Ich war im Juni auf der GSMA für Mobile Innovationen in Atlanta, eine Konferenz, die für ihr junges Dasein doch ganz gut besucht war. Zwei Tage lang wurde in einem hochkarätig besetzten Panel diskutiert, was mobile Innovation im Moment treibt und ausmacht. Hier ein paar Kernaussagen zusammengefasst:
** Mobile Advertising wird erst mit Mobile Search richtig abheben! Oft diskutiert wurde die Frage warum Mobile Advertising noch nicht so richtig in die Gänge kommen will, worauf Will