Die sieben häufigsten Missverständnisse über den durchschnittlichen Mobilfunknutzer

Nokia i silver

Nicht nur wir Mobilisten, auch alle anderen Geeks und Nerds, egal ob sie in Agenturen oder anderen Unternehmen sitzen neigen dazu, die durschnittlichen Mobilfunknutzer falsch einzuschätzen. Mit diesem „durschnittlichen Mobilfunknutzer“ sind die mindestens 70 Prozent der Menschen in unserem Land gemeint, die kein Smartphone besitzen und die irgendwie bei uns so häufig aus dem Blickfeld verschwinden, wenn wir darüber reden, dass Mobile nun im Massenmarkt angekommen ist.

Schauen wir also einfach einmal auf die aus meiner Sicht sieben häufigsten Missverständnisse oder besser „Fehlwahrnehmungen“, wenn wir über Mobilfunknutzer sprechen und versuchen, die Füße wieder auf den Boden der Tatsachen zu bekommen.

1. iPhones sind überall

Nein, eben nicht. Das iPhone hat weltweit einen Marktanteil von unter zwei Prozent an allen Mobiltelefonen, der Anteil an den Smartphones liegt bei rund 14 Prozent. Bis Ende 2009 hat T-Mobile in Deutschland insgesamt 1,5 Millionen iPhones verkauft, also schätzungsweise in 2009 rund 800.000 Stück. Eine genauere Zahl konnte ich leider nicht finden. Insgesamt wurden in Deutschland im Jahr 2009 knapp 27 Millionen Mobiltelefone abgesetzt, damit kommt das iPhone auf einen Anteil von knapp drei Prozent.

Nur um noch einmal deutlich zu werden: 97 Prozent aller Mobilfunknutzer in Deutschland besitzen KEIN iphone. Ich akzeptiere auch, wenn es 95 oder 90 Prozent sind, da meine Berechnung oben sicherlich nicht besonder akurat ist. Doch das ändert nichts an der beschriebenen Tatsache.

2. Jeder will alles mit seinem Mobiltelefon tun können

Für manch einen mag es  erstaunlich sein, dass die meisten Mobilfunknutzer doch tatsächlich mit ihren Geräten telefonieren wollen. Auch die gute alte SMS erfreut sich nach wie vor der allergrößten Beliebtheit. Nur weil wir Tech-Geeks mit unseren High-End-Geräten Emails bearbeiten, twittern, navigieren, Musik erkennen, Barcodes scannen, Sehenswürdigkeiten mit Augmented Reality Apps ansehen und noch vieles mehr heißt dies nicht, dass das die Regel ist. Die Regel ist immer noch Telefonie und SMS.

3. Neue Features kommen auf die Telefone, weil der Nutzer dies wünscht

Falsch! Bei den meisten Menschen lösen Neuerungen oder Veränderungen eher Ablehnung aus. Man möchte sein Telefon haben, sich daran gewöhnen und sich eben möglichst nicht umgewöhnen müssen. Schaut in die leuchtenden Augen von Menschen, die ihr uraltes Handy zücken und stolz verkünden, dass sie es geradezu blind bedienen können.

4. Die Zukunft gehört den Touchscreens

Das darf bezweifelt werden. Sie geben keine haptische Rückmeldung, sind ständig verschmiert, bei Sonnenschein geradezu nutzlos, zerkratzen und sind mit einer Hand nur schwer bedienbar. Weltweit hat BlackBerry mit seinen Geräten riesigen Erfolg und ist bei den jungen Menschen zum Beispiel in Indonesien der absolute Hit, denn die Jugendlichen wollen schreiben. Ich weiß, warum ich neben meinem Nexus One immer noch mein gutes altes E71 dabei habe.

5. Jeder will ins mobile Internet

Das mobile Internet ist kein Selbstzweck. Nur weil es technisch möglich ist, wird niemand hin gehen. Die Menschen möchten, dass ihre Mobiltelefone in einem bestimmten Kontext ein empfundenes Problem für sie lösen. Wenn dies das mobile Internet kann, werden sie es nutzen.

