In der Reihe „Pro + Contra“ diskutieren bei MZ immer zwei Experten über ein bestimmtes Thema. Diesmal argumentieren Alex Oschatz und Patrick Völcker über die Frage „Gefährden mobile Flatrates und Datendienste die Existenz der Mobilfunkanbieter?“
Alex Oschatz arbeitet als Information Architect bei der Münchener Internetagentur Ray Sono AG, beschäftigt sich seit der Einführung des iPhone mit der ganzen Bandbreite an Mobile Services und hat zu dieser Thematik seine Abschlussarbeit mit dem Thema „Mobile Web 2.0“ geschrieben. Seine Kernthemen sind Mobile Content und die Informationsarchitektur mobiler Anwendungen. Hobbymäßig setzt er sich auch gern mit dem Testen nahezu jeder mobilen Anwendungsmöglichkeit, wie z.B. Mobile Payment oder Mobile Banking, auseinander. Er vertritt die Meinung:
Mit Flatrates und Datendiensten gefährden Telekommunikationsanbieter ihre Kerngeschäfte Voice und SMS.
Das Internet steht kurz vor einem evolutionären Schritt – es lernt laufen. Zwar ist das mobile Web noch kein Massenphänomen, aber es befindet sich laut Aussage vieler Experten auf dem besten Weg dort hin.
Aktuell laufen die Vorbereitungen bei den Telekommunikationsanbietern, im Folgenden „Telcos“ genannt, auf Hochtouren. Sie bauen ihre Netze aus und führen nutzungsorientierte Tarife ein. Weiterhin bieten sie attraktive Dienste, wie z. B. Mobile E-Mail oder Mobile Instant Messaging, an. Zudem rühren sie ordentlich an ihren Marketing-Trommeln um „das Internet zum Mitnehmen“ anzupreisen und unters Volk zu bringen. Die Endgerätehersteller leisten ihren Teil und produzieren Smartphones mit Touchscreen-Oberfläche und allen Features, die man braucht, um unterwegs bequem auf das Internet zugreifen zu können.
Diese Entwicklung verursacht eine Gewohnheitsänderung der Nutzer. Sie freuen sich über die Vorteile des mobilen Webs in Form von Location Based Services und den ortsunabhängigen Zugriff auf ihre bevorzugten Social Media-Angebote. Damit geht ebenfalls die ständige Erreichbarkeit und Interaktion mit der Peer-Group einher, ohne ein Telefonat führen zu müssen. Schnell hat man sich an diesen neuen Komfort gewöhnt.
Im Folgenden möchte ich die angedeutete Problematik aus der Headline aufgreifen und näher auf das Angebot von Daten-Flatrates seitens der Telcos eingehen. Meiner Meinung nach beeinflusst das Angebot einer Daten-Flatrate und die daraus resultierende Nutzungsmöglichkeit von Datendiensten wie Mobile Instant Messaging (MIM) und VoIPover3G (Internettelefonie über das 3G-Netz) das grundlegende Geschäftsmodell der Telcos negativ. Einnahmen durch die minutengenaue Abrechnung von Gesprächen und dem Transport von SMS könnten künftig hinfällig werden.
Warum? Schauen wir uns folgende gängige Kombination an und analysieren, mit welchen Komponenten die Telcos Geld verdienen und was sich daran in Zukunft ändern könnte:
- Smartphone
- dazu gebuchter Tarif
- Datenflatrate (10GB/Monat)
- Applikation auf dem Endgerät, dass Mobile Instant Messaging (MIM) und Internettelefonie über das 3G-Netz (VoIPover3G) unterstützt, z.B. Fring
Die höchsten Kosten entstehen bei dieser Kombination durch:
Anmerkung: Die laufenden Kosten könnte man verringern, indem man nur den Tarif bucht. Dies setzt allerdings voraus, dass ein einmalig hoher finanzieller Aufwand bei der Anschaffung des Endgerätes entsteht.
Einen wesentlich kleineren Anteil – und um den dreht es sich bei dieser Argumentation – nimmt die Buchung einer Daten-Flatrate ein. Diese ist im Vergleich zu den laufenden Kosten für Telefonie und SMS-Versand wesentlich geringer, denn eine Daten-Flatrate mit 10GB Volumen ist bereits für 10€ im Monat erhältlich, z. B. bei simyo. Das genannte Messaging- bzw. Telefonier-Tool “Fring” ist darüber hinaus für mehrere Endgeräte-Plattformen kostenlos erhältlich.
