EndemobInternet

Es mag verwunderlich erscheinen, dass gerade auf einem Blog, welcher sich mit Mobile Business befasst, die Frage gestellt wird, ob dem “Mobile Internet” das Aus bevorstünde. Doch alle Zeichen zeigen derzeit genau in diese Richtung – es wird also Zeit, dass man sich auf ein baldiges Ende des “Mobile Internet” einstellt…

Doch halt! Vor einem schnellen Urteil gilt es auch hier, dass man zunächst genau die Situation zu analysieren hat, bevor man vorschnelle Schlüsse zieht.

Fangen wir daher zunächst mit einem kleinen Rückblick in die Vergangenheit an, in welcher die ganze Entwicklung begründet ist:

Einen kommerziell angebotenen mobilen Zugriff auf das Internet gab es erstmals 1996 mit dem Nokia 9000 Communicator in Finnland. Da spezielle mobile Webseiten damals natürlich noch nicht vorhanden waren, handelte es sich dabei um einen Zugriff auf ganz normale Webseiten. Ein erstes kommerzielles Webangebot startete 1999 in Japan, als “i-mode” durch NTT DoCoMo in den Markt eingeführt wurde. (Quelle: Wikipedia)

i-mode war lange Zeit sehr erfolgreich – zeitweise war es sogar das erfolgreichste mobile Web-Angebot weltweit. Dies lag zum einen daran, dass i-mode von Anfang an offen konzipiert war, so dass auch kleinere Anbieter hiervon profitieren konnten. Der zweite Grund lag darin, dass in Japan relativ gesehen weniger Menschen zu Hause einen Computer verwendeten und dass viel mehr und längere Wege in öffentlichen Verkehrsmitteln zurückgelegt werden. Damit war das mobile Internet eine der Hauptinformationsquellen. i-mode war aber auch von Anfang an als separates Netz konzipiert und richtete sich ausschließlich an die Nutzung mit entsprechend kompatiblen Mobiltelefonen, für die die speziellen im Erscheinungsbild reduzierten und in CHTML geschriebenen Webseiten erstellt worden waren. (Quelle: Wikipedia)

Im direkten Wettbewerb zu i-mode stand das ebenso weit verbreitete “WAP”. Auch diese Technologie richtete sich ausschließlich an mobile Endgeräte mit dessen eingeschränkten Darstellungs- und Eingabemöglichkeiten.

Beide Technologien verbindet dabei, dass man diese als vom Internet separierten Channel betrachtete und daher eben auch für diese separate Lösungen entwickelte. Schließlich ging man nicht nur gegenüber dem klassischen Rechner von unterschiedlichen Geräteeigenschaften aus, sondern auch von ganz separaten Usecases. Seither hatte es sich gehalten, dass man einen Unterschied zwischen “Mobile Internet” und dem “Internet” machte.

Mehr als ein Jahrzehnt ist nun schon seit den ersten voran genannten Schritten vergangen, Höhen und Tiefen charakterisierten die weitere Entwicklung, doch seit dem Markteintritt von Smartphones wie iPhone & Co. erfährt der Markt einen bemerkenswerten Aufschwung – wie kommt es nun, dass sich das Ende des “Mobile Internet” zeigen soll?

Hierhinter steht die Fragestellung, ob man denn tatsächlich noch von klar getrennten Usecases, von einer Nutzung des Internets Zuhause/im Büro am Computer auf der einen Seite und einer vollkommen anders gelagerten mobilen Nutzung des Internets unterwegs mit einem Mobiltelefon andererseits, reden kann.

Die früher vorhandene dualistische Trennung von Endgeräten in “Schwarz” und “Weiß”, die Trennung von Mobiltelefonen und (Desktop-)Computern, ist im Begriff sich aufzulösen – in der jüngeren Vergangenheit wurde das Portfolio an Endgeräten durch viele neue Graustufen bereichert: Netbooks (z.B. Asus Eee PC), Touchscreen-Smartphones (z.B. Apple iPhone, Google Nexus), Slate-PCs (z.B. Apple iPad, Neofonie Wepad) und Settop-Boxen (z.B. TiVo).

Der springende Punkt dabei ist, dass sich mit diesen neuen Endgeräten auch die Usecases geändert haben: Die sehr erfolgreichen Netbooks werden eben deshalb so geschätzt, weil diese nicht nur relativ günstig sind, sondern weil man sie eben auch aufgrund Ihrer geringen Größe ganz prima mitnehmen und im Cafe oder in der Uni nutzen kann. Ein Smartphone wie z.B. das iPhone ist immerzu parat und benötigt keinerlei Startzeit weswegen man es nicht nur unterwegs verwendet sondern der Bequemlichkeit wegen gern auch mal Zuhause auf dem Sofa oder im Bett – eine Studie unter Studenten der US-Universität Stanford offenbarte kürzlich, dass etwa 75% der Befragten selbst noch kurz vor dem Schlafen ihr iPhone nutzen oder damit sogar einschliefen. Geräte wie das Apple iPad lassen nun sämtliche Versuche diese in das früher vorherrschende Raster von “Schwarz” und “Weiß” einzuteilen scheitern: Ist es ein Gerät für Zuhause? Ist es ein mobiles Gerät auch für Unterwegs? Eindeutig: Beides!

