Bisher gab es für Android nur eine native App von Xing für das Motorola Milestone. Fast heimlich, man nennt das Neudeutsch ja “Soft Launch” ist die neue Version im Android Market aufgetaucht und die soll nun auf allen Android-Geräten laufen.

Schaut man in die Bewertungen der App im Android Market stellt man fest, dass offensichtlich diese neue Version nicht vernünftig auf dem Milestone läuft. Ich habe netterweise letzte Woche von Motorola ein Milestone erhalten, konnte selbst aber auch nicht die neue App installieren. Ich bekam nur einen Installationsfehler “Die Paketdatei war nicht richtig signiert”. Gut, also hebe ich mir den Test auf dem Milestone für später auf.

Bei einem kurzen, direkten Vergleich der bisherigen Milestone-App mit der neuen App auf meinem HTC Desire sind mir auf den ersten Blick keine großen funktionalen Änderungen ins Auge gefallen. Auffälligster Unterschied ist die schlechte Performance auf dem Desire, dazu unten mehr.

Spannender ist ja, wie die App insgesamt konzipiert ist und ob sie überhaupt gegenüber den mobilen Webseiten von Xing unter http://m.xing.com (übrigens http://m.xing.de geht nicht) einen Vorteil bietet. In meinen Augen sollte eine App immer “besser” sein, als die mobilen Webseiten. Worin sich dieses “besser” manifestiert liegt an der Strategie, den Nutzern und ihrem Nutzungskontext, aber eine Duplizierung mobiler Webseiten in Form einer App ist meiner Meinung nach weitestgehend Geldverschwendung, wenn die Vorteile einer nativen App nicht genutzt werden.

Vergleicht man nun zwei Lösungen, die den wie in diesem Fall offensichtlich gleichen Anspruch haben, nämlich die aller notwendigsten Xing-Funktionen auf ein mobiles Endgerät bzw. leistungsfähiges Smartphone  zu bringen, dann findet man Dinge die beiden fehlen, Dinge, die beim einen besser als beim anderen sind, Dinge, die bei beiden einfach schlecht gelöst sind und Dinge, die einfach unterschiedlich sind, keins von beiden aber ein “besser” verdient.

Dinge, die beiden fehlen oder bei beiden schlecht gelöst sind

Vollständig abwesend ist eine Integration des vorhandenen Adressbuchs. Keine Synchronisation, kein Abgleich, nichts. So bleibt es dabei, dass mein eigener Adressbestand neben dem von Xing existiert. Ich freue mich auf den Tag, an dem es hier eine Lösung geben wird. Bis dahin werde ich weiter meine Xing-Kontakte manuell exportieren und in meinen Bestand importieren.

Bei beiden ist die Nutzung von Gruppen oder des Eventmanagers nicht vorgesehen.Man kann sich sicherlich darüber streiten, ob dies für die Nutzung unterwegs wichtige Funktionen sind, für mich persönlich sind sie es nicht.

Bei den Kontakten kann man nicht sehen, ob sie Premium-Mitglied oder Moderator sind (die Flags fehlen). Für viele eine wichtige Funktion, denn Premium-Nutzer können sehen, wer auf ihrem Profil war und offenbar möchten einige doch lieber schauen ohne selbst gesehen zu werden.

Suche ich in Xing nach einer Person, wird in den Suchergebnissen nicht angezeigt, ob die jeweilige Person bereits mein Kontakt ist oder nicht. Für Menschen wie mich, die viele Kontakte bei Xing haben, eine nicht zu unterschätzende Funktion.

In den Statusupdates meiner Kontakte sind keine Links anklickbar. Leider fehlt hier auch eine Bookmark-Funktion, so dass ich ggf. später nachschauen könnte. Tja, dann doch merken oder noch besser…aufschreiben, was gewesen ist, damit ich es später nachschlagen kann.

Dinge, die beim einen besser als beim anderen sind

Ich habe tatsächlich zwei Sachen gefunden, die objektiv besser an der App sind als an den mobilen Webseiten. So kann ich im Flugmodus in meinen Kontakten stöbern. Was mir das subjektiv bringen soll, weiß ich nicht genau, da ich bei fehlendem Netz auch nicht anrufen oder Daten pflegen kann.

