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Am 21. Januar 2013 Von In Mobile TV, Mobile Video, Nutzerverhalten, Studien

Trends 2013 – “The Button stays beautiful”

Zur Einführung

Volle drei Seiten nimmt sich Deloitte Zeit, über das Thema Fernsehen der nahen Zukunft zu schreiben, dabei steckt das Fazit bereits komplett in der Überschrift: “Der Knopf bleibt wichtig!”.

Unabhängig davon, dass die TV-Industrie ihren alten Geschäftsmodellen folgend seit Jahren bereits erfolgreich am Markt vorbei produziert – 3D Fernseher, Bildschirme mit 4K-Auflösung – und nach wie vor vergisst, auch mal den Endnutzer zu fragen, welche Features ihm sein vorabendlichen TV-Serienalltag erleichtern könnten, so ist man sich im Allgemeinen doch fast einig, dass das Konzept der 208-knöpfrigen Fernbedienung seit Jahren doch etwas antiquiert und überholt ist, zumal sie abgesehen von der üblichen Play-Pause-Stop- und Lauter-Leiser-Anordnung selten logischen Standards folgt.

“It seems probable that in 2013, and most likely for many years to come, the remote control will retain majority (and often absolute) control of the television set, even if gesture and voice control are used and are successful in other areas of the living room.”

Deloitte sagt also, das das auch so bleibt. Die Frage ist, ob man sich damit abfinden soll. Gemessen an der ständig wachsenden Zeit, die die Nutzer lieber im Internet oder auf ihren Smartphones verbringen und der ständig schwindenden Dauer vor dem heimischen Fernsehen, tun die TV-Hersteller erstaunlich wenig, um die Nutzer wieder vor den Passiv-Screen zu locken.

Da musste Ende 2006 erst eine Wii erscheinen, die zeigte, was für tolle Sachen man mit einer Fernbedienung machen kann: Lagesensor, Infrarot und 12 Knöpfe genügen, um mit einer technisch mittelmäßigen Konsole einen Boom zu entfachen.

Nun, die Technik ist mittlerweile 6 Jahre älter und da wird es Zeit, sich auch um den größten Screen im Wohnzimmer zu kümmern. Also wird seit einiger Zeit nun schon mit Sprachsteuerung und Gestenerkennung “experimentiert”.
Doch Deloitte sieht darin allerdings kaum Mehrwert.

Sie mögen Recht haben, denn speziell in Sachen Spracherkennung hat das wohl populärste Beispiel Siri bislang nicht das gehalten, was man sich versprochen hat (und der von mir befürchtete angestiegene Lautstärkepegel in der Straßenbahn hat dadurch auch nicht statt gefunden). Allerdings zeigt speziell der Spracheinsatz bei Google Now oder die seit Jahren etablierte Spracherkennung zum freihändigen Wählen von Kontakten aus dem digitalen Telefonbuch, dass der Bedarf zur Sprachsteuerung vorhanden ist.

Und im Wohnzimmer hat man als Nutzer doch weniger Bedenken, die eigene Stimme einzusetzen als in der Öffentlichkeit. Zumindest ist selbst der kurze Befehl “Tatort” schneller in Richtung des Fernsehers gerufen als in eine Fernbedienung getippt oder im unerträglich langsamen EPG gefunden.

Und genau da sehe ich auch den sinnvollen Einsatz: Bei der schier unfassbar hohen Anzahl an Sender ist eine bestimmte Sendung durch intelligente Spracherkennung sicherlich schneller gefunden und wird auch automatisch schneller umgeschaltet als durch reines Zappen (und man bleibt nicht an irgendeinem anderen Programm, bei dem der Nebensitzer “Oh, lass das mal bitte kurz drin” ruft, hängen).

Bestes Beispiel: Sport.
Bundesligaspiele, Europa- oder Champions-League können zur Zeit theoretisch auf folgenden Kanälen stattfinden: ARD, ZDF, Sat.1 oder Kabel 1, in der Zusammenfassung auch im DSF oder bezahlt in unzähligen Sky-Sportsendern.

Manchmal werden parallel laufende Spiele in verschiedenen Sendern gezeigt; Wo, muss man meist suchen. Wie einfach ist es, nach dem Zuruf von “VfB Stuttgart gegen Bayern München” sofort den richtigen Sender samt dem deprimierenden Zwischenergebnis angezeigt zu bekommen, statt auf gut Glück mit dem richtigen Riecher die mittlerweile meist dreistelligen Programmnummern (bei meinem Receiver liegt die ARD unumprogrammierbar auf der 101) in die Fernbedienung zu hacken?