Eine weitere Auflösung der früheren Kategorien geschieht aber auch an anderer Front: hierzulande noch relativ unpopulär, doch in den USA ein großer Erfolg sind Settop-Boxen wie z.B. TiVo. Dies sind Geräte die man zwar eindeutig Zuhause in Verbindung mit einem großen Bildschirm verwendet, doch das Nutzungsszenario verlangt dennoch meist nach einer Anpassung von Webinhalten um Inhalte auch vom Sofa aus gut bedienen und lesen zu können.

All diese unterschiedlichen Geräte bieten dabei mehr und mehr Möglichkeiten – sowohl seitens der ihnen gegebenen Hardware als auch seitens der Fähigkeiten die die Betriebssysteme und verfügbare Software bieten. Hierdurch verwischen die Grenzen zusehends und letztlich treffen sich alle Geräte an einem gemeinsamen Punkt: Sie sind alle – profan ausgedrückt – Internet-Zugangs-Geräte!

Natürlich wird es weiterhin Webangebote geben, die sich an bestimmten Endgeräten ausrichten, doch für das Gros gilt, dass eine Anpassung an verschiedenste Endgeräte (z.B. Bildschirmauflösung) geboten werden muss und dabei die Nutzung der jeweiligen spezifischen Fähigkeiten (z.B. Touchscreen, Lagesensoren, GPS) an Bedeutung zunimmt.

Technisch gesehen gibt es für dieses Szenario schon seit Jahren Lösungen in Form von spezialisierten Dienstleistern, kommerziellen Angeboten (z.B. Device Atlas) oder Open Source Projekten (z.B. WURFL). Dies ist gängige Praxis.

Bleibt also letztlich doch irgendwie alles beim Alten? Oder was bedeutet dies alles für die Weiterentwicklung von bestehenden aber gerade auch für die Konzeption von neuen Diensten?

Wichtig ist das Bewusstsein zu verändern. Man sollte als zugrundeliegende Usecases eben nicht mehr nur Stereotype von Nutzern vor Augen haben die gerade am Rechner sitzen oder unterwegs sind sondern eben auch mal Zuhause faul auf dem Sofa liegen, schnell mal eben einen Cafe trinken oder abends im Bett noch mal schnell etwas im Internet nachschauen möchten.

Dies eröffnet nicht nur Szenarien für ganz neue Angebote, sondern erzeugt auf der anderen Seite auch die Bedingung, dass man vom Beginn des Konzeptions- und Entwicklungsprozesses an eine gemeinsame Basis, ganz unabhängig vom Endgerät, für sein Angebot erschafft.

(Anmerkung: gerade auch vor dem Hintergrund der wachsenden Bedeutung mobiler Endgeräte in Schwellenländern – Mobile Zeitgeist berichtete kürzlich hierüber – wächst zusätzlich der Druck für Webangebote diese auch für die mobile Verwendung zu optimieren.)

Gemäß dem Spruch “Same same but different” (“Same same but different” ist eine aus Asien stammende englische Redewendung die aussagen soll “es ist genau das gleiche aber doch etwas anderes”) gilt es auf die unterschiedlichen Endgeräte einzugehen aber dennoch einen gemeinsamen Kern zu entwickeln. “Seamless User Experience”, also die gesamtheitlich nahtlose Wahrnehmung, ist das Stichwort auf das es dann letztlich in den unterschiedlichen Ausprägungen ankommt.

So ist dieser Artikel daher ein Aufruf “Mobile” nicht mehr separat zu behandeln, sondern fest integriert zu sehen – es gibt letztlich nur EIN Internet. So werden die Propheten diesmal wohl recht haben – das Ende ist nahe, das Ende vom losgelösten “Mobile Internet”!

Über den Autor: Niklas Bürger studierte Betriebswirtschaftslehre in München. Schon seit Mitte der Neunziger-Jahre beschäftigt er sich mit dem Internet. Seit den frühen Anfängen des Mobile Internet im Jahr 2000 hat er sich beruflich vor allem auf dieses Themenfeld konzentriert und hat seither dessen komplette Entwicklung mit allen Höhen und Tiefen mitverfolgt. Diese Erfahrung unterstützt ihn heute dabei, Marktentwicklungen einzuordnen und Strategien sowie Konzepte für mobile Anwendungen zu entwickeln. Zur Zeit arbeitet er als Senior Manager bei einem Suchmaschinenanbieter und ist dort für das Thema Mobile Internet verantwortlich.

Bildquelle: Roy Delgado / cartoonstock.com / roydelgadoblog.blogspot.com