Appstore-Kriege oder wie Apps die (digitale) Welt verändern
Der Markt für Smartphones weltweit wächst und wird für alle Betroffenen entlang dieser Wertschöpfungskette enger (s. auch hier). Dies wiederum beflügelt das Wachstum der neudeutsch genannten “App Economy”.
Gerade hat die Marktforschungsagentur Research2Guidance ihre Zahlen zu dieser aktuellen Entwicklung veröffentlicht. Solche Zahlen sind natürlich immer mit Vorsicht zu genießen. Sie sind letztlich reine Schätzungen und ungenaue Vorhersagen. Alles was sie zeigen können ist ein Trend.
Und der wiederum ist eindeutig. Nach ihrem aktuell veröffentlichten “Global Smartphone Application Market Report 2010” soll der Markt für Apps von 1.94 Milliarden US $ (2009) auf 15.65 Milliarden US$ in 2013 steigen. Also in nur 4 Jahren!
Gestützt und getrieben wird diese Entwicklung von der Annahme, dass bis 2013 weltweit etwa 970 Millionen Smartphones in Benutzung sein werden. Und das ist noch nicht einmal die höchste Prognose. Gartner hat schon vor kurzem für 2013 sogar eine Marktgröße von 30 Milliarden Dollar prognostiziert.
Dieses Wachstum an sich könnte man zunächst einmal als erfreulich ansehen. Es stellt die Entwicklung eines neuen Marktes dar, der z.B. Arbeitsplätze schafft.
Märkte und Wertschöpfungsketten ändern sich
Auf der anderen Seite stehen allerdings einige negative Aspekte. So wurde z.B. unlängst vermutet Innovationen könnten zukünftig gehemmt werden.
Tatsächlich fällt auf, dass z.B. der Softwaremarkt sich durch die App Economy drastisch ändert. Große Softwareunternehmen wie SAP und Oracle, IBM oder Accenture haben mehr und mehr Schwierigkeiten ihre Produkte so verkaufen wie es bisher üblich war. Apps sind einfach zu verstehen und mit geringen Einstiegsbarrieren sofort zu nutzen. Lange Entwicklungszeiten, Beratung und Analyse fallen weg. Services, mit denen diese Unternehmen unter anderem ihr Geld verdienen. Noch dazu werden viele Apps kostenlos angeboten.
Software die früher über lange Zeiträume hinweg entwickelt wurde, wird zunehmend uninteressanter. Für jedes noch so kleine Problem gibt es eine kleine App – auch in der Geschäftswelt. Diese Apps downzuloaden und zu nutzen ist ein Kinderspiel und Bedarf meist nicht einmal der Hilfe der eigenen Unternehmens-IT.
Viele dieser Apps sind aber nur eine Verlängerung dessen, was im mobilen Internet per Handy-Browser ohnehin zu erreichen wäre. Nur wenige Programme bieten wirkliche Neuerungen.
Auswege für die Telkos?
Direkt betroffen sind auch die Telekommunikationsanbieter selbst: Für sie reicht es nicht mehr, nur die Netze zu Verfügung zu stellen. Auch sie müssen nach neuen Wegen suchen. Was wiederum zu losen Allianzen von Telkos führt, die ebenfalls Appstores einrichten.
All dies hat dann wiederum auch Auswirkungen auf das Thema Netzneutralität. Längst ist nicht mehr nur die weltweite Wirtschaft, sondern auch die Politik in diese Themen involviert.
Apple hat durch das iPhone einen völlig neuen Markt geschaffen, in den nun auch alle anderen Gerätehersteller folgen. Tatsächlich gibt es inzwischen kaum noch einen Hersteller bzw. ein mobiles Betriebssystem, welches nicht auch einen dazugehörigen Appstore betreibt.
Die großen Hersteller, Apple allen voran, verdienen nicht nur noch an den Endgeräten, sondern viel mehr auch an den zur Verfügung gestellten Inhalten. Das ändert sämtliche Märkte rund um den Globus!
Die Developer bleiben auf der Strecke
Und auch wenn durch diese Entwicklung möglicherweise Arbeitsplätze geschaffen werden, so scheinen vor allem die Apps und damit deren Entwickler auf der Strecke zu bleiben, die in den Appstores nicht mindestens unter den Top 100 zu finden sind.