Da “Fring” die Instant Messaging- und Internettelefonie-Funktionalität in sich vereint, wäre sie eine bevorzugte Anwendung, um damit Mobile Instant Messaging sowie Internettelefonie zu betreiben. Hätten die persönlichen Kontakte ebenfalls dieses Tool, würde das kostenpflichtige Anrufen bzw. SMS-Verschicken an diese Personen wegfallen, da man dafür die Daten-Flatrate nutzen könnte. Somit würden sich Flatrate-gestützt folgende Entwicklungen ergeben:
Begünstigt wird diese Überlegung von der aktuellen Einführung der Push-Technologie, die es hinsichtlich MIM erlaubt, in Echtzeit neue Mitteilungen empfangen zu können, ohne die notwendige Anwendung auf Kosten der Batterie ständig geöffnet zu haben. Zudem ist es auf aktuellen Smartphones (z. B. Palm Pre) bereits möglich, ausgewählte Anwendungen als Hintergrundprozess betreiben zu können, um somit mit seinem “Fring”-Account ständig online und somit sichtbar/erreichbar zu sein.
Was ich also vermute, ist, dass es eine ähnliche Entwicklung geben könnte, vergleichbar mit dem Übergang vom 56k-Internet mit minutengenauer Abrechnung zu Breitband-Internet mit Flatrate-Tarif. Flatrates ersetzen die minutengenauen Abrechnungsmodelle und -dienste zum Nachteil der Telcos. Bisher wehren sich diese noch mit Regulierung und Verbot von Diensten, die auf dieser Idee aufsetzen, allerdings tragen dieses Bestrebungen meiner Meinung nach auf lange Sicht keine Früchte. Bestes Beispiel ist die Abwendung des größten Telekommunikationsanbieter Deutschlands (T-Mobile) von seiner starren VoIP-Verbotsstrategie hin zum Angebot einer gebührenpflichtigen Nutzung des Dienstes Skype ab Sommer 2009 im eigenen Mobilfunknetz.
Anders ausgedrückt: Das Hauptproblem der Telcos wäre somit eine Verlagerung der Nutzung von „Pay-per-Minute“-Angeboten (bisher angebotene Tarife / Produkte der Telcos) zu Daten-Flatrates mit unbegrenzter Nutzungsdauer und -volumen sowie der damit einhergehenden Freiheit, Kommunikations-Tools mit eingebauter Messaging- und VoIP-Funktionalität nutzen zu können. Die Einnahmen für den Versand von SMS sowie die minutenbasierte Abrechnung von Telefonaten würden damit größtenteils wegfallen.
Nun drängt sich die Frage in den Vordergrund, wie die Telekommunikationsanbieter diese Nutzungsmöglichkeit unterbinden wollen. Eine bereits angewandte Möglichkeit wäre, die Flatrates im Volumen zu begrenzen und ab einer gewissen Anzahl übertragener Mega- bzw. Gigabytes den zur Verfügung stehenden Traffic auf 64kBps zu drosseln und somit zumindest die dauerhafte Nutzung von Internet-Telefonie zu unterbinden. Diesbezüglich ist aber sehr wahrscheinlich, sich so auf lange Sicht den Unmut der Kunden zuzuziehen, die für eine Flatrate bezahlen, die in Wirklichkeit keine ist und ihnen nicht die Freiheit lässt, diese nach ihren Vorlieben zu nutzen.
Für die Telcos ergeben sich daher 3 Möglichkeiten, dennoch Geld zu verdienen:
- Verbot oder starke Einschränkung bestimmter Dienste, z. B. durch Port-Sperrung, sodass die Nutzer gezwungen sind „Pay-per-Minute“-Angebote in Anspruch zu nehmen
- Datendienste an bestehende Produkte (Tarife) zu binden und nur als Kombi-Paket zu verkaufen, um die entstehenden Kosten durch die Nutzung einer Daten-Flatrate auszugleichen (Traffic / Netzbelastung)
- Datendienste, wie z. B. MIM, als selbständiges Produkt losgelöst vom bestehenden Tarif anzubieten und für dessen Nutzung einen Aufschlag zu verlangen (wobei hierin die Gefahr liegt, dass Kosten bewusste Kunden den für sie günstigsten Tarif wählen, eine Datenflatrate hinzubuchen und ihre sämtliche Kommunikation darüber abwickeln)
Ob die dritte Möglichkeit, einen als kostenlos bekannten Dienst entgeltlich dazu zu buchen, auf eine breite Akzeptanz stoßen wird, kommt letztlich auf die „Spitzfindigkeit“ der Nutzer an. Denn die als „Digital Natives“ bezeichnete Zielgruppe, die mit kostenlosen Kommunikationstools, Flatrates und einem Hang zum Dauer-online-sein aufgewachsen ist, wird schwer zu überzeugen sein, für die gleichen (kostenlosen) Dienste in der mobilen Variante Geld zu bezahlen.