Hier sehe ich Bedarf. Und wegen mir kann man auch mal schnell “lauter” rufen, wenn im Tatort zu leise geflüstert wird. Ein Button wäre mir da aber trotzdem lieber, allein schon um zu verstehen, was die im Fernsehen gerade sagen, während ich gerade laut rufe. Ob ich diesen Button nun direkt auf der Fernbedienung tippe oder dafür – falls als App von meinem TV-Hersteller angeboten – mein Handy nutze, ist mir egal.
Spontan kann ich mir aber nicht vorstellen, die Hand aus der Chipstüte zu holen und die kurze Bewegung zur auf dem Bauch liegenden Fernbedienung zu einer wohlwollend ausladenden Armbewegung ausarten zu lassen, nur um dem Fernseher etwas mitteilen zu wollen.

Das klingt übertrieben?
Natürlich ist es das. Aber so argumentiert Deloitte auch: Gesten- und Spracherkennung für hunderte von Befehlen scheinen zu anstrengend zu sein als irgendwelche sinnbefreit angeordneten Knöpfe:

“[…] the viewer first need to speak a control phrase, which is a sequence of words that would not occur in normal conversations to alert the TV to listen out for a command.”

Also ganz oder gar nicht.
Dabei scheint mir die Kombination doch noch am sinnvollsten. Die Fernbedienung als Mikro:
Ein Knopfdruck, um die Spracherkennung zu starten, den Sendungswunsch äußern und wieder zurück lehnen.
Ein Knopf, ein Wort und ein Ergebnis.

Denn Fernseher werden zukünftig mehr wie eine Suchmaschine funktionieren müssen um benutzerfreundlicher zu werden. Das seit Jahren integrierte EPG fühlt sich an wie Altavista oder Yahoo vor 15 Jahren: als ein reiner (temporärer) Programmkatalog, bei dem man sich durchklicken muss, bis man nach 200 Sendeplätzen noch immer nichts Interessantes gefunden hat.

“Standard remote controls, when used with the latest multiple function TVs, may oblige the viewer to navigate through multiple screens of electronic programming guides (EPGs) to get to the intended channel, or through numerous menus to access the desired function. Finding a specific program from a large library is even more cumbersome with a standard remote control.”

Sprachsuche, wie sie bereits von LG und Sony über Google TV – und wer weiß, womöglich auch bald von Apple TV – angeboten wird, könnte den selben Erfolg wie im Internet die Suchmaschine Google feiern, die Anfang des Jahrtausends das Prinzip der Webkataloge völlig verdrängte.

Wozu ich dann noch Arm- und Handbewegungen benötige, um den Fernseher zu steuern, verstehe ich tatsächlich nicht. Das TV-Programm gibt sowieso schon Anlässe genug, um meinen Mittelfinger in Richtung Fernseher ausstrecken. Das sollte als Geste reichen.

Oder wie Deloitte zum gleichen Thema bahnbrechend und zukunftsvorausschauend vorhersagt:

“Deloitte’s expectation is that in 2013 the majority of TV sets sold, or used in living rooms, will be predominantly employes to watch television programs and movies.”

Ich hoffe, dieser Teil der Studie war nicht sehr teuer!

Zu Teil II – “LTE: „Nur“ ein Technologie-Upgrade?”

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Patrick Voelcker

Patrick beschäftigt sich beruflich und privat seit 2005 neben der Webprogrammierung auch mit der Entwicklung von Mobile und Native Apps. Er ist Rich Media Innovation Specialist bei Google und Autor des Buches "Spiele programmieren für iPhone und iPad" (dpunkt-Verlag). Außerdem ist er Gastdozent an der Popakademie Baden-Württemberg und der Filmschule Köln. Auf Mobile Zeitgeist schreibt er dementsprechend hauptsächlich über Trends und Entwicklungen in Mobile Entertainment [XING]

3 Antworten

  1. Wenn man genau weiß, wonach man sucht (Tatort, Fußball), dann mag es eine Suchmaschine richten. Aber wenn man gar keinen Überblick über das umfassende Programm hat, dann sind andere Zugangsmöglichkeiten (z. B. Empfehlungen aufgrund der Sehgewohnheiten) viel wichtiger. Das könnte dann auch ein Differenzierungsmerkmal für IPTV sein, so diese Funktionalität denn dort angeboten werden kann.

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