Wie auch? Wenn Stores wie der von Apple oder der Android Market irgendwo zwischen 20.000 und bald 200.000 Apps anbieten. 200.000. Ist das für den Storebetreiber selbst noch überschaubar?
Fakt ist: Viele dieser Apps sind kostenlos. Sie finanzieren sich über Werbung. Wenn man aber nicht gefunden wird hilft die beste Werbung nichts.
Mobclix hat in einer Grafik schön zusammengefasst, welche Stores Paid und Free Content anbieten. Darüber, ob es einen Grund dafür gibt, dass Android als Open Source Betriebssystem führend bei kostenlosen Inhalten ist, kann man sich zusätzlich Gedanken machen.
Zurück in die Zukunft?
Noch vor wenigen Jahren galten die Mobilfunkanbieter als Gatekeeper. Die Nutzer bewegten sich nach ihrem Willen in den sog. Walled Gardens. Verließen sie diese geschlossenen Bereiche (und damit den dort vom Betreiber ausgewählten Content) wurde dies in der Regel durch höhere Kosten gestraft – derartige Surftouren waren im Tarif nicht vorgesehen.
Heute passiert genau dies wieder. Allerdings sind es nicht primär die Mobilfunkkonzerne die dies verursachen, sondern Hersteller wie Apple. Sie kontrollieren, welche Inhalte wie verteilt und genutzt werden dürfen. Dies bringt wiederum große Probleme mit sich, da hier Themen wie Zensur und Netzneutralität im Raum stehen.
Immer wieder kommt es vor, dass Apps einfach ausgeschlossen werden. Apple agiert hier als gigantischer Gatekeeper, der in Zukunft nicht nur den Musikmarkt, sondern auch den Printmarkt beherrschen könnte.
Und von diesem Kuchen wollen natürlich auch alle anderen Hersteller und Contentanbieter profitieren. Genau betrachtet findet hier ein Rückschritt statt.
Am Ende steht also fest: Die Märkte und Wertschöpfungsketten verändern sich. Und mit ihnen alle Betroffenen.
Da bleibt die Frage: Verändern sich die Märkte in die richtige Richtung? Richtig oder falsch – das mag eine philosophische Frage sein. Zugegeben. Aber rückwärts sollte es doch eigentlich in keinem Fall gehen!
Über den Autor: Dominik Bernauer berät Unternehmen in Medienfragen und ist darüber hinaus als Autor, Blogger und Referent tätig. 2008, direkt nach seinem Studium, veröffentlichte er seine Diplomarbeit zum Thema “Mobile Internet – Grundlagen, Erfolgsfaktoren und Praxisbeispiele“ als Buch. Außerdem schreibt er regelmäßig auf dem Multimediablog. Neben seiner Leidenschaft „Mobile“ beschäftigt Dominik Bernauer sich intensiv mit Themen rund um Social Media und Enterprise 2.0
Gast-Autor
Als Gast-Autoren schreiben verschiedene Experten für mobile zeitgeist. Möchten Sie auch als Gast-Autor bei uns schreiben? Einfach eine Mail an info[at]mobile-zeitgeist.com















at 17:11
Sehr interessanter Aspekt, der Walled Garden Vergleich von Netzbetreiber und Apple. Ich schreibe in meiner Diplomarbeit gerade am Kapitel “Von WAP zu APP”, da passt das wie die Faust aufs Auge
at 15:54
@luckykvd :
Stimmt. Der Ovi-Store findet hier keine Erwähnung. Allerdings unabsichtlich. Tatsächlich ist Nokia was das Smartphone-Segment angeht natürlich nicht zu vernachlässigen!
@ossiander:
Sie haben selbstverständlich Recht: Es ist nicht wirklich davon auszugehen, dass Marktgrößen wie SAP oder IBM in naher Zukunft aufgrund dieser aktuellen Entwicklungen untergehen.
Der Artikel ist lediglich dazu gedacht zu sensibilisieren.
Je früher derartige Unternehmen damit beginnen ihre Strategien an die Entwicklungen im App-Segment anzupassen, desto früher profitieren sie auch davon.
