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Am 14. Mai 2013 Von In Fundstücke

Google Glass: Nerdspielzeug oder bald auf allen Nasen?

Seit ein paar Wochen ist die Geek-Welt in Aufruhr. Google hat eine Brille vorgestellt, die nach Meinung einiger Experten die mobile Welt revolutionieren wird: Google Glass. Was bei den einen zu geradezu kindlichem Entzücken führt, lässt andere eher ratlos und oftmals achselzuckend zurück.

Was ist Google Glass nun? Nerd-Spielzeug, Medienhype oder doch der ganz große Wurf, der unsere Zukunft zeigt? Ich versuche einmal eine ganz persönliche Annäherung.

Robert Scoble, der “Scobleizer” und wohl der bekannteste Tech-Blogger überhaupt, gehörte zu den Ersten, die Google Glass selbst haben testen können. Und er war schier aus dem Häuschen und stellte nach seinem zwei-wöchigen Test fest: “This has changed my life. I will never live a day without it on.”

Natürlich ließen gegenteilige Meinungen nicht lange auf sich warten. Mike Butcher, Europa-Chef-Redakteur von TechCrunch, konnte sich nicht so recht mit Google Glass anfreunden und verglich sie mit dem Segway, der ebenfalls als innovativ und bahnbrechend beschrieben wurde, sich aber nie im Massenmarkt durchgesetzt hat. “But the technology itself? Well, if it does disappear inside normal glasses perhaps it has a chance. But once again, interrupting a conversation with someone to interrogate it? We’ll have to rethink thousands of years of human interaction, and that’s unlikely to happen any time soon,” so Butcher.

Scoble ist als Medienmann sehr einflussreich, geradezu berühmt. Und so tauchte er auf der Next gemeinsam mit Google Glass auf. Damit war er für viele Teilnehmer der Konferenz ein magischer Anziehungspunkt und meine Timeline war voll mit Bildern von Leuten, die sich mit Scobles Brille auf der Nase fotografiert haben. Dieses Verhalten ist nicht neu, gab es doch schon vorher das tumblr-Blog White Men Wearing Google Glass, der ganz in der Tradition von Kim Jong-Il Looking At Things eine nicht ganz Ernst gemeinte Sammlung unsinniger Fotos enthielt.

Ich weiß nicht, ob der Mode-Blogger Gerhard Schröder davon inspiriert auf dem gpluscamp eine Fotoserie “Glass Faces” von Menschen mit einer – allerdings nicht echten – Google Brille gemacht hat. Jedenfalls hat er damit wiederum Hannes Schleeh auf die Idee gebracht, die Bloggerkonferenz re:publica mit einer im 3D-Druck erstellten und völlig funktionslosen Variante der Google Glasses zu besuchen. Schleh bezog sich auf Sascha Lobo, der in seiner Spiegel-Kolumne zu Google Glass schrieb: “Der große Unterschied zum Handy ist deshalb kein technischer, sondern ein sozialer, nämlich die weitgehende Unsichtbarkeit der Nutzung für Dritte. Daher rührt auch die Unruhe, die in der US-amerikanischen Medienlandschaft abseits der Nerdbegeisterung zu beobachten ist.”

Diese unsoziale, unsichtbare Nutzung von Google Glass ist die Eigenschaft, die vielen Bauchschmerzen bereitet. Schon sind die Begriffe “Glassiquette” für den rücksichtsvollen Umgang und “Glasshole” für all diejenigen, die sich nicht daran halten, entstanden. Modeblogger Schröder führt hierzu gerade eine Blogparade (läuft noch bis 31.5.2013) durch: Glassiquette statt Glasshole: Blog-Parade für den Google-Glass-Knigge und freut sich über eine rege Teilnahme.

Wir werden für Geräte wie Google Glass Regeln brauchen, genau so wie wir sie für Smartphones entwickelt haben. Diese Regeln werden nicht statisch sein, sondern sich mit unserer Nutzung verändern, lockerer werden. Heute wirkt Google Glass auch uns noch sehr nerdig und kaum jemand (ausser der Nerds) scheint bereit, für diese Brille viel mehr als 200 Euro ausgeben zu wollen.

