Die App wird 1000 Tage alt. Und nun?

3. Februar 2011 15:12 Mobile Applications

Am 11. Juli 2008 startete die Firma Apple den App Store in dem 500 kleine native Programme (so genannte ) heruntergeladen werden können. Am 7. April 2011 ist das genau 1000 Tage her. Zeit für ein kleines Resümee.

Wer hätte damals gedacht, dass “App” 2,5 Jahre nach Ihrer Erfindung von der American Dialect Society in den USA zum Wort des Jahres erkoren wird? Oder wer hätte geschätzt, dass 924 Tage später eine gewisse Gail Davis aus Orpington in Großbritannien die 10 Millarden-ste App installiert?. Und wer hätte damals geglaubt, dass Google 214 Tage nach Apple ebenfalls ein neues Betriebssystem Namens Android herausbringt, kurz darauf die Strategie “Mobile first” ausruft und keine zwei Jahre Später mehr Geräte mit diesem Betriebssystem verkauft werden, als von Nokia?

Während ich mich mit meinen Kollegen damals in Symbian und J2ME Projekten mit WAP oder Internet Java Settings und unterirdischen Konversionsraten beim Software Distributionsprozess herumgeärgert habe, hat Steve Jobs die Branche zweifelsohne kräftig aufgeräumt. Mittlerweile erzielt Apple 65% ihrer Einkünfte durch iOS Produkte. Rechnet man das iPad mit, ist Apple nach HP und Acer der dritt größte PC Hersteller der Welt.

Leider mündet die Relevanz und letztlich die Größe des Marktsegmentes “Mobile” derzeit in einer Fragmentierung des Marktes mit unterschiedlichen mobilen Plattformen. Apple und Google sind dort mittlerweile die Platzhirsche, aber Microsoft, RIM oder HP und Nokia geben sich nicht so einfach geschlagen. Darüber hinaus führt z.B. die offene Strategie vom Linux-basierten Google Android zu einer weiteren Zersplitterung innerhalb der Plattform. Das passiert z.B. durch Betriebssystem-Derivate der Hardware-Hersteller. Aber abstrahieren wir mal für einen Moment vom Thema Multiplattform und konzentrieren wir uns auf die mobilen Anwendungen selbst.

Eine spannende und dennoch selten diskutierte Frage ist letztlich die Nachhaltigkeit der kleinen Helferlein. Von den über 300.000 Apps allein in Apples App Store konnten sich z.B. gerade mal 219 zwölf Monate oder länger unter den Top-1000 behaupten. Diese Quote von unter 0,1% bestätigt doch letztlich irgendwie den verbreiteten subjektiven Eindruck, dass die App Stores auch jede Menge Schund beinhalten.

Ich persönlich habe da ein Déjà vu. Mich erinnert die aktuelle Entwicklung bei Apps an die Frühphase des Internets. Damals war auch nicht wirklich klar, wo die Reise eigentlich hingeht. Viele Firmen haben Ihrem Bauchgefühl vertraut und sind einfach in das neue Medium eingestiegen. Und das war auch gut so. Letztlich glaube ich, dass wir uns gerade genau in dieser spannenden Phase der Reife und des Erwachsenwerdens mobiler Software befinden. Es ist also ein guter Zeitpunkt um sich die Frage zu stellen, wie die Entwicklung eigentlich weiter geht, bzw. worauf es ankommt.

Aus der Perspektive eines Dienstleisters, der B2B- und B2C-Ideen konzipiert und für Kunden umsetzt und betreibt, fallen mir häufig Themen ins Auge, bei denen sich es sich lohnt genauer hin zu sehen. Ich halte die Themenfelder Business, Technik und Akzeptanz im Rahmen der Entwicklung für überdurchschnittlich relevant und diskussionswürdig. Anbei meine Erfahrungen:

Business

Es ist am Anfang völlig zulässig, sich von dem Bauchgefühl “Wir brauchen eine App” treiben zu lassen. Letztlich ist das sogar Grundvoraussetzung, sich initial mit dem Thema “Mobile” auseinanderzusetzen. Ein häufiger Kardinalsfehler ist es allerdings zu versäumen die verfolgten Ziele genau zu verstehen, zu definieren und letztlich zu formulieren und auch zu kommunizieren. Verstehen Sie das Umfeld und investieren Sie Energie in ein kompetitives Konzept und eine pfiffige Umsetzung. Seien Sie kreativ! Es geht letztlich darum, dass Sie besser sind als Ihr Konkurrent.

Hilfsfragen:

1. Wen wollen Sie ansprechen? Wer ist Ihre Zielgruppe?
2. Steht die Neukundengewinnung im Fokus oder wollen Sie unmittelbar Geld verdienen? Wie wollen Sie Geld verdienen? Gibt es einen Busniess Plan? Gibt es hierbei Kanibalisierungseffekte, z.B. zu Ihrer Weblösung?
3. Was ist das Wichtigste an Ihrer App? Was machen Sie und Ihre App besser als Ihr Konkurrent?