Was die „auf der strecke gebliebenen“ Entwickler angeht, haben Sie ebenfalls Recht.
Was ich allerdings klar machen wollte: Auch hier wird es nicht ewig so weitergehen.
Fast 200.000 Apps allein im Apple Store sowie weiter wachsende Zahlen an Entwicklern führen unweigerlich dazu, dass auch hier in Zukunft große Veränderungen eintreten.
So ist z.B. davon auszugehen, dass die Entwickler, die derzeit sehr gefragt sind, mehr werden. Damit wird auch eine Konsolidierung innerhalb dieses Marktsegments selbst eintreten. Es werden sich z.B. Nischen bilden (müssen).
Zumindest in den Bereichen, in denen mit den Apps Geld verdient werden soll.
Kein „normaler“ User ist in der Lage so viele Apps zu überblicken.
Eine „Überdramatisierung“ ist hier nicht das Ziel. Zunächst mal, finde ich diese Entwicklungen erfreulich, weil sie für sich genommen eine Innovation darstellen und damit die digitale Welt in eine gewisse Richtung vorantreiben.
Ob richtig oder falsch ist wie geschrieben eine philosophische Frage und wird wohl erst später zu beurteilen sein!
Aber das schließt ja nicht aus, die aktuellen Entwicklungen gründlich zu beobachten und darauf zu achten, dass man sich nicht rückwärts bewegt.
In diesem Sinne
viele Grüße
Dominik Bernauer
at 10:54
So schön auch für den Benutzer und noch viel schöner für die Betreiber ein AppStore (gerade für Apple) ist, so halte ich diese Entwicklung für eine Katastrophe – jedenfalls dann wenn, wie im Beispiel iPhone, Apple als oberster Gatekeeper agieren kann und Apps nach belieben zulassen kann oder eben ablehnen kann.
In der obigen Übersicht der Appstores fehlt übrigens der Ovi-Store von Nokia!
– Meines Wissens ist Nokia immer noch am stärksten im Smartphonemarkt, oder?
at 17:28
Eigentlich ein ganz netter Artikel. Allerdings finde ich es mutig in Aussicht zu stellen, dass eine App Business-Software (CRM, SCM, ERP-Systeme etc). wie SAP und Co ersetzen kann. Daher glaube ich müssen sich SAP, Oracle und die anderen in dem Bereich keine Sorgen machen, sondern lediglich überlegen wie sie Apps andocken können. Aber Ersatz kann ein App dafür nie sein! Das halte ich ehrlich gesagt für realitätsfern.
Auch dass die Entwickler auf der Strecke bleiben ist doch keine Erscheinung, die man nur aus der App Economy kennt. Jede schlechte Entwicklung, egal in welchem Bereich bleibt auf der Strecke, und die gute setzt sich eben durch, wird bekannt, weiterempfohlen oder bekommt/hat die Power Eigenmarketing zu betreiben. Denkt nur mal dran wieviele Webseiten es gibt! Heult da jemand wegen den Entwicklern, deren Seiten nicht auf Ergebnisseite Eins bei Google sind?
Ich würde diesen Hype jetzt mal nicht zu arg überdamatisieren. Es kommt die Zeit wo es die Menschen wieder langweilt ihre “unvollständigen” Geräte erst durch den zigfachen Download von Apps überhaupt erst gebrauchtstüchtig zu machen.
at 15:04
Vielen Dank für den Artikel.
Er zeigt sehr schön, wie Apple mit seinem App Store eine Lawine losgetreten hat, bzw. wie nach dem “Apple Urknall” eine disruptive Marktveränderung stattgefunden hat. In unserem oben zitierten Bericht (Global Smartphone Application Market Report 2010) nennen wir das den “App Store Race”.
Man darf nicht vergessen, dass andere Player (v.a. “unabhängige” Stores) schon viele Jahre vor Apples App Store mobile Apps angeboten haben.
Ein kleiner Nachtrag noch: Die von uns errechnete Marktgröße bezieht sich sich ausschließlich auf den Smartphone Applications Markt.
Mehr Informationen zu “App Store Race” und dem Smartphone Applications Markt gibt es unter http://www.research2guidance.com