6. Die Menschen wollen alle sechs Monate ein neues Gerät

Wie schon bei 3. bezüglich der neuen Features erwähnt, wollen die Menschen eben meist keine Veränderung. Und die neuen Geräte bringen häufig keine Verbesserung. Ihre Akkus halten nicht mehr so lang und aufgrund der herrschenden Featuritis wird selbst das Telefonieren immer komplizierter. Wer kennt nicht die nostalgischen Seufzer, wenn jemand ein Nokia 6310 sieht und sofort ins Schwärmen über die Akkulaufzeit gerät.

7. Die Bereitschaft zu zahlen ist am Handy größer als im Internet

Das ist wirklich ausgemachter Blödsinn. Menschen bezahlen mit ihrem Geld für Dinge, die ihnen das Leben erleichtern oder angenehmer machen. Ganze Geschäftsmodelle darauf zu bauen, dass wir es angeblich gewöhnt seien, dass Dinge auf Handys immer Geld kosten, ist geradezu fahrlässig. Wann begann denn das Wachstum der Smartphones und der Nutzung von Datentarifen? Doch erst, als es Flatrates gab, die zumindest gefühlt den Kostendruck genommen haben.

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Über Heike Scholz 3408 Artikel
Nach über zehn Jahren als Strategieberaterin für internationale Unternehmen gründete die Diplom-Kauffrau 2006 mobile zeitgeist und machte es zum führenden Online-Magazin über das Mobile Business im deutschsprachigen Raum. Heute ist sie ein anerkannter und geschätzter Speaker und gehört zu den Influencern der deutschen Internet-Szene. Weiterhin ist sie Beiratsmitglied für die Studiengänge Angewandte Informatik und Mobile Computing an der Hoschschule Worms. Als Co-Founder von ZUKUNFT DES EINKAUFENS, begleitet sie die Digitale Transformation im stationären Einzelhandel. Sie berät und trainiert Unternehmen, die sich den Herausforderungen der Digitalisierung stellen und fördert mit ihrem Engagement die Entwicklung verschiedener Branchen und Märkte.

15 Kommentare

  1. Super Artikel mit viel viel Wahrheit ;)

    Trotzdem würde ich behaupten, dass Smartphones auf dem Vormarsch sind. Fast jeder meiner Bekannten, die meißten davon sind keine Nerds, haben bereits ein Smartphone. Oder täuscht das wirklich so sehr? Man sollte die Zahlen nächstes Jahr nochmal erheben und dann vergleichen…

    • Ja, die Smartphones sind wirklich auf dem Vormarsch. Sie legen derzeit ein überdurchschnittliches Wachstum hin. In den USA besitzen bereits 30% ein Smartphone. Bei uns liegt die Quote so rund um 20%. Und diese Entwicklung ist maßgeblich durch das iPhone bestimmt. Doch das zeigt nur wieder, dass es 70 bis 80% sind, die eben KEIN Smartphone besitzen. Das wird sich aber mittelfristig ändern. Ganz sicher.

  2. iPhone (+iPod Touch) und Android machen zwar deutlich weniger als 10 % der verkauften Geräte aus, sie haben aber einen weltweiten Marktanteil von zusammen über 70% beim Mobile Browsing. Für Anbieter von Websites ist das oft die entscheidende Größe und deshalb sind die Geräte so interessant.

    • Absolut richtig. Es kommt immer darauf an, was genau man sich anschaut. Natürlich liegen die Smartphones und hier insbesondere das iPhone (Android holt derzeit schnell auf) bei der Nutzung des mobilen Internets ganz vorn. Doch darf hierüber nicht vergessen werden, dass eben die breite Masse der Mobilfunknutzer (noch) nicht im mobilen Internet ist. Möchte ich mit meinem Vorhaben eine möglichst große Reichweite erzielen, sollte ich andere Tools des Mobile Marketing wählen.

  3. Gut geschrieben und wahrscheinlich viel wahres dran, aber mich würde mal interessieren, ohne das dies hier negativ aufgenommen wird, worauf Du deine Aussagen begründest, bzw. hast Du Quellen zu deinen 7 Punkten, schon allein aus dem Grund da ich gerade an meiner DA (M-Commerce als Thema) arbeite und dort eine Aussage ohne Quellenangabe wertlos ist.