Aus der App heraus kann man Kontakte aus Xing in sein Adressbuch übertragen. Dieser Prozess ist aber suboptimal gelöst, da er einen an manchen stellen einfach ein wenig verwirrt. So landet man z.B. auf der normalen “Kontakt hinzufügen”-Seite des Adressbuchs, wenn man eine Person hinzufügen möchte. Dort sieht man nicht mehr, was man gerade tut – soll man einen bestehenden Kontakt auswählen? Klicken auf “neuen Kontakt hinzufügen” tut dies dann auch für den Xing-Kontakt, den man vorher ausgewählt hatte. Es funktioniert alles und wir “Nerds” werden damit zurecht kommen. Doch die “Normobs” (nicht despektierlich gemeint) werden vielleicht zunächst verwirrt sein und den Prozess ggf. abbrechen.

Von den mobilen Webseiten kann man neue Leute zu Xing einladen, was aus der App nicht geht. Allerdings muss man die Emailadresse desjenigen wissen.

Es gibt ein paar Dinge, die auf den mobilen Webseiten besser gelöst sind. So werden mir in Kontaktlisten (leider nicht in den Suchergebnissen) bereits die Kontaktdaten wie Telefonnummern angezeigt, so dass ich nicht erst in das Profil der Person gehen muss, wie in der App.

Suchfelder muss ich in der App manuell mit der Back-Taste löschen. Auf den mobilen Webseiten kann ich einen vorherigen Suchbegriff mit einem Klick löschen.

Gehe ich auf den mobilen Webseiten in meine Kontakte, lande ich auf meinen bestätigten Kontakten, so wie ich es mir vorstelle. Der gleiche Vorgang in der App bringt mich immer als erstes auf meine unbestätigten Kontakte, als ob die App mich immer wieder darauf hinweisen möchte, diese doch bitte endlich zu bearbeiten. Es hat bei mir Gründe, wenn dort unbestätigte Kontakte drin sind und es stört mich, immer noch einmal extra klicken zu müssen.

Dinge, die einfach unterschiedlich sind

Möchte man seinen Status ändern, wird in der App der alte Text vorgegeben. Dies erleichtert natürlich den Fall, wenn man den bestehenden Text aktualisieren möchte. Soll es jedoch ein neuer Text werden ist mal wieder der Einsatz der Löschen-Taste gefordert. Auf den mobilen Webseiten hingegen wird der alte Text nicht mehr vorgegeben, bei Änderungen heißt es also neu tippen, bei womöglich gekürzten Links ziemlich fummelig.

Insgesamt ist die Performance der neuen App schlecht. Die Ladezeiten sind teilweise sehr lang, es kommt zu Abbrüchen. Xing ließ mich wissen, dass sie mit Hochdruck daran arbeiten und schnellstmöglich nachbessern wollen.

Soweit mein kurzer, sehr subjektiver und sicherlich nicht vollständiger Durchgang durch die neue Xing-Android-App und die bestehenden mobilen Webseiten. Ich möchte nicht zu hart erscheinen, aber die App ist in meinen Augen kein Gewinn. Ich erwarte von einer App einen Mehrwert gegenüber den Webseiten und der ist hier nicht gegeben. Ganz im Gegenteil. Berücksichtigt man noch die Schwierigkeiten, die die Milestone-Besitzer jetzt mit der neuen Version haben, dann hätte man bei Xing die App so in dieser Form nicht launchen sollen.

Xing hat weltweit 9,2 Millionen Mitglieder und macht einen Quartalsumsatz  von 12,6 Millionen Euro (1. Quartal 2010) und ein Konzernergebnis von 1,3 Millionen Euro, beides in nicht unerheblichem Maß von den Premium-Mitglieder getragen. Auch wenn die App selbst kostenfrei angeboten wird, ist doch die Erwartungshaltung der Mitglieder sehr hoch. Und es steht zu befürchten, dass diese kein gutes Haar an der App lassen werden.

Sicherlich, die App tut das, was sie soll. Dies zwar noch etwas langsam und ruckelig, aber das wird in den kommenden Tagen bestimmt behoben werden. Doch die Frage, die gestattet sein muss ist, warum hat die App nicht ein Feature, dass sie “auszeichnet”? Etwas, wo die Nutzer sagen können “genau dafür hole ich mir die App”? Habe ich etwas übersehen?