Technik

Prüfen Sie genau, welche technischen Möglichkeiten die mobilen Plattformen bieten und wie zuverlässig diese funktionieren. Hier verbergen sich möglicherweise Alleinstellungsmerkmale. Die meisten Projekte starten aber nicht auf der grünen Wiese. Es ist wichtig, sich hier nicht zu verzetteln, sondern sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Führen Sie sich noch mal die Ziele vor Augen und überlegen Sie genau, was eigentlich umgesetzt werden muss um die Ziele zu erreichen. Stimmen Sie sich hierbei mit Ihrer internen IT ab. Legen Sie hierbei besonderes Augenmerk auf Ihre Schnittstellen. Holen Sie alle beteiligten Menschen ins Boot!

Hilfsfragen:

4. Wissen Sie, was mobile Technik leisten kann? Kennen sie die Potenziale?
5. Kennen Sie die technischen Möglichkeiten und Grenzen Ihrer internen IT? Wer verfügt über die benötigten Erfahrungen für eine erweiterbare und wartbare Realisierung?
6. Welche Features werden am Anfang zwingend benötigt? Welche Features kann man nach hinten priorisieren? Wie sieht Ihre Release Planung aus?

Akzeptanz

Entscheidungen sind Barrieren. Kommen Sie schnell auf den Punkt. Nehmen Sie sich Zeit zu verstehen, was wichtig und was unwichtig ist. Und machen Sie sich bewusst, dass es nicht einfach ist, eine einfache Struktur und Navigation zu definieren. Lassen Sie Unwichtiges weg. Stellen Sie nicht sofort benötigte Funktionen hinten an. “Ködern” sie Ihre Kunden mit Ihrem besten Feature. Alles andere kann später nachgezogen werden. Stellen Sie die Emotion und die Wertigkeit Ihrer App in den Vordergrund. Insbesondere für iPhone- und iPad-User ist Emotion am Anfang oftmals wichtiger als Funktionalität. Falls es in Ihrem Umfeld Sinn macht, stellen Sie sich – insbesondere bei Apps für Tablet-PC’s wie das Apple iPad – die Frage, ob Sie Analogien zur Realität verwenden oder charakteristische Merkmale in eine “Real World Experience” transformieren können um die Bedienbarkeit so intuitiv wie möglich zu machen.

Hilfsfragen:

7. Sind sie sich sicher, dass man die Prozesse innerhalb der App nicht weiter vereinfachen oder intuitiver gestalten kann?
8. Wissen Sie, wo Ihr Kunde steht und wo Sie ihn “abholen” müssen, damit er die App sofort versteht?
9. Haben Sie einen kleinen User Trial mit einigen Testkunden eingeplant, die Ihnen Feedback zu Ihren Ideen geben können?

Fazit

Bereits nach 1000 Tagen sind Apps zur Selbstverständlichkeit geworden und nicht mehr weg zu denken. Die Entwicklung befindet sich in einer spannenden Phase des Erwachsenwerdens. Die Business Relevanz nimmt stetig zu. Aber wo geht die Reise hin? Die Erfahrung zeigt, dass es ein wichtiger Erfolgsfaktor ist, sich mit der neuen Welt intensiv zu beschäftigen. Um die mobilen Möglichkeiten zu nutzen, wird allerdings ein Verständnis über die Technologie und die daraus ableitbaren Potenziale für das eigene Business und das Verständnis für die Kundenakzeptanz benötigt.

Über den Autor

Der Familienvater Dr. Jens Wehrmann (@jenswehrmann) ist seit den 90er Jahren in der ITK Branche in verschiedenen Führungspositionen tätig gewesen. Sein Buch “Situationsabhängige Mobile Dienste” über die Möglichkeiten des mobilen Internets erschien lange vor der Erfindung des iPhones. Den Lesern wird er als Vorstand der Mobile Software AG bekannt sein, die z.B. im November 2010 für die Vertragsmanagement Lösung “Aboalarm” mit dem Best of Company Customer Interaction Award (BOCCIA) ausgezeichnet wurde.

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3 Kommentare

  • Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich da zustimmen kann: App steht fu00fcr Applikation, und Anwendungen hab ich schon Ende der 90ger auf dem Handspring und dem Palm installiert. App-Stores gab es auch schon eher, etwa das Programmverzeichnis, das Nokia auf diversen Geru00e4ten der E-Serie standardmu00e4u00dfig mitliefert (auch bevor Apple ein Handy gebaut hat). Wo ich zustimme, dass ist, dass das erste erfolgreiche App-Verzeichnis 1000 Tage alt wird. Das schon.

    • Dr. Jens Wehrmann

      Danke fu00fcr die konstruktive Ergu00e4nzung – die Palm Programme hatte ich in der Tat auch ;-) Mir geht es natu00fcrlich beim dem Wort App vielmehr um die “Wortschu00f6pfung” die sich seitens Apple hinter einem umfassenden Paradigmenwechsel in der Branche verbirgt. Gerade vor dem Hintergrund, dass ich lange bevor es die von Apple titulierten “Apps” gab, mit der Thematik Anwendungen auf Mobiltelefonen und der dazugehu00f6rigen Distribution z.B. von J2ME Midlets u00fcber WAP-Push Link etc. zu tun hatte, war es fu00fcr mich so eine Art Befreiungsschlag, dass dieses Thema in der Ku00fcrze der Zeit so viel einfacher wurde.

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