Interview mit EyeEm: Handyfotografie und die Macht der Community

Die letzten beiden Jahre gehörten – gefühlt jedenfalls – den -Apps. Sicherlich mit dem Highlight als Facebook sich Instagram für $1 Mrd schnappte. Aber auch sonst hatte man das Gefühl, dass das Netz nur noch aus bearbeiteten Fotos (na klar – und Katzenvideos) bestand. Auch der große Rivale Google kaufte sich mit Snapseed einen Fotofilter-Dienst hinzu. Nebenbei gab es viele weitere Foto-Apps wie Hipstamatic, Camera+, Photosynth, oder Photoshop Express und die Zahl steigt immer weiter. Nicht zuletzt auch weil Handyfotografie immer mehr Liebhaber und auch Profi-Anwender findet. Es geht sogar soweit, dass man Fotos mit Instagram-Filter in Artikeln von The Guardian, beim Stockbilder Anbieter Getty Images oder der New York Times auf dem Titelbild wiederfindet.

Daher werden die Fotofilter nicht nur als Lieblings-Apps von gestandenen Profis, sondern auch als Marketing-Tools wahrgenommen. Allen voran war und ist nach wie vor Instagram ein beliebter Partner für Werbekampangnen. Doch als zu Beginn des Jahres der Dienst beschloss seine Nutzungsbedingungen zu ändern, und fälschlicherweise kolportiert wurde, dass Instagram ungefragt User-Fotos verkaufen könne, kam es zum User-Aufstand. Und zur großen User-Abwanderung, da viele das Vertrauen verloren hatten, was vielleicht sogar ein wenig mit Facebook zusammenhängt. Da half auch keine Entschuldigung von Kevin Systrom, dem Co-Gründer von Instagram. Jedenfalls wurde in der Community zum Wechsel aufgerufen, wodurch andere Dienste zusätzlich an die Oberfläche der allgemeinen Wahrnehmung gespült wurden.

eyeem-header

gen-sadakaneEiner dieser Dienste ist das deutsche Startup EyeEm (für AndroidiOS und Windows) aus Berlin. Die Idee wurde in New York bereits im Jahre 2010 geboren, als einer der fünf Gründer seine Kamera verlor. Man rutschte in die Flickr-Twitter-Szene und lernte Leute kennen, die ebenfalls mit Smartphones fotografierten. In Berlin trafen sich dann Florian Meissner, Lorenz Aschoff, Ramzi Rizk und Gen Sadakane, um schließlich 2011 den ersten Prototypen herauszubringen. Seit dem wuchs die Community stetig an und überholte im US-iTunes App Store sogar Instagram.

Nachdem sich die Meldungen um Instagram und Co. ein wenig gelegt haben, ist es an der Zeit mal zu schauen, wie es dem Berliner Startup geht, was es anders macht und wie es sich um seine Community kümmert. Dazu habe ich mit dem Co-Gründer Gen Sadakane gesprochen.

 

mz: Was genau ist EyeEm?

EyeEm ist eine Foto Sharing und Discovery App. Mit jedem Foto, das du machst, entdeckst du neue Themen und Orte, die dich interessieren. Der reine Social Graph wird immer irrelevanter. Man merkt das ja am eigenen Facebook-Profil mit hunderten von Freunden, die ja fast jeder schon hat. Es wird immer schwieriger relevantes Zeug zu bekommen. Wir versuchen Menschen nach ihren Interessen zu verbinden und bauen somit eine Community nicht anhand deiner Freunde auf, sondern anhand deiner Vorlieben für beispielsweise “Skateboarding” oder “Schwarzweiß-“.

mz: Auf eurer Website ist zu lesen, dass ihr 2010 in New York mit einer Ausstellung gestartet seid. Wie kam es dazu und was hat euch dazu bewegt eine weitere Fotofilter-App zu entwickeln?

Die erste Ausstellung war in Berlin im Sommer 2010. Wir haben mit einem Blog angefangen und Handyfotografen aufgefordert ihre besten Bilder einzureichen. Die besten Bilder haben wir ausgewählt, auf Alu Dibond mit Acryl gezogen und aufgehangen. Das Ziel war der Handyfotografie eine Plattform zu geben und sie sogar in ein renommiertes Museum zu bekommen. Das ist uns auch Anfang des Jahres gelungen: wir haben die die Bilder ins C/O Berlin Fotomuseum gebracht, zwar nur für einen Tag, aber es war eine tolle Ausstellung.

mz: Ihr habt eine sehr lebhafte internationale Community. Wie schafft ihr es, täglich neue loyale und vor allem aktive Fans zu gewinnen?

Wir haben früh international angefangen und es war immer unser Ziel eine globale Community aufzubauen. Durch unseren Content, Blog und dem Ambassador Program schaffen wir es eine authentische Community aufzubauen. Natürlich helfen auch die Landesübersetzungen, die wir gerade ausrollen, wie z.B. russisch und indonesisch. Wusstest du das dort 260 Mio. Menschen leben? Wahnsinn! Unsere User merken das wir zuhören und auch Dinge ändern. Sie merken das wir authentisch sind und die Fotografie lieben.

mz: Ambassador Program klingt interessant. Kannst du das etwas näher beschreiben?

