Facebook Home: Wie stark ist Android wirklich?

Mit seiner Offenheit ist zum Erfolgsmodell geworden. Wie das letzte Woche vorgestellte „-Phone“ zeigt, liegt in dieser Offenheit aber auch die strukturelle Schwäche von Android.

Im Vorfeld des Facebook-Events von letzter Woche ist viel gerätselt worden. Kommt ein Facebook-Smartphone? Oder doch nur eine neue App? Letztendlich ist Facebook Home ein Launcher geworden, also eine Art „Super-App“, die sich weitaus tiefer in das Betriebssystem integriert als normale Apps, dabei das Betriebssystem aber im Kern unverändert lässt.

Die Offenheit von Android wird zum strukturellen Problem

Möglich wird dies durch die Offenheit von Android, das in Reinform Open Source ist und somit von jedem genutzt werden kann. Als Google Android 2007 übernahm, wollte man den geschlossenen mobilen Betriebssystemen von Blackberry und vor allem Apple bewusst eine offene Alternative entgegenstellen, die für viele verschiedene Gerätehersteller nutzbar sein sollte und ein offenes, vielfältiges Ökosystem schafft.

Startbildschirm von Facebook Home.

Startbildschirm von .
Quelle: Facebook

Mit dieser Strategie ist Android ein Riesenerfolg geworden, weltweit sind derzeit knapp 70 Prozent aller neu verkauften Smartphones Android-Geräte. Diese Offenheit führt aber auch zu Problemen, immerhin nutzen heute Dutzende Gerätehersteller mit einer Vielahl an Smartphones und Tablets Android als Betriebssystem. Die große Geräteauswahl für Android-Nutzer ist sicherlich ein wichtiger Erfolgsfaktor, führt aber auch dazu, dass App-Entwickler 156 verschiedene Geräte berücksichtigen müssen, wenn sie mit ihrer App auch nur 80 Prozent des Marktes abdecken wollen.

Die zunehmende Gerätefragmentierung ist aber nur eines von zwei elementaren Problemen, die aus der Offenheit von Android resultieren, und dabei noch das Geringere. Natürlich ist Android für Google kein Selbstzweck, natürlich geht es auch bei Android darum, Geld zu verdienen. Google erreicht dies beispielsweise über Verkaufsprovisionen im Play Store, über Werbeeinnahmen in Zusammenhang mit der mobilen Google Suche oder über In-App-Werbung.

The Verge bringt das Problem mit Facebook Home auf den Punkt: „This is targeted, full-screen, push advertising in your pocket when Google is still selling banner ads inside free apps.” Während Facebook also Android nutzt, um Werbung an bisher unerreicht prominenter Stelle zu platzieren, muss Google zusehen, wie eigene Werbeplatzierungen in den Hintergrund gedrängt werden – während mögliche Nachahmer von Facebook Home bereits an eigenen Launchern arbeiten dürften. Zusätzlich scheint Facebook Home die Google Suche in den Hintergrund zu drängen. Das gegenseitige Abhängigkeitsverhältnis zwischen Google und Facebook ist damit klar: “For Facebook, Google is both a problem and an opportunity. For Google, Facebook is mostly just a problem.”

Google bietet ein vollständiges Ökosystem – Facebook (noch) nicht

In diesem Zusammenhang ist die Reaktion von Google auf Facebook Home interessant. Gegenüber VentureBeat erklärt Google, Facebook Home “demonstrates the openness and flexibility that has made Android so popular. And it’s a win for users who want a customized Facebook experience from Google Play — the heart of the Android ecosystem — along with their favorite Google services like Gmail, Search, and Google Maps.” Dieses Statement liest sich erst einmal wie ein Eigenlob für die Offenheit von Android, kann mit Betonung auf die Google-Dienste aber auch als Drohung verstanden werden.

Während sich Facebook Home als Launcher für Android noch innerhalb des von Google tolerierten Rahmens bewegt, muss jeder, der Android im Kern zu stark verändert, mit einem Entzug der Google-Dienste Gmail, Google Maps und vor allem des Play Store rechnen. Ein Unternehmen wie Amazon, dessen Kindle Fire-Betriebssystem ein ohne Google-Segen verändertes Android ist, mag das nicht stören. Brad Hill, früherer Vice President bei AOL, schreibt auf Engagdet über Facebook Home und kommt zu dem Schluss, dass ein funktionierendes Ökosystem stark frequentierte Dienste (wie etwa Facebook, oder eben die Google Services), eigene Hardware sowie ein starkes Retail-Produkt (wie Apples iTunes mit Filmen und Musik oder, in zunehmender Weise, auch Google Play) braucht.

Amazon kann diese drei Voraussetzungen erfüllen, ist als Online-Versandhandel stark frequentierte Plattform und Retail-Produkt in einem und bietet zudem eigene Geräte (samt eigenem erfolgreichen App Store) an. Facebook mag eine enorm frequentierte Plattform sein, scheitert aber noch an erfolgreichen Retail-Produkten – die logische Konsequenz ist Facebook Home als Android Launcher statt einem eigenen Facebook-Phone.

