In der vergangenen Woche fand in Berlin die Mega-Web2.0-Woche mit verschiedenen Veranstaltungen statt. Im Zentrum stand die Web 2.0 Expo, für die ich im Vorwege am Blogger-Outreach-Programm mitgemacht hatte. Nun war die Web 2.0 Expo keine ausdrücklich “mobile” Veranstaltung, doch auch bei den Web 2.0-Jüngern ist die Tatsache, dass es auch mobile Endgeräte gibt, die man nicht unbeachtet lassen sollte, zumindest teilweise angekommen.

Das Event fand im Kongresszentrum am Alexanderplatz statt, das “den architektonischen Charme einer sozialistischen Nervenheilanstalt verströmt”, so SpOn. Christian Stöcker von SpOn scheint es ohnehin nicht sonderlich gefallen zu haben. Ganz so negativ wie er sehe ich das nicht, aber auch ich hatte den Eindruck, dass die Leute nicht gerade euphorisch waren. Ob dies nun tatsächlich schlechte Stimmung oder einfach nur Realismus war, kann ich nicht abschließend beurteilen.

Am ersten Tag gab es natürlich diverse Keynotes, die von Tim O’Reilly kann man sich bei Andrea noch einmal anschauen. Ein Interview, dass berlinblase und die blogpiloten mit O’Reilly geführt haben, kann man bei t3n anschauen. Wer persönliche Eindrücke von den einzelnen Sessions lesen möchte, ist bei Hugo E. Martin gut aufgehoben. Er scheint wirklich versucht zu haben, in jede Session zumindest hinein zu schauen. Und alle Slides aus den Vorträgen gibt es natürlich bei Slideshare.

Ich selbst war erst am Mittwoch, also dem zweiten von drei Tagen dort und konnte an einem Roundtable mit Tim O’Reilly teilnehmen. Ein sympathischer, eloquenter, etwas älterer Herr hat einiges Interessantes, viel Alltägliches und manches Esoterisches in seinen ausgedehnten Monologen gesagt.

* “Mobile will blow us away!”
* Europa ist eher technik-, die USA eher marketinggetrieben.
* Wenn Du tust, was Du liebst, bist Du authentisch und das Business/die Kohle kommt von allein.
* Open Data ist ein evolutionärer Prozess, daher wird es in jedem Fall offene Lösungen geben – es geht gar nicht anders.
* O’Reilly über O’Reilly: Ich bin ein Community Manager.

Die Auswahl ist natürlich völlig subjektiv. Wer noch etwas mehr vom Blogger-Roundtable sehen möchte, bitte hier entlang zu berlinblase.

Danach zum Lunch 2.0 zu plista und danach wollte ich mir noch die eine oder andere Session anschauen. Blieb aber einfach auf dem Gang kleben und habe mit vielen sehr netten Menschen geredet. Doch irgendwann habe ich mich doch pflichtschuldigst losgeeist und wartete vor einem der Räume, als Mike Butcher von Techcrunch UK einen spontanten Pitch auf dem Gang veranstaltete. Allein Butcher war schon urkomisch, den jungen Frauen und Männern, die dort in jeweils 60 Sekunden ihre Unternehmen vorgestellt haben, hat es eindeutig sehr viel Spaß gemacht. Ob allerdings ein Artikel auf Techcrunch dabei heraus springt, bleibt offen.

Am Abend dann ein supernettes Abendessen mit Leo Koivulehto von TripSay, Sarik Weber und Jörg Land von cellity. Danach ab zur Party ins Weekend, ebenfalls direkt am Alex. Warum ist es in den Clubs heute eigentlich so dermaßen dunkel?

Ich war früh im Bett ;) , denn der nächste Tag versprach dann doch ein paar mobile Themen. Zu meiner großen Freude lernte ich durch eine gemeinsame Taxifahrt vom Hotel zum Kongresszentrum Laura Laamanen von Blyk kennen, ein Unternehmen, das im Bereich Mobile zurzeit viel von sich reden macht. Nächstes Jahr werden auch wir in Deutschland diesen werbefinanzierten MVNO sehen.

In der ersten Session, die ich besuchte sollten Dieter Rappold von Knallgrau und Tony Douglas von BMW  einen gemeinsamen Vortrag “Adding Emerging Media to the Marketing Mix” halten, den ich mir nicht entgehen lassen wollte. Leider musste Rappold allein referieren, da Douglas kurzfristig abgesagt hatte. Absagen sollen auf der Web 2.0 Expo recht häufig vorgekommen sein. Wie häufig weiß ich nicht, aber ich habe hierzu einiges Murren gehört. Der Vortrag war interessant und zeigte an praktischen Beispielen, wie und mit welchem Erfolg, BMW Social Media eingesetzt hat. Nur “Mobile” fehlte, obwohl BMW dort schon sehr viel gemacht hat.