Wir haben jetzt 266 Botschafter in 150 Ländern, mit denen wir engen Kontakt pflegen. Die helfen uns bei den Übersetzungen oder beim Organisieren von Ausstellungen, Fotowalks oder einfach nur Meetups, um das Digitale etwas haptischer zu machen. Im Grunde genommen will man ja mit Leuten nicht immer nur auf dem Handy oder vor dem Computer kommunizieren, sondern sich real mit Gleichgesinnten treffen, einen Kaffee oder ein Bierchen trinken, eine schöne Zeit haben und sich austauschen.

mz: Welche Möglichkeiten haben Marken sich in eure Plattform und eure Community einzubringen?

Wir versuchen authentisch zu bleiben und es soll zu unserer Marke auch passen. Wir haben z.B. für Lufthansa Bilder in unserer Community in Auftrag gegeben. Lufthansa hat für ein lokales Feature auf deren Facebook-Seite in Brasilien ein Lifestyle Foto gesucht. Wir haben dann gezielt in Brasilien in den Discover Feed unsere Aufgabe, als sogenannte “Mission“, platziert. Mittlerweile geht das direkt in unserem speziellen Mission Tab, den wir dann innerhalb der App in den News oder mit einer Pushnote kommunizieren. Natürlich erreichen wir auch über unseren Newsletter gezielt Fotografen. Wir haben quasi die Stockfotografie umgedreht und können unsere Gemeinde gezielt Fotos schießen lassen.

Unsere Community ist sehr fotoafin und deshalb ist die Qualität sehr hoch. Wenn man sich unser “Popular album” anschaut, findet man immer wieder ungesehene und sehr authentische Bilder, die man woanders nicht findet. Die Menschen haben heutzutage viel öfter eine Kamera dabei, weil sie ihr Haus ohne Telefon fast schon nicht mehr verlassen.

mz: Wie sieht die Auswertung der Aktionen aus? Gibt es eine Art Reportings oder Analysen zu den Marken-Kooperationen?

Natürlich sind wir da noch in der Testphase und es gibt kein Rezept, deshalb versuchen wir viel auszuprobieren. Die Ergebnisse anhand der Qualität der Bilder geben uns recht, das es dort Bedarf gibt. Aber auch die Feststellung, dass es nicht immer um Geld oder einen großen Gewinn gehen muss. Die Leute machen mit, weil es ihnen Spaß macht und sie inspiriert werden von den anderen Einsendungen. Ich möchte darüber hinaus auch Projekte mit NGO’s machen, also z.B. mit Amnesty oder WWF könnte man sehr interessante Fotoprojekte und auf aktuelle Probleme aufmerksam machen. Schließlich haben wir mehrere Millionen User in über 150 Ländern.

mz: Instagram hat sich ja Ende letzten Jahres ein kleines PR-Debakel geleistet, als Änderungen der Nutzungsbedingungen unglücklich kommuniziert worden. Habt ihr danach einen Ansturm neuer Nutzer registrieren können?

Natürlich hat uns das PR-Debakel auch geholfen. Es war ein Initiator, aber die größeren Wellen kamen erst später, weil sich das alles multipliziert. Die Leute posteten extrem viel auf Twitter und sogar auf Instagram, mit der Aufforderung, das man sie auf EyeEm folgen soll. Teilweise sogar mit Screenshots von den eigenen EyeEm-Profilen. Das hat uns geholfen, aber letztendlich muss das eigene Produkt stehen damit es von alleine organisch wächst. Und das hat es. Man konnte dabei aber auch sehen wie groß der amerikanische Markt ist. Als wir Instagram Anfang des Jahres im App-Ranking überholten, hatten wir an einem Tag Download-Zahlen von über 200.000 – nur im US-iTunes App Store.

mz: Facebook hat Instagram gekauft. Google hat sich Snapseed einverleibt. Habt ihr ähnliche Ziele und Überlegungen?

Als Gründer hab ich das Ziel EyeEm besser und nachhaltig zu machen. Es ist ja wie ein eigenes Baby, welches man aufzieht und nicht einfach abgibt und deshalb gibt es noch viele Ziele.

mz: Als letzte Frage würde ich gerne wissen, wie ihr die zukünftige Entwicklung der Fotografie und entsprechenden Mobile Apps seht.

Man merkt ja jetzt schon wie die Handykamera die Kompaktkamera (die werden ja im Handel schon für 30 Euro verscherbelt) ersetzt hat. Wer läuft schon mit zwei Geräten herum? Also ne gute Kamera wird es immer geben und man merkt ja schon noch den Qualitätsunterschied. Aber auch der wird immer geringer. Die Fotoapps, mit denen man die eigenen Bilder bearbeiten kann, werden immer redundanter, da sie in Zukunft oder auch jetzt schon in den Geräten der Hersteller integriert und auch immer besser werden. Fotofilter-Apps wie Snapseed werden einfach als Standard in alle Google-Geräte bzw. ins Betriebssystemen integriert, daher wird eine Community, wie wir sie aufbauen, immer wichtiger werden.

Danke für das Gespräch, Gen.

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Goran Minov

Goran Minov

Nach Stationen als Online-Projektmanager und Senior Konzeptioner ist Goran heute als Schnittstelle zwischen Kreation, Strategie und Kundenberatung nun seit 2010 als Emerging Media Manager bei MRM Frankfurt tätig, wo er das Ohr auf der Schiene hat und nach Innovationen und Trends Ausschau hält.

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