika hat Aleksandra aber nicht nur spannende Geschichten, sondern auch den Gedanken des Netzwerkens und Wissensaustausches mit nach Hause gebracht und gemeinsam mit fünf Gleichgesinnten den  “MobileMonday Austria” ins Leben gerufen. Aleksandra gestaltet die Branche in Österreich aktiv mit und engagiert sich daher im Vorstand der “Mobile Marketing Association Austria” (MMAA). Seit Oktober 2009 ist Aleksandra bei IQ mobile für die Entwicklung osteuropäischer Märkte verantwortlich.

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