Die bewusste Schizophrenie zur Wahrung der Privatsphäre

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Ach, wie einfach war es doch früher mit seinen alten, doch viel zu großen Papierausweisen, die man hier und dort bekommen hat. Auf diesen waren die wichtigsten und notwendigsten Daten „gespeichert“, die für den jeweiligen Zweck des Ausweises notwendig waren.

So hatte man einen Ausweis für die Videothek, einen anderen als Führerschein und einen von der örtlichen Bibliothek. Zum Glück gab es für die Bibliothek und Videothek unterschiedliche Ausweise. So konnte die doch meist finster dreinblickende Bibliothekarin nicht sehen, dass ich mich neben dem qualitativ hochwertigen literarischen Input, ab und an, für sie absolut unverständlich, auch mal ein weniger gehaltvolles Video ausgeliehen habe.

Doch mit dem Wandel von der Papierform hin zum parktischen Plastik in Kreditkartenformat, verbanden sich die Teilinformationen unserer Persönlichkeit hin zu einem immer größer werdenden Gesamtbild. Die geht soweit, dass viele Unternehmen auch schon Informationen über uns haben, deren Existenz wir uns nicht vorstellen können (wollen).

Mit dem Erfolg des Internets wurde dieser Prozess noch weiter verstärkt. Dank der elektronischen Datenverarbeitung können über Identifier, wie e-Mail Adressen, Kreditkartennummern oder Kombinationen aus Namen und Geburtsdatum, Informationen über uns, die wir früher noch trennen konnten, auf einfache Weise zusammengeführt werden.

Wo es der Bibliothekarin früher noch zu umständlich gewesen wäre einzelne Namen und Geburtstage zu ihrer Kollegin in die Videothek zu schicken, ist dies heutzutage über einfache Datenbankabfragen kein Problem mehr.

Gerade in sozialen Netzwerken geben viele Benutzer Informationen von sich preis. Durch verschiedene Zusatzprogramme von Drittanbietern, werden zusätzlich die persönlichen Informationen der Benutzer aus vielen Bereichen an einem (digitalen) Ort gebündelt.

Diese Problematik wird natürlich schon viel Diskutiert und die Benutzer werden gewarnt Ihre Daten nicht zu veröffentlichen. Doch eine Aufklärung von Seiten der Anbieter oder eine technische Unterstützung lässt sich zurzeit häufig noch vergeblich suchen.

Gerade im mobilen Umfeld kommen mit dem Sammeln von Kontext-Informationen noch weitere persönliche Daten hinzu. Doch viele dieser Daten sind notwendig, damit der Benutzer Dienste nutzen kann, die für ihn wichtig sind. Im Rahmen von Mobilen Communities sind dies häufig friend finder, bei denen dem Benutzer Freunde in seiner Umgebung angezeigt werden.

Von daher muss ein Weg gefunden werden, dass Benutzer Dienste uneingeschränkt nutzen können, ohne immer sein gesamtes Profil zur Verfügung zu stellen.

Einen Lösungsansatz dafür bietet das Konzept der Partiellen Identitäten, dass im EU Forschungsprojekt PRIME (White Paper) untersucht worden ist und in dem noch laufenden Projekt PICOS auch im mobilen Umfeld näher betrachtet wird. Partielle Identitäten geben einem Benutzer die Möglichkeit mit einem Account unter verschiedenen Pseudonymen in einer Community bzw. Sozialem Netzwerk unterwegs zu sein.

Für andere Benutzer ist die Verbindung zwischen den verschiedenen Pseudonymen nicht transparent. Seinen einzelnen Partiellen Identitäten kann der Benutzer bestimmte Eigenschaften seiner wahren Identität zuteilen, die für einen bestimmten Anlass notwendig sind. Seine wahre Identität und weiteren nicht benötigte Eigenschaften werden hierbei nicht veröffentlicht.

Um ein Beispiel zu geben, kann man sich das Eingangsszenario aus dem ersten Absatz noch einmal vornehmen: In einer Community gibt es verschiedene Sub-Communities und unter anderem auch eine für Literatur und eine für Videos. Mich als Benutzer interessieren beide Themen und möchte auch in beiden Sub-Communities aktiv sein.

Leider wird man in der Sub-Community zur Literatur als Video-Fan nicht immer positiv aufgenommen. Als Lösung können zwei Partielle Identitäten erstellt werden; eine für die Video- und eine andere für die Literatur-Sub-Community.

Das vorgestellte Konzept der Partiellen Identitäten könnte eine Lösung für den Konflikt zwischen Privatsphäre und die Nutzung von Diensten darstellen. Vor allem im mobilen Umfeld, wo der aktuelle Standort und Kontext nicht für jeden immer ersichtlich sein soll.

Darüber hinaus lässt dieses Konzept auch neue Fragestellungen aufkommen, die Beantwortet werden müssen. Auf alle einzugehen würde aber den Rahmen eines Blogeintrages sprengen. Von daher wird in dem einen oder anderen folgenden Eintrag auf bestimmte Fragestellungen näher eingegangen.

Für ganz Neugierige bieten die beiden Webseiten der oben genannten Projekte aber noch weitere Informationen.

Über den Autor: Markus Tschersich studierte Wirtschaftsinformatik an der Universität Duisburg-Essen. Dort setzte er seine Schwerpunkte auf e-business & e-entrepreneurship, user interface engineering sowie software engineering. In allen diesen Bereichen fokussierte er sich speziell auf Mobile. Seine Diplomarbeit beschäftigt sich mit Erfolgsfaktoren mobiler Communities.

Nach seinem Studium wechselte er an die Goethe Universität in Frankfurt um am Lehrstuhl für Mobile Business & Multilateral Security zu promovieren. Dort ist er derzeit im Europäischen Forschungsprojekt PICOS tätig. In seiner Forschung beschäftigt er sich mit mobilen Communities sowie mit Trust und Privacy im mobilen Umfeld.

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1 Kommentar

  1. Das Konzept partieller Identitäten ist vermutlich sehr naheliegend, die Frage ist nur, welche funktionalen Anforderungen anwendungsübergreifend gestellt werden können und wie diese so umgesetzt werden können, dass es ein „Trusted Identity Center“ gibt, das auch vertrauenswürdig genug ist, um die ihm anvertrauten Identitäten sicher zu verwahren, und zwar so, dass sichergestellt ist, dass identitätsbezogene Informationen nicht an unautorisierte Third-Party-Dienste weitergegeben werden. Ich bin jedenfalls schon sehr gespannt auf Folgebeiträge!

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