Letzte Woche war ich auf Hausbesuch. Diesmal in Berlin bei Qiro, über die wir hier bei mobile zeitgeist schon häufiger berichtet hatten, das erste Mal fast auf den Tag genau vor zwei Jahren. Aktueller Anlass war diesmal die Zusammenarbeit von Qiro mit Smartertours, um einen Stadtführer auf dem Handy zu realisieren. Die Pressemeldung dazu in unserem Forum.

Trotz Umzugsstress bei Qiro hatte James Ryan Anderson für mich Zeit und wir haben uns ziemlich lange unterhalten. Im Nachgang zu unserem wirklich sehr sehr netten Gespräch war er dann auch so nett, mir noch ein paar Fragen zu beantworten.

1. Beschreibe bitte kurz Eure Lösung. Wie erhält der Nutzer den Client?

Man kann die Qiro Applikation kostenlos auf einen Computer herunterladen und dann per Bluetooth auf das Handy überspielen. Einfacher ist es, Qiro direkt aufs Handy herunterzuladen, was eine Verbindung des Handys mit dem Internet voraussetzt. Der Nutzer muss beim Download lediglich an seinen Netzbetreiber für den Datentransfer zahlen.

2. Was kann er damit machen?

Die Hauptfunktion von Qiro - also sich selbst und „Points of Interest” auf einer Handy-Karte zu lokalisieren - nutze ich persönlich sehr stark, wenn ich auf Geschäftsreisen bin. Auf dem Handy erscheint ein Stadtplan mit meinem Standort, sowie einige Points of Interest, zum Beispiel Bahnhöfe, Restaurants, Supermärkte und so weiter. Ich meine - bevor ich 30 Minuten lang nach einem Geldautomaten oder einem Subway Sandwich-Laden suche, schaue ich lieber auf der Qiro Handy-Karte nach.

Auch hilfreich ist die Instant Message- oder „Chat”-Funktion. So kann ich vom Handy aus mit meiner Freundin, die Qiro am Computer nutzt, in Echtzeit chatten. In der nächsten Client-Version wird die Anwendung noch einfacher.

Es gibt auch eine treue Call-a-Bike-Gemeinschaft, die Qiro verwenden, um ein freistehendes Fahrrad in der Nähe zu finden.

3. Wie funktioniert der Reiseführer?

Der Reiseführer ist simpel und knüpft an die Qiro-Lokalisierungsfunktion an. Neben anderen Points of Interest, erscheint auf der Handy-Karte in Berlin (und demnächst auch in Hamburg, München, Stuttgart, Düsseldorf und Frankfurt) das SmarterTours-Logo, wo besondere Sehenswürdigkeiten zu finden sind.

Wenn man sich zum Beispiel durch das Berliner Regierungsviertel bewegt und sich dann über Qiro lokalisiert, erscheint unter anderem auf dem Display auch das SmarterTours-Logo vor dem Reichstagsgebäude oder vor dem Bundeskanzleramt. Man aktiviert das Logo und dann erscheinen der Titel und eine lokale Telefonnummer, die der Nutzer dann wählen kann. Der Tourist hört übers Telefon den SmarterTours AudioGuide für die jeweilige Sehenswürdigkeit. Diese Lösung hat die Firma Just Digits realisiert und nutzt die Tatsache aus, dass fast alle eine Flatrate in das lokale Telefonnetz haben.

Es sind also Qiro als Location-Based Platform plus die AudioGuides von SmarterTours AudioGuides GmbH, zusammen mit Just Digits. Eine einfache Lösung, um den Location-Based AudioGuide für ein Handy zu realisieren. Start-Ups wie wir machen mit Kreativität mehr aus weniger, was viele große Handyhersteller und Netzbetreiber mit deutlich mehr Ressourcen immer noch nicht geschafft haben.

4. Wie viele Nutzer hat Qiro bis heute? Wie ist die Entwicklung? Was hat sich in den letzten Monaten verändert?

Die Nutzerzahlen steigen zurzeit sehr stark an - gerade in den letzten wenigen Wochen. Nach einer Entwicklungsphase gehen wir nun verstärkt an die Öffentlichkeit und haben dafür einige Aktionen kreiert - beispielsweise den Qiro Schulwettbewerb oder die Qiro Schulwettbewerb oder die Handyjagd. Diese sind wie du mal gesagt hattest- Showcases - oder Schaukasten, wo wir zeigen, was wir realisieren können. Gerne würden wir solche Lösungen - z.B. die Handyjagd - für andere Blogger oder Medienunternehmen ermöglichen.

Zurzeit arbeiten wir an einem Relaunch der Homepage, sowie einer neuen Version des Handy-Clients. So wird es noch einfacher, die Dienste anzuwenden.

5. Wie ist das Business Modell? Wird bei Euch Werbung geschaltet? Wenn ja wo und in welchem Umfang? Beeinträchtigt das die Nutzung von Qiro?

