Interview: Holger Fischbuch, Gruner + Jahr Wirtschaftsmedien

mobile zeitgeist

Neue (oder doch eher alte) Umsatzmöglichkeiten für Verlage erfreuen sich seit einiger Zeit großer Beliebtheit, werden doch Paid-Content-Modelle von einigen als neue Rettungsringe verstanden, da ja angeblich der Nutzer auf seinem mobilen Endgerät für Content eher bereit ist, Geld zu bezahlen (btw…es ist NICHT der Content sondern die Convenience).

Entgegen der Strategie eines Axel-Springer-Verlags hält Gruner + Jahr an seinen kostenfreien Applikationen fest. Ich hatte vor ein paar Wochen Gelegenheit, dem Director Electronic Media G+J Wirtschaftsmedien, Holger Fischbuch, ein paar Fragen zu stellen.

1. Ende Januar 2010 launchten G+J Wirtschaftsmedien die mobile Applikation der Financial Times Deutschland (FTD). Was ist das Besondere an der FTD-App im Vergleich zu anderen mobilen News-Apps?

Das Besondere an der iPhone Applikation der FTD ist, dass es nicht nur eine reine News-App ist. Die FTD steht für qualitativ hochwertigen Wirtschafts- und Finanzjournalismus in Kombination mit allen wichtigen Kursen. Das war auch Grundansatz für die Konzeption der Applikation.

Dieser Mix aus aktuellen Nachrichten und einem umfassenden Börsenbereich für Finanzprofis macht die App und unsere Positionierung am Markt aus.

Ansonsten bietet die Applikation bezogen auf ihre Bedienbarkeit alles, was man zum Konsumieren von Nachrichten via iPhone braucht und erwartet. Darin bestärken uns die überaus positiven Nutzerrezensionen. Hier gehören vor allem die interaktiven Wissenstests und die iPhone-optimierten Bilderstrecken zu den Highlights der Nutzer. Durch die integrierte Watchlist, Lesezeichen und Börsenindexanzeige, bietet unsere App einen hohen Individualisierungsgrad. Abgerundet wird das Angebot durch eine sehr anwenderorientiert Kurssuche.

2. Die FTD-App ist kostenfrei im Apple App Store herunter zu laden. Andere Verlage bieten ihre Apps kostenpflichtig und/oder mit Abo-Modell an. Was waren die Gründe, die FTD-App kostenfrei zu launchen und wird sie kostenfrei bleiben?

Unsere aktuelle iPhone-App als Basisvariante bleibt kostenlos und zwar mit dem Ziel Reichweite aufzubauen. In weiteren Updates werden wir diese kostenfreie App zu einer Freemium-App mit weiteren attraktiven Services ausbauen. So können wir die durch die Basisvariante aufgebaute Reichweite sowohl für die Vermarktung als auch für die Promotion von reinen Paid-Apps oder Premius-Services nutzen.

Um Kostenpflichtigkeit erfolgreich durchsetzen zu können, benötigen Services zwingend eine Differenzierung zu vorhandenen kostenfreien mobilen Internetangeboten oder auch den klassischen Web-Angeboten, die mit dem Safari-Browser des iPhones mit nur geringen Einschränkungen ebenfalls nutzbar sind. Unserer Einschätzung nach trifft diese Differenzierung für das reguläre Nachrichtenangebot nicht zu. Deshalb werden unsere Abonnenten in Zukunft vor allem Features und Anwendungen frei geschaltet bekommen, die die Applikation individueller und nutzerorientierter machen.

3. Innerhalb von sechs Wochen konnte die FTD-App knapp 135.000 Downloads verzeichnen. Wie groß ist der Anteil der Apps, die heute noch täglich oder zumindest regelmäßig genutzt werden?

Wenn man die Downloads in Beziehung zu unserer Print-Auflage setzt, die bei etwas über 100.000 Exemplaren liegt, dann wird deutlich, wie groß der Erfolg unserer App ist und wie gut es uns gelungen ist, neue User bzw. Leser für unsere Marke zu gewinnen. Natürlich haben wir nicht täglich 135.000 Unique User in der App, aber die Nutzerzahlen stimmen uns sehr positiv. Iden ersten beiden Monaten nach Launch der Applikation erreichten wir jeweils über 6 Mio. PageImpressions.

Das entspricht ungefähr einem Fünftel unserer Reichweite im Web. Außerdem können wir beobachten, dass die Nutzer in Applikationen aktiver sind (mehr PI / Visit) und sich länger mit den Inhalten beschäftigen, als im Web oder im mobilen Internet. Das spricht dafür, sich bei der Entwicklung von Apps mit dem Thema Usability intensiv zu beschäftigen.

4. Was wird von G+J Wirtschaftsmedien noch zu sehen sein? Weitere Plattformen, zum Beispiel BlackBerry für die Business-Kunden? Welche Zusatznutzen werden zukünftige Paid Apps aus Ihrem Hause haben?

Der Erfolg unserer iPhone Applikation hat gezeigt, der mobile Markt ist erwachsen geworden und es gibt eine Vielzahl interessanter Geschäftsmodelle. Wir beobachten den Markt sehr genau und analysieren, ob sich Investitionen in weitere Apps lohnen. Aktuell sehen wir hier keinen Handlungsbedarf. Die Reichweiten von Android-Endgeräten sind noch zu klein und BlackBerry-Apps bieten keinen essentiellen Mehrwert in ihrer Bedienbarkeit. Daher werden wir hier vorerst keine Entwicklungen betreiben. Aber man darf niemals nie sagen.

5. Nach neuesten Meldungen hat Apple es schwerer als erwartet, Verlage auf sein iPad zu locken. Zu groß sind die Vorbehalte bei den Verlagen, sich in eine Abhängigkeit von Apple zu begeben, wie es vorher die Musikindustrie getan hat. Wird G+J dennoch zu den Ersten auf dem iPad gehören?

Das Thema „iPad“ ist für uns sehr wichtig. Generell stellt der Tablet-Markt essentielles Betätigungsfeld für Verlage dar. Aktuell gibt es daher viele Diskussionen zu dem Thema, die durch die Ankündigung des WePad an Spannung gewonnen haben. Auch bei G+J gehen die Entwicklungen voran. So hat zum Beispiel der stern Ende März sein emag vorgestellt.

Die G+J Wirtschaftsmedien werden sich nicht nur auf Apple-Plattformen fokussieren, sondern gezielt nach Alternativen suchen. Das ist auch ein Grund, warum wir die Initiative des DPV zum Thema eReader unterstützen. Als Verlag haben wir ein gesteigertes Interesse daran, unsere Inhalte flächendeckend zu vertreiben, denn wir haben nicht nur Apple-Kunden in unserem Kundenstamm.

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Über Heike Scholz 3394 Artikel
Nach über zehn Jahren als Strategieberaterin für internationale Unternehmen gründete die Diplom-Kauffrau 2006 mobile zeitgeist und machte es zum führenden Online-Magazin über das Mobile Business im deutschsprachigen Raum. Heute ist sie ein anerkannter und geschätzter Speaker und gehört zu den Influencern der deutschen Internet-Szene. Weiterhin ist sie Beiratsmitglied für die Studiengänge Angewandte Informatik und Mobile Computing an der Hoschschule Worms. Als Co-Founder von ZUKUNFT DES EINKAUFENS, begleitet sie die Digitale Transformation im stationären Einzelhandel. Sie berät und trainiert Unternehmen, die sich den Herausforderungen der Digitalisierung stellen und fördert mit ihrem Engagement die Entwicklung verschiedener Branchen und Märkte.

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