Nun ab zum Mittagessen und hier schließe ich mich vielen Enttäuschten an. Das Essen war nicht dolle. Der Hunger hat es zwar reingetrieben, aber lecker geht anders. Weitere Kritikpunkte am Catering: Heißgetränke (Tee, Kaffee) waren nur an einer Stelle kostenfrei zu bekommen. Softdrinks und Snacks nur kostenpflichtig, allerdings gab es Wasserspender, die waren aber häufig leer. Hätte ich die volle Teilnahmegebühr zahlen müssen, wäre ich nicht so entspannt gewesen.

Nach dem Essen und noch einer kurzen Pause in der Sonne, auf zum ersten wirklich mobilen Thema “The Holy Grail of LBS”, gehalten von Felix Petersen von Plazes.com. Solide und gut referiert, aber so nach dem Essen musste ich doch eher gegen die zufallenden Augen kämpfen.

Kurze Kaffeepause und weiter zu einem Vortrag, den ich mir im Grunde als Notlösung heraus gepickt hatte “How a European Broadcaster is Applying Web 2.0 Technologies and Functionalities to his Business Model as a Public Broadcaster and as a Service Provider!” – allein schon des Titels wegen. Wolfgang Klein und Jon Roar Tonnesen von NRK waren zwar nicht die begnadeten Redner, aber nach etwas anfänglicher Langeweile wurde es dann doch sehr interessant. Im Grunde hat der norwegische “öffentlich-rechtliche Rundfunk” seinen gesamten Bestand digitalisert und in Zusammenarbeit mit den Medienkonzernen allen Norwegern im stationären Web und auch mobil zugänglich gemacht. Das Ganze mit einigen Community-Funktionen angereichert und damit ein, nach eigenen Aussagen, lebendiges Archiv geschaffen. Die technische Infrastruktur wird nun anderen Medienunternehmen in Europa angeboten. In Deutschland soll der Launch im Dezember dieses Jahres erfolgen. Das werde ich auf jeden Fall im Auge behalten.

Als ich nun wieder auf den Gang kam, war der Abbau der Web 2.0 Expo in vollem Gange, obwohl noch eine gute Stunde auf dem Programm vorhanden war. Der Check-In- und der Messebereich im Erdgeschoss waren völlig abgebaut, das Catering verschwunden und es herrschte eine Stimmung, wie in Messehallen beim Abbau (war es ja irgendwie auch). Wer jetzt noch networken oder bei einer Tasse Kaffee die Veranstaltung ausklingen lassen wollte, stand leider etwas dumm da. Den irritierten Gesichtern der Teilnehmer zu Folge, stieß der verfrühte Abbau nicht auf Gegenliebe. Ich konnte mich noch schnell von Leo verabschieden und lernte dabei gleich noch Joonas Pekkanen von floobs kennen, über die ich gesondert berichten werde.

Also ab in den nächsten Vortrag “Marketing to Online Communities: Lessons from Early Adopters” von Jeff Bates von Slashdot. Und der fiel aus. Kurzfristig eingesprungen ist Nate Elliott von Forrester, der einen recht kurzweiligen Vortrag über Social Media hielt. Forrester hat eine Studie erstellt bei der heraus kam, dass nicht die so häufig von PR/Marketing-Abteilungen adressierten Blogs oder Foren die entscheidenden Stellen sind, die Kaufentscheidungen bei Konsumenten beeinflussen. Es sind die Familienmitglieder, Freunde und Bekannte. Ein Plädoyer für direkte Mundpropaganda. Aber wieder nix mobiles.

Fazit: Aus Sicht eines Mobilisten waren es einfach zu wenig Sessions, die sich damit beschäftigt haben, wie die Web 2.0-Unternehmen auch mobil erfolgreich sein können. Hier ist wohl noch viel Überzeugungsarbeit bei den Web 2.0-Unternehmen zu leisten. Das Organisationsteam, Stephanie Booth, Suw Charman, Janetti Chon und Nicole Simon, war nett und wirklich sehr hilfsbereit. Sowohl die Referenten als auch das Publikum waren international, was sich so manche (mobile) Veranstaltung in Deutschland gern zum Vorbild nehmen kann. Die Location hat mir nicht zugesagt, aber das ist wie so häufig Geschmackssache. Ich kann mich in Bezug auf die Web 2.0 Expo weder den Lobeshymnen noch den Verrissen anschließen. Ich fand den Kongress mittelmäßig mit einigem Raum für Verbesserungen. Hätte ich allerdings die volle Teilnahmegebühr bezahlen müssen, wäre ich nicht so locker. Am Preis-Leistungsverhältnis müssen die Veranstalter aus meiner Sicht noch arbeiten.

Ihnen hat der Beitrag gefallen? Abonnieren Sie einfach unseren RSS Feed oder unseren Email-Newsletter.

Verwandte Artikel