Qiro befindet sich gerade auf dem Sprung zum Markteintritt. Wichtig aus unserer Sicht für den Erfolg des Unternehmens ist neben Umsatzgenerierung hauptsächlich das Userwachstum. Wir sehen vier primäre Erlösquellen für die Zukunft: 1. Partnering (Implementierung z.B. für eine Werbeaktion der Qiro Plattform in Partner Plattformen); 2. Ticketing/Booking: Hier handelt es sich um Revenue-Sharing Modelle (z.B. Buchungen von Hotel, Kino, Restaurant, etc.), die über die Qiro Plattform durchgeführt werden. 3. Werbeeinnahmen: Werbeplätze sind vielseitig (Map Ads, Werbungseinblendung in der Applikation, Online Werbung, Pull Couponing, etc.); 4. Premium Services

6. Wie schätzt Du die Entwicklung von Mobile Social Communities in Deutschland ein? Ist das nur ein Hype oder werden wir eine dauerhafte Nutzung solcher Services in Zukunft sehen?

Wenn ich mit den noch jüngeren Kollegen auf der Arbeit rede, ist klar, dass die Nutzung von Online Communities schon so fest in das tägliche Leben integriert ist, dass es schon weit über einen Hype hinausgeht. Fast jeder ist heute bei einer Social Community angemeldet und vernetzt. Ich möchte auch nicht auf XING verzichten.

Virtuelle Netzwerke sind nicht anders als eine Verlagerung der früheren Stammtische und werden nicht verschwinden. Die letzte wichtige Information, die noch ausbleibt, ist zurzeit die Frage, die bei jedem Stammtisch zu hören ist: „Hey - Wo ist der Ryan heute Abend? Kommt er noch?”. Wenn ich diese Informationen auf meinem Display sehen kann, brauche ich natürlich nicht zu fragen, „Wo bist du gerade?”.

7. Welche Funktionen bei Mobile Social Communities hältst Du für elementar? Auf was kann man verzichten? Was wird sich erst in den kommenden Jahren durchsetzen?

Elementare Funktionen von Mobile Social Communities sind meiner Meinung nach die Selbstdarstellung, die Vernetzung, und die Lokalisierung, denn das zentrale Ziel ist die Kommunikation. Das heißt, dass der Nutzer die Möglichkeit hat, ein eigenes Profil mit Foto, Persönlichkeitsdarstellung etc. zu erstellen und dieses mit anderen Profilen, vorzüglich mit seinen Freunden aber auch mit Personen, die er virtuell erst kennen lernt, zu vernetzen. Die Lokalisierung kommt nun langsam dazu, denn ich muss mich immer mit jemandem treffen, um mit ihm kommunizieren zu können. Der Ort kann natürlich im Internet sein, aber nur mit Qiro können sich Freunde einfacher und spontaner auch real treffen. Die wichtigsten Social Networks werden Lokalisierung in den kommenden Monaten anbieten. Denn immer größer wird das Verlangen, die virtuelle Welt in die reale zu übertragen.

Unverzichtbar wird Instant Messaging sein: von Computer zu Handy oder Handy zu Handy in Echtzeit. Das hat Qiro vor wenigen Wochen (Computer zu Handy) realisiert und arbeitet weiter an einer Verbesserung: einem Multi-Chat Client.

Worauf man bei Social Communities verzichten kann, wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen, wenn man eine Bilanz ziehen kann, was am besten ankommt und was am wenigsten genutzt wird.

8. Ein paar Worte zu Deiner Person. Wie war Dein beruflicher Werdegang und was hat Dich als Texaner nach Deutschland verschlagen?

Ein Bekannter hat mich als „Pioneer” bezeichnet (grin und schmeichel).

Eigentlich hat er die Tatsache gemeint, dass ich eine Firma gegründet habe - SmarterTours AudioGuides GmbH. Es traf aber vielleicht auch zu, als ich davor für O2 Germany die Regierungsbeziehungen in Berlin leitete. Ich meine wie ungewöhnlich ist das - ein Ausländer setzt sich persönlich im Bundeskanzleramt und im Deutschen Bundestag für die Interessen einer deutschen Firma ein. Seit über 10 Jahren arbeite ich auf dem Feld Telekom, Internet und Media - seitdem bin ich Referent im Büro von Dr. Schwarz-Schilling, ehemaliger Bundesminister für Post und Telekom. Als ich für mein Studium erstmals nach Deutschland kam, ahnte ich viele Möglichkeiten und konnte mir die Sprache und Kultur gut aneignen. Dafür habe ich viel Sauerkraut gegessen. Ich bin eine Art Fachspezialist und Business-Botschafter zwischen den USA und Deutschland zugleich.

9. Was gibt es noch, das Du den LeserInnen von Mobile Zeitgeist sagen möchtest?

Schnell sieht man - zum Beispiel hier in den Stories und Kommentaren auf dem mobile-zeitgeist Blog - wie viele kluge Köpfe es in Deutschland gibt. Mehr Menschen sollten sich trauen, selbst unternehmerisch tätig zu werden und etwas zu wagen - ein Pioneer zu sein. Die Samwer Brüder (Gründer von Jamba und dem Ebay-Vorgänger) haben längst bewiesen, was machbar ist. Immer wieder muss ich dann hören „Ja, aber…”. Zu viele schauen in die USA und übersehen die unglaublich vielen Möglichkeiten, die Deutschland bietet.

Lieben Dank Ryan, für das nette Treffen und Deine ausführlichen Antworten.

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