„If we did build a phone, we’d only reach 1 or 2 percent of our users. That doesn’t do anything awesome for us. We wanted to turn as many phones as possible into ´Facebook phones.´ That’s what Facebook Home is,“ so Mark Zuckerberg gegenüber Wired. So lange Facebook kein vollständiges Ökosystem anbieten kann fehlt der Anreiz, ein solches Facebook-Phone zu kaufen. Daher die Beschränkung auf einen Launcher, um weiterhin von Googles Android-Ökosystem zu profitieren.

Mehr als Facebook Home: Konkurrenz an allen Ecken und Enden

Aber auch Samsung wird nachgesagt, über die steigende Abhängigkeit von Android nachzudenken. Samsung kommt derzeit auf einen Marktanteil von 30 Prozent unter allen verkauften Smartphones und auf 40 Prozent unter allen Android-Geräten, während umgekehrt 90 Prozent aller Samsung-Smartphones Android als Betriebssystem nutzen. Eine gegenseitige Abhängigkeit, die weder Samsung noch Google wirklich gefallen kann.

Während Samsung zweifellos attraktive Geräte herstellt und einen eigenen, wenn auch kleinen, App Store betreibt, fehlen zum eigenen Ökosystem nur Services wie Suche oder Karten – wofür es durchaus Alternativen zu Google gibt. In dem Maße, indem Samsungs bada-Nachfolger Tizen an Bodenhaftung gewinnt und Samsungs eigener App Store in der Folge an Relevanz, dürfte Samsung versucht sein, vermehrt Samsung-Nutzer auf die eigene Plattform zu ziehen. Womit Android Nutzer und Google damit Einnahmen verlieren würde.

Mozillas Firefox OS auf einem ZTE-Gerät.

Mozillas auf einem ZTE-Gerät. Quelle: Mozilla

Interessant ist die Konstellation der drei Akteure: Amazon nutzt ein angepasstes Android, ist den Schritt hin zu Google aber nie gegangen, Facebook hat sich jetzt für einen Mittelweg entschieden und Samsung scheint vor einer Entscheidung zu stehen, wie es weitergeht. Klar, dass Google dem Treiben nicht gerade mit Wohlwollen gegenübersteht – und trotzdem einigermaßen machtlos ist. Android ist ein offenes System, eine strukturelle Eigenschaft, die sich zukünftig durchaus gegen Google wenden könnte.

Zumal Google noch aus einer ganz anderen Ecke Ungemach droht: Auch andere Betriebssystem-Hersteller haben aus der Android-Erfolgsgeschichte gelernt. Allen voran Mozilla mit seinem Firefox OS und Jolla mit versuchen, mit einem offenen System Googles Erfolg zu wiederholen. Zwar werden Firefox OS und – anders als Tizen – ausdrücklich in günstigen Einsteiger-Smartphones zum Einsatz kommen und sollen so nach Aussage von Mozilla und Jolla nicht in Konkurrenz zu iOS und Android treten. Aber gerade im Low-End-Bereich der Emerging Markets wird zukünftig global das größte Wachstumspotenzial bestehen. Ein Markt, der auch für Android-Hersteller gerade erst in den Fokus rückt. Eine zukünftige Konkurrenzsituation ist damit unausweichlich.

Google wird Marktführer bleiben – aber mit kleinerem Vorsprung

Während Apple mit dem Premium-Segment eine „Nische“ gefunden hat, in der sich mit einem geschlossenen System recht komfortabel Geld verdienen lässt, sieht sich Google plötzlich mit dem strukturellen Problem der Offenheit von Android konfrontiert, das durch Nachahmer von Facebook Home durchaus zu einer Schwächung von Googles mobilem Geschäftsmodell führen kann.

Gleichzeitig betritt in den nächsten Monaten eine Schar hochpotenter Konkurrenten die Mobile-Bühne, die darauf abzielen als ebenfalls offenes System den Erfolg von Android nachzuzeichnen. Facebook Home und mögliche Ableger sowie Tizen, Firefox OS und Sailfish OS dürften noch zu der einen oder anderen Sorgenfalte führen.

Trotzdem wird Google aus vielen Gründen auf absehbare Zeit Marktführer bleiben, auch aufgrund der beliebten Google Dienste, die eines der überzeugendsten Argumente für das Android-Ökosystem darstellen (und gerüchteweise durch eine Übernahme von Whatsapp verstärkt werden sollen). Aber den Marktanteil von 70 Prozent zu halten dürfte zukünftig schwieriger werden.

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Wolfgang Dietl

Wolfgang Dietl

Wolfgang Dietl arbeitet als IT-Redakteur in München und schreibt in seiner Freizeit hier und auf mobile-studien.de über den Mobile-Markt. Mehr Infos gibt es auch auf Xing.

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