Mobile Gaming in China

Ich hatte mich kürzlich darüber ereifert, ob das in China weit verbreitete Free2Play-Model auch für Europa übertragbar ist und war da sehr geteilter Meinung. Zeit nun, auch mal einen Blick über den Tellerrand zu werfen und zu schauen, welche Gewohnheiten der durchschnittliche chinesische Mobile Gamer hat.

Dazu hat theMix agency ein Interview (siehe Video) mit wichtigen Entscheidern des Mobile Game Entwicklungsstudios Yodo1, die als eine der wenigen Mobile Softwarehäusern eine Dependenz in China haben, geführt. Deren CEO, Henry Fong, fasste dabei auch noch mal die wichtigstens 5 Punkte gegenüber Gamasutra zusammen.

Wie bislang bekannt, sind Free2Play-Games auf dem dortigen Markt der letzte Schrei. Die gesamte Top 10 des App Stores der einkommensstärksten Apps wird von kostenlosen Spielen besetzt, die durch In-App-Purchases Stück für Stück upgegradet werden können.

Überraschend: All diese Top-10-Games entstammen dem MMO-Genre, was in Europa und anderen westlichen Staaten den Sprung von Desktop PC aufs Smartphone noch nicht geschafft hat.

D. h. die einkommensstärksten Spiele sind also in ihrer Urform kostenlos. Kein Wunder, dass die hiesigen Mobile Games Studios mit dem Freemium-Modell liebäugeln. Allerdings gibt es wohl nach wie vor eine kulturelle Diskrepanz zwischen den beiden Märkten: In China sind die Spiele deswegen so erfolgreich, weil die Chinesen laut Fong nachträglich finanziell erworbene Items wie z. B. Waffen, Ausrüstung etc nicht nur zum Spielen verwenden, sondern diese Produkte im Spiel als Statussymbol tragen, sozusagen der virtuelle Porsche, der auf der Düsseldorfer Kö zufällig neben dem Café in zweiter Reihe parkt.

So werden diese Statussymbole nicht nur stolz getragen, sondern auch gerne verschenkt, sozusagen als sozialer Akt. Wer auf Facebook schon einmal eine kostenlose Farmville Kuh als Geschenk angeboten bekommen hat, versteht, was ich meine. Nur, dass die Güter tatsächlich Geld gekostet haben, die Geschenke also tatsächlich einen finanziellen Wert besitzen.

Im Vergleich zu den Free2Play-Games sind die Downloadzahlen der bezahlten Games äußerst gering. Allerdings überrascht dabei das ausgeprägte hohe Interesse an in der westlichen Welt entwickelten Mobile Games: Allein 8 Spiele der Top 10 des App Stores sind westliche Produktionen und der Geschmack scheint weltweit ähnlich zu sein. So fand sich erst vorletzte Woche der Klassiker Plants vs. Zombies auf Platz 1, dicht gefolgt von Fruit Ninja.

Doch diese Kostenloskultur hat – wie auch hier – seinen Preis. Abgesehen von der sehr fragmentierten App Store-Verteilung – es existieren allein über 100 verschiedene Android-Stores, werden die meisten Apps raubkopiert. Extreme Anforderungen für Entwickler, die dort publishen wollen, denn auch wenn hierzulande Raubkopien ebenso schon weit verbreitet sind, nehmen sie noch nicht deren Maße an. Insofern ist es kein Wunder, wenn Yves Guillemot, Chef von Ubisoft, im Free2Play-Modell die Allzweckwaffe gegen Raubkopien sieht: Was nichts kostet, wird kaum raubkopiert.

Patrick Voelcker

Patrick Voelcker

Patrick beschäftigt sich beruflich und privat seit 2005 neben der Webprogrammierung auch mit der Entwicklung von Mobile und Native Apps. Er ist Rich Media Innovation Specialist bei Google und Autor des Buches "Spiele programmieren für iPhone und iPad" (dpunkt-Verlag). Außerdem ist er Gastdozent an der Popakademie Baden-Württemberg und der Filmschule Köln. Auf Mobile Zeitgeist schreibt er dementsprechend hauptsächlich über Trends und Entwicklungen in Mobile Entertainment [XING]

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