Mobile schafft sich ab

Dieser Tage treffen sich wieder Mobiler, und solche, die es werden wollen, in Frankfurt bei den m-days. Die spannende Frage ist: Wie oft noch?

2006 waren die Mobiler eine kleine, verschworener Gemeinde, die über die Frage orakelte: Wann kommt der Durchbruch des mobilen Internets? So etwa bei der CeBIT 2006. Und auch in den Folgejahren wurde der Durchbruch gesucht,  2007 unter anderem beim BVDW und 2008 bei Deloitte (eine zufällige Auswahl, gerne selbst mal nach „durchbruch mobile internet“ googeln). Rückblickend betrachtet waren Tagungen in diesen Jahren durch eine ausführliche 360 Grad Diskussion dieser „Durchbruch“-Frage doch sehr zirkulär.

Betrachtet man den Hype um das Mobile Internet heute, muss irgendwie – wie eigentlich? – und irgendwann – wann eigentlich? – der Durchbruch tatsächlich geschafft worden sein. Und keiner hat den Tag mit rot markiert und es gab keine Pressemeldung „Der Durchbruch ist geschafft“.

Tragisch für die Mobile-Jünger der ersten Stunde, dass es wohl weniger ein Durchbruch, als vielmehr ein Dammbruch geworden ist. Auf einmal haben alle „es“ schon immer gewusst, gemacht, gekonnt. Aus der kleinen Gemeinde ist eine Massenbewegung geworden, die „Mobile First“ predigt und das Ende des PC prophezeit.

Global Internet Device Shipments

Dabei geht es in der schönen neuen mobilen Welt arg wunderlich zu. Warum eigentlich ein Tablet zu Mobile gezählt wird und ein Laptop nicht: Merkwürdig. Wo doch das Tablet zu Hause zu Hause ist. Und der Laptop der Mitnahme wegen erfunden wurde. Erst Recht stellt sich beim Blick über den Tellerrand die Frage, was bitte ist dann Internet auf dem Fernsehen oder im Auto? Oder Google’s Project Glass?

Deshalb: Klammern wir uns nicht an „Mobile“ fest.  Nutzern und Kunden ist es egal, wie Fachleute „es“ nennen. Nutzer und Kunden wollen einfach zum Ziel kommen. Das gilt auch die vielen Ableger des mobilen Internets, jetzt wetten wir wahlweise auf den Durchbruch von mPayment, mCommerce, mHealth, mGaming, mRecruiting, m&m’s … Das hat schon manische Züge.

In Wirklichkeit gibt es nur das Internet (in Anlehnung an „There is only The Web“). Dieses Internet ist dank Mobilfunk und mobilen Endgeräten allgegenwärtig. Das W3C nennt es das Ubiquitous Web.

Vor allem sollte Mobile Internet nicht das Spielfeld werden, auf dem sich Gebietsfürsten einkästeln und ausgrenzen. Wenn wir überhaupt noch vom Mobile Internet sprechen wollen, muss es Katalysator sein. Smartphones und Tablets haben uns in kürzester Zeit bewiesen, wie viel Potenzial noch im Internet steckt. Wohl gemerkt: Im Internet, nicht im Mobile Internet. Dies ist tatsächlich der Verdienst, den wir dem “Durchbruch” zu verdanken haben. Vielleicht auch eine gute Gelegenheit, wieder einmal das Cluetrain Manifest von 1999 zu studieren und festzustellen, wie aktuell es auch nach 14 Jahren noch ist:

Networked markets are beginning to self-organize faster than the companies that have traditionally served them. Thanks to the web, markets are becoming better informed, smarter, and more demanding of qualities missing from most business organizations.

Das Mobile Internet zeigt uns allerdings auch, wie viele Herausforderungen das Internet für Unternehmen noch bereithält, sowohl in der IT als auch in Marketing und Vertrieb. Nein, liebe Unternehmen, es wird nicht ruhiger. Sind einige immer noch dabei, das Internet überhaupt zu verdauen, kommen jetzt Kunden mit einer Vielzahl neuer Wünsche, Erwartungen und Geräten (was für ein hässliches Wort) auf die Unternehmen zu. Mochte bislang die angeflanschte mobile Webseite und/oder die CEO-App den meisten Unternehmen etwas Luft verschafft haben, treten mit jedem neuen Smartphone-Nutzer und jedem neuen Update die Probleme dieser Insellösungen deutlicher zu Tage. Das eine (Smartphone/Tablet) ersetzt nicht das andere (Desktop), sondern es müssen Strategien, Kennzahlen, Technologien zusammengeführt werden.

Mobile Internet ist deshalb endlich. Vielleicht fehlt uns auch einfach nur der richtige Begriff, um uns heute schon mit wohligem Gefühl wieder vom Mobile Internet verabschieden zu können. Zurzeit ist einiges im Angebot: Multichannel, Omnichannel, Multi-Touchpoint, … Weitere Vorschläge? Ich bin gespannt.

Eins befürchte ich allerdings: Das Gerede über den nächsten Bruch durch was auch immer überlebt bestimmt – das ist eine der wenigen Konstanten im Internet.

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Jörg Ruwe

Jörg Ruwe

Jörg Ruwe ist Experte für Digitale Strategien und hilft Unternehmen, ihren erfolgreichen Weg in das mobile Internet zu gehen. Er ist selbstständiger Berater und kennt den Mobile Markt seit den ersten Gehversuchen mit WAP im Jahr 1999. Unter anderem als Management Consultant für Kienbaum und zuletzt als Geschäftsführer von Sevenval hat er in über 200 Projekten erfolgreich digitale Geschäftsfelder erschlossen für namhafte Unternehmen aus Industrie, Medien, Handel und Finanzen.

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4 Kommentare

  • Niklas Bürger

    Ganz genau meine Meinung, siehe mein damaliger Artikel von 2010:

    http://www.mobile-zeitgeist.com/2010/04/21/kommt-das-ende-des-mobile-internet/

    Fehlt es derzeit wirklich noch an einem etablierten Begriff? ich hätte noch “Cross-Channel” anzubieten. Alternativ: Warum nennen wir es nicht einfach “Web” oder “Internet”? Das ist schon ganz gut in den Köpfen verankert und drückt letztlich genau das aus, worum es geht: es gibt nur ein Internet (und lediglich verschiedene Endgeräte)… :-)

    • Ja, es gibt nur das Web. Die Erfahrung zeigt allerdings, dass wir viel leichter Neues denken, wenn wir es neu benennen. Offenbar brauchen wir Hype und Buzz-Words, auch wenn dann gerne alle drüber lästern. Deshalb: Ein prägnanter Begriff wäre nach meiner Überzeugung hilfreich, so wie es Web 2.0 und Mobile Internet gewesen sind.

  • Hans Blix

    Wenn wir mal nach 2002 zurückdenken und überlegen, was wir Mobile Internet genannt haben, dann waren das armselige Mini-Angebote für kleine Bildschirme, die man mit Stiften bedient hat.

    Wenn Mobile Internet speziell für Geräte mit kleinem Bildschirm und mittelmäßigem Empfang ausgelegter Content und Design ist, dann würde ich sagen: es ist tot und es ist irgendwann zwischen iPhone Safari und Chrome für Android gestorben.

    Die Moral von der Geschichte: ein zweites Internet gibt es nicht.

  • Jens Breimaier

    Cross Platform? Multi Screen?

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