    • Hier bei diesem „Rant“ habe ich im Einzelnen keine Quellen. Vieles stützt sich auf die verschiedensten Autoren, Gespräche mit Branchenkollegen und eigene Beobachtungen. Als eine der wichtigsten Quellen für Mobile kann ich den schon von weiphi erwähnten Tomi Ahonen empfehlen. Aktuelle Zahlen zu Smartphones in Deutschland gab es grad vom BITKOM.

  4. Leider kann ich diesen Punkten so nicht zustimmen. Du überschätzt das Beharrungsvermögen der Kunden, die zwar auf ihr altes Nokia-Telefon schwören, aber wenn Sie einmal gesehen haben, was die Freunde so alles mit ihrem iPhone anstellen, auch so eines haben wollen. Mir ist klar, dass Du die Punkte auch aus Deiner Pro-Nokia, Contra-Apple Pespektive aufgestellt hast, aber wenn ich mir ansehe wie viele Kunden ich im Moment auf meinen mobilen Angeboten habe, dann ist es nicht eine Frage der Zeit, wann die Kunden anfangen im mobilen Internet zu surfen – sie machen es heute schon. Es gibt einfach keinen vernünftigen Grund, warum das Internet nur am Schreibtisch genutzt werden sollte – sondern genau das Gegenteil ist der Fall.

    • Zunächst sei ein Hinweis gestattet. Nur weil ich ein E71 besitze, habe ich keine „Pro-Nokia“ Perspektive. Und dass ich eine „Contra-Apple“ Perspektive hätte ist auch so nicht richtig. Alles was ich möchte ist, dass wir die Tatsachen akzeptieren und die rosarote iPhone-Brille abnehmen. Ansonsten bin ich absolut endgerätehersteller-agnostisch.

      Weiterhin sind meine Ausführungen eine Beschreibung dessen, was wir heute sehen. Ich bin absolut Deiner Meinung, dass sich dies in der Zukunft ändern wird, sonst wäre ich nicht mit einer solchen Begeisterung in dieser Branche tätig. Und selbstverständlich gibt es keinen Grund, das Internet nur am Schreibtisch zu nutzen. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass wir in absehbarer Zeit primär mit unseren mobilen Geräten das Internet nutzen werden und der PC am Schreibtisch seine Bedeutung im Alltagsleben der Menschen weitestgehend verlieren wird.

  5. Wirklich guter Artikel. Ich sehe alle Punkte genauso.
    Und für mich auch einer der wichtigsten ist der 7. Hier wird ja viel drüber diskutiert und einige Content-Anbieter stützen sich ja sehr stark hierauf. Und manch einer nimmt die ganzen App-Stores als Referenz. Aber die Nutzer geben nur Geld aus, wenn es Leistung gibt, und nicht weil es jetzt das Handy ist ;)

    Wirklich guter Artikel!

  6. Hey, ihr habt mein Handy erwähnt und abgebildet. Das schleppe ich jetzt seit 7 Jahren mit mir rum. Und heute, gerade heute, habe ich mir ein neues gekauft. Ein nigelnagelneues, richtig schön nostalgisches 6310 für die nächsten 7 Jahre ohne Smartphone.

  7. Eine kleine Ergänzung, soeben gelesen: 5,4 Prozent rufen zurzeit täglich Internetseiten auf. Bei einer Vergleichsumfrage 2008 waren es nur 3,4 Prozent der Befragten. Immerhin 6,6 Prozent nutzen täglich E-Mail Dienste auf ihrem Mobiltelefon. Auch das Handy als Musicbox gewinnt Zulauf. MP3 hören 20,3 Prozent mindestens einmal die Woche. Die Killerapplikation bleibt jedoch der SMS- und MMS Versand. 30,7 Prozent der Handynutzer schreiben täglich Textnachrichten.

    http://www.horizont.net/aktuell/digital/pages/p

    • … und 20.000 empfangen allein bei der Sparda-Bank in Hessen täglich per SMS ihren Kontostand… ;-)

      Quelle, Bankmagazin, Ausgabe 10/2009, Seite 50

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  1. Jahresrückblick 2010 | mobile zeitgeist

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