Wenn es Google schafft, wovon wir ausgehen können, die Brille zu einem akzeptablen Preis anzubieten, wird sie dann den Massenmarkt revolutionieren? Werden wir alle eine solche Brille auf der Nase haben, auch wenn wir gar keine Brillenträger sind? Werden die Menschen, mit denen wir täglich interagieren, es akzeptieren, dass ich abgelenkt bin, andere Dinge tue, Zusatzinformationen zu meinem Gegenüber abrufe, das Gespräch aufzeichne oder sie/ihn einfach einmal fotografiere und das Bild auf Facebook poste?

Menschen unbemerkt zu fotografieren oder zu filmen ist heute bereits mit erheblich unscheinbareren Geräten möglich. An dieser Stelle sehen wir mit Google Glass keine neue Technologie. Das Neue ist, dass sich hier eine Technologie zwischen Menschen in ihre Kommunikation legt, diese erweitert (Stichwort: Augmented Reality), ergänzt oder eben dokumentiert. Etwas, was unsere Smartphones heute auch schon können, aber dies ist dann für den anderen sichtbar. Es wird bei Google Glass nicht reichen, ein Blinklicht zu etablieren, das anzeigt, dass gerade eine Aufzeichnung erfolgt. Wenn das Gegenüber dieses Licht unvermittelt sieht, ist das Vertrauen in den Gesprächspartner im Zweifel bereits erschüttert, da nicht vorher gefragt wurde. Eine Glassiquette muss her und wir werden uns wieder einmal ändern (müssen).

Ich habe starke Bedenken, dass etwas wie Google Glass sich im Massenmarkt durchsetzen wird. Allerdings deuten alle Zeichen darauf hin, dass dies ganz klar an meinem Lebensalter liegt und jüngere Menschen hier viel mehr den “Coolness-Faktor” sehen, als dass sie ein komisches Gefühl beschleicht. So bleibt es spannend, wie es sich entwickeln wird.

Marcus Wohlsen von Wired hat ein seinem lesenswerten Artikel geschrieben, warum ausgerechnet die Nerds Google Glass gefährlich werden könnten, hat bestechende Indizien für ein Scheitern im Massenmarkt zusammen getragen, zum Beispiel die Tatsache, dass viele von Nerds gehypten Lösungen im Massenmarkt gescheitert sind, es hier offensichtlich eine Korrelation gibt und man mit der Brille auf der Nase eben nicht cool aussieht. Er bezieht sich in diesem Punkt ebenfalls auf das bereits oben erwähnten tumblr-Blog. “But making money on consumer technology requires that consumers embrace that technology. If Google Glass makes you look as cool as the guys in that Tumblr, that embrace is about as likely to happen as you hugging a Segway. Or Robert Scoble in the shower.”

 

Bis hierhin war nur vom direkten Einsatz zwischen zwei oder mehreren Menschen die Rede. Google Glass hat aber sicherlich noch ganz andere Anwendungsszenarien, zum Beispiel auf Konferenzen oder im Medizin-Bereich, wo erste Lösungen entstehen. Hier spielen die Brillen ihre Stärken weit besser aus, denn sie ermöglichen es, die Hände frei zu haben. Diese Tätigkeiten, können optimal mit einer “Datenbrille” unterstützt oder dokumentiert werden. Ein gigantischer Markt, der hier entsteht.

Linktipp: Infografik – Wie Google Glass funtkioniert

 

 

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Heike Scholz

Heike Scholz ist Gründerin von mobile zeitgeist, Autorin, gefragte Rednerin, Dozentin und Workshop-Leiterin. Mehr auf ihren Webseiten oder auf XING

2 Antworten

  1. Liebe Heike,

    Danke für die Erwähnung und die Weitergabe meines Aufrufs zur #Glassiquette!

    Die Idee zur Brille hatte ich am schon vor der NEXT. Die Bilder mit der 3D-gedruckten Brille entstanden am 12. & 13. April in Essen. Die NEXT fand am 23. & 24. April in Berlin statt.

    Viele Grüße aus Essen,

    Gerhard Schröder

  2. “Bald” ist ein relativer Begriff. Bis Google Glass die Early Adopter Phase verlässt, wird es sicherlich zwei bis drei Jahre dauern. Google Glass ist im Prinzip ein Gadget für das Smartphone; ähnlich wie die Smart Watches. Nich Google Glass revolutioniert unser Kommunikationsverhalten, sondern das omnipräsente Smartphone. Wobei es erstaunlich ist wie viele digitale Devices kommen und gehen.

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