03ovi1n_purple_rgbNokia’s Interpretation eines “App stores” wird Ovi sein und der Marktstart ist für Ende des Monats angekündigt. Das ist durchaus ziemlich beachtlich, denn Nokia hält (gemäß eigenen Zahlen) immer noch einen weltweiten Marktanteil von eindrucksvollen 37%. Und im Vertrauen auf die eigene Stärke, teilt das Unternehmen nun mit, es werde in die Offensive gehen und seinen eigenen App Store mit nicht weniger als 20,000 Titeln bestücken. Zum Vergleich: Apple begann mit “einigen Hundert” Anwendungen beim Start des App Stores.

Aber das Ganze hat natürlich auch einiges von PR in sich: Nokia zählt nicht nur Applikationen mit, sondern auch Videos und sog. “mobisodes”. Nach dieser Definition müsste man bei Apple dann aber auch die etwa 40,000 Videos, 3,000 Fernsehsendungen, u.s.w., die dem iPhone via die iTunes-Plattform mitgegeben waren, mitzaehlen (Zahlen via Wikipedia).

Wo also steht Nokia wirklich im Mai 2009? Die Firma, die einmal für cooles Design (z.B. das 7110 – auch als das “Matrix”-Telefon bekannt) und intuitive Benutzeroberflächen stand (ja, wirklich: im Prä-Java Zeitalter war Nokia bei Bedienerfreundlichkeit und Oberfläche unschlagbar), scheint ein wenig vom feinen Lack verloren zu haben. Die Geräte sind nach wie vor technisch vorzüglich (z.B. ist das N96 jedem iPhone oder Android-Gerät technisch glatt überlegen), aber der “Sex-Appeal” ist doch deutlich gesunken. Nokia anno 2009 hat vielmehr ein “Gschmäckle” à la Siemens: gute Technik, aber etwas langweilig und – vielleicht – auch mit zu viel Ingenieursschnickschnack bestückt. Zu einer Zeit, in sich Inhalte endlich der breiten Masse öffnen, ist dies mehr als nur misslich und sichtbar an einigen Fehltritten: Nokia’s oft angekündigte Offensive in den US-Markt (wo das Unternehmen stets einen uncharakteristisch niedrigen Marktanteil hält) scheint wieder einmal nicht verfangen zu haben, aber die Firma verliert auch in solchen Regionen Marktanteile, wo die Position noch vor kurzem unangreifbar schien. Darüber hinaus hat es sich bei einigen Zukäufen womöglich etwas vergriffen. Das Satellitennavigationsgeschäft von Navteq scheint sich schwer zu tun (Navteq hat Nettoumsatz von lediglich €132 Mio. für das erste Quartal 2009 angegeben (man vergleiche das mit dem Kaufpreis von $8,1 Mrd!, was wahrscheinlich auch damit zusammenhängt, das Konkurrent Google mit seinen – für umsonst zu habendem – Programm Google Maps angreift (die meisten Menschen, die ich kenne, ziehen Google Maps dem kostenpflichtigen Navteq-Angebot vor).

Der Wettbewerb kommt interessanterweise weniger von traditionellen Konkurrenten wie Sony Ericsson (denen es auch nicht so gut geht), Samsung, LG oder Motorola, sondern von den Neulingen wie Apple, RIM oder HTC, die sich sämtlich auf die höherwertigen Geräte am oberen Ende des Marktes konzentrieren und dort einen Umsatzhebel anbieten können, der – App Store oder nicht – mit einem erheblich breiteren Angebot von Anwendungen und Diensten einhergeht. Apple hat das in atemberaubender Weise vorgemacht, aber man sollte darüber nicht vergessen, was z.B. der Blackberry-Hersteller RIM an Markt- und Umsatzanteilen gewonnen hat. Bei letzterem war hierfür weniger ein App Store verantwortlich (der entsprechende Blackberry App World ist erst kürzlich gestartet), aber Blackberry-Geraete sind immer schon für mehr als nur Sprache und SMS benutzt worden – Datendienste waren stets der Kern der Produkte.

Wo wird sich Ovi also positionieren? Wird es den Handy-Massenmarkt auch auf der Inhalte-Seite revolutionieren? Nokias bisherige Versuche waren eher einem Gemischtwarenladen vergleichbar: Preminet wird man wohl als Niederlage abschreiben müssen, Nachfolger NCD (Nokia Content Discoverer) war auch nur eingefleischten Nutzern bekannt, das als Dienst und Plattform wiederbelebte N-Gage (mit, dem Vernehmen nach c. 1 Mio. zahlenden Nutzern, was angesichts der Zahl der Nokia Handys eher wenig ist) ist deutlich auf den Hardcore-Spiel-Sektor zugeschnitten), der P2P Dienst Mosh fiel (jedenfalls denjenigen, die wenigstens davon gehoert hatten) eher wegen Produktpiraterie auf als durch wirtschaftlichen Erfolg. Kurz: Nokia’s bisherige Schritte in den Inhaltebereich waren keine übermäßigen Erfolge. Ovi birgt durchaus die Möglichkeit, das zu ändern. Durch seinen enormen Marktanteil im Gerätemarkt genießt Nokia die Möglichkeit, mehr als 1 Mrd. Handys in Schaufenster für Inhalte zu verwandeln und somit größenmäßig alles, wovon Apple auch nur träumen könnte, in den Schatten zu stellen.

Allerdings hängt der Erfolg eines App Stores nicht nur von der absoluten Größe aber, sondern mindestens ebenso von Funktionalität, Nutzerfreundlichkeit und, ja, Auffindbarkeit! An diesem Punkt ist es, wo Apple ein so guter Wurf gelungen war: Die Kombination und nahtlose Integration von Hardware und Software sowie der Inhalte-Strategie aus einem Guss (mit überhaupt keiner Einmischung von Netzwerkbetreiberseite) hat die Messlatte deutlich angehoben. Es mag einfach aussehen, das zu kopieren, aber es ist es nicht. Nokia ist außerdem auch sehr (!) spät dran (man möge sich erinnern, dass Ovi bereits in 2007 angekündigt worden war) und gibt dies sogar selbst zu. Es wird daher sehr interessant sein zu sehen, wie Nokia die Ausführung gelingt. Man möge sich allerdings nicht täuschen: wenn es klappt, hat die mobile Inhalte-Revolution richtig begonnen!

Über den Autor: Volker Hirsch beschäftigt sich seit fast 10 Jahren mit digitalen und vor allem auch mobilen Inhalten – von Musik und Grafik hin zu Spielen und Anwendungen. Er hat den Sektor aus verschiedenen Warten begleitet: als für Unternehmensstrategien verantwortlicher Manager, externer Berater, Anwalt, Investor und Mentor. Volker bloggt in der Sprache seiner Wahlheimat England unter volkersthoughts.blogspot.com.