Banane (Quelle: Wikimedia Commons)

Banane (Quelle: Wikimedia Commons)

Bis vor einigen Jahren hatte Westeuropa den Nimbus, in Bezug auf mobile Entwicklungen zusammen mit Japan & Korea eine der führenden Regionen zu sein. Davon spricht im Moment kein Mensch: Unternehmen wie Google, Apple, Facebook und zuletzt Foursquare stehen im Zentrum öffentlicher Diskussion: Kalifornien zeigt, was funktioniert.

Fragmentiert und träge, bestenfalls Copycat wirkte Europa in den letzten beiden Jahren; der beste Ansatz schien manchem Unternehmen, eine US-Idee zügig aufzugreifen.

Doch dieser Eindruck täuscht: bei näherem Hinsehen entdeckt man so manches, was originär und wegweisend ist – auch und gerade in Deutschland.

Was dabei immer wieder erstaunt, ist, wie gering das Echo für Ideen aus Deutschland ist. Das mag daran liegen, daß man sich daran gewöhnt hat, Partialsichten der US-Tech-Blogger wie Mike Arrington oder Robert Scoble kritiklos nachzubeten. Nicht selten erlebt man dabei schadenfrohe Verrisse lokaler Initiativen, die an mittelalterliche Flagellationsriten erinnern.

Ein genaues Hinsehen lohnt sich. Bei einer Bestandsaufnahme der Location Based Initiativen in Deutschland bleibt sehr viel hängen:

  1. Yahoo Go. Ein kleiner Ausflug in die Geschichte sei erlaubt: Marco Börries gründete 1985, mit gerade mal 16 Jahren, Star Division. Das, was heute als openOffice auf Millionen Desktops läuft, ist Innovation made in Germany. Börries verkaufte Star an Sun, und gründete 2001 mit seiner Kernmannschaft ein neues Unternehmen: VerdiSoft. 2005  verkaufte er VerdiSoft an Yahoo. Fortan entwickelte VerdiSoft unter Mitwirkung des brillianten Christian Lindholm die ambitionierte Plattform Yahoo Go. Die Architektur von Yahoo Go nahm viele der Elemente von iPhone OS vorweg: eine “haptische” UI, eine Schnittstelle für Anwendungen von Drittanbietern, eine Ad-Plattform.
  2. Deutschland, Naviland. Jahre vor allen anderen Ländern erreicht Deutschland mit Navigationssystemen eine beneidenswerte Marktdurchdringung. An dieser Entwicklung waren Unternehmen wie Navigon, Medion und Aldi stark beteiligt. Die letzten beiden Jahre dagegen hat sich wenig bewegt. Der Markteintritt von Google und Nokia hat allerdings erhebliche Bewegung in den Navigationsprodukte gebracht: Navigon’s neue iPhone Applikation verspricht interessante Features wie embedded Social Networking.
  3. Nokias Service-Speerspitze. Ein anderes Navigationsunternehmen, die Berliner gate5, wurde vor einigen Jahren von Nokia übernommen. Die Kerntechnologie von gate5 ist eine rattenschnelle Rendering-Engine, die Karten auf Basis von Vektordaten sowohl aus lokalen Daten zeichnet, als auch on-the-fly nachlädt. Wer Navigationstechnologie kennt, weiß, daß das eine Art heiliger Gral ist. Ein Vergleich führt vor, welche absurden Kosten entstehen, wenn Karten – wie bei Google Maps – grundsätzlich over-the-air geladen werden. Bei europäischem Roaming will man darüber nicht mal (alb-)träumen.
  4. Vodafone 360. Mit bemerkenswerter Häme nehmen hiesige Journalisten die Initiativen der Vodafone zur Kenntnis. Social Media Patzer werden genüsslich vorgeführt, ambitionierte Entwicklungen wie Vodafone 360 werden mit spitzer Feder seziert. Dabei sind Ansätze von 360 diesmal erstaunlich nah am Bedarf des Nutzers: EIN integriertes Adressbuch. Der Zukauf der dänischen zyb scheint durchaus fruchtbare Keime getrieben zu haben.
  5. Location Based Networking Startups. Eine durchaus quirlige Szene entsteht in und um das Thema Social Location. Die Potsdamer beoble.me oder Aka-aki aud Berlin zeigen, daß auch in Deutschland junge, pfiffige Ideen Erfolge erzielen. Lukas Will, einer der Gründer der beoble.me, verbindet schlanke Launcher-Apps mit Content-Seiten in XHTML – und erreicht über Vodafone Live ein breites Spektrum von Nutzern.

Die Location Based Szene ist also durchaus in erfreulicher Bewegung. Spannend wird es, wenn Tagging die breite Masse der Mobilfunk-Nutzer erreicht: deutsche Anwender sind Weltmeister in Wikipedia und openStreetMaps. Ich würde eine Wette abschließen, daß Deutsche Ende 2011 auch beim Geotagging ganz weit vorne liegen.