Patrick Völcker beschäftigt sich seit 2005 u. a. am Fraunhofer Institut und bei der Werbeagentur Jung von Matt mit der Umsetzung von mobilen Webseiten und Spielen und bloggt seit 2008 auf MZ . Er versteht die Klagen der Mobilfunkanbieter nicht, sondern sieht stattdessen eine große Chance für deren Marktausbau.
Skype ist die beste Waffe der Mobilfunkanbieter
Die Mobilfunkanbieter müssen sich wegen Skype und Co. keine Sorgen machen, zumindest keine finanziellen. Denn die Telefonsoftware mag prima über das DSL-Netz laufen, aber über UMTS oder GSM/EDGE wird irgendwann (solange LTE noch nicht Standard ist) die Bandbreite, die die Netztelefonie erfordert, ausgelastet sein und dann muss an der Qualität gespart werden. Noch funktioniert Skype über das Mobiltelefon wunderbar, die Sprachqualität ist stellenweise einwandfrei, aber noch ist UMTS ja auch nicht ausgelastet. Sollte sich die Netztelefonie mobil durchsetzen wollen, sind die finanziellen Probleme der Mobilfunkanbieter eher gering, der erforderliche Ausbau der Infrastruktur dürfte ihnen da schon eher Probleme bereiten.
Da mobile Flatrates fast immer noch eine Obergrenze an Datenvolumen haben, kann Skypen in diesen Tagen schnell richtig teuer werden, denn ein solches Telefonat kostet eine ganze Menge Datenpakete und wenn das Limit erreicht ist, legt man für den Überschuss schnell richtig viel Geld hin. Den Netzanbietern kann es also ziemlich egal sein, womit sie ihr Geld verdienen: über die Datenpakete oder über „normale“ Gesprächskosten. Wer eine echte Mobilflatrate besitzt, zahlt sowieso so viel monatliche Grundgebühr, wie er kaum über normale Gespräche abtelefonieren würde. Und teure SMS, die die Netzanbieter praktisch nichts kosten, werden auch weiterhin fleißig geschrieben werden, denn noch hat nicht jeder Nachrichtenempfänger die gewünschte Messagingsoftware samt dazugehörigem Datentarif auf seinem Handy installiert.
Ich behaupte, Netztelefonie und Messagingservices sind sogar eine Chance für die Netzbetreiber, denn sie sorgen nicht für eigenen Kundenschwund, sondern sind die Killerapplikation, die den Festnetzanbietern letztendlich die Kunden rauben.
Denn die Netztelefonie läuft ja bislang kaum unterwegs, sondern wird gewöhnlich innerhalb eines W-Lan-Hotspots oder im heimischen Netzwerk geführt. Der anfallende Datenstrom geht bislang hauptsächlich zu Lasten des DSL-Netzes, insofern wären die Klagen der Mobilfunkanbieter sowieso zu hinterfragen, nach denen ihnen eine Netzüberlastung bevorsteht.
Des Weiteren stellen sich die Nutzer dann bald die Frage, warum sie überhaupt noch einen heimischen Telefonanschluss samt Netzwerk benutzen, wenn dieselben Dienste zu ähnlichen Flatratetarifen bald komplett von den Mobilfunkanbietern angeboten werden.
T-Mobile und Vodafone haben inzwischen ja auch mit ihrer Drohung, die Ports für Skype sperren zu wollen, wieder zurückgerudert. Ob das nun allerdings am drohenden EU-Gesetz lag, dass eine solche Sperrung in naher Zukunft untersagen möchte, ob sie sich einfach nicht mit dem Branchenriesen Skype (der zur eBay und PayPal-Familie gehört) anlegen wollten oder ob tatsächlich ein Einsehen der Auslöser war, sei dahin gestellt.
Sollten UMTS, GMS/EDGE und zukünftige Netzstandards wie Long Term Evolution also tatsächlich fähig sein, die Probleme, die Skype und andere Messagingsoftware der Bandbreite bereiten, zu meistern, sind die Mobilfunkanbieter längerfristig Dank der Netztelefonie sogar die Gewinner im hart umkämpften Markt, zumal die reinen Gesprächskosten sowohl im Festnetz- als auch im Mobilfunkbetrieb inzwischen die geringste Einnahmequelle sein dürften.
Was meinen Sie? Graben sich die Mobilfunkanbieter mit Datendiensten das eigene Grab? Schreiben Sie Ihre Meinung in den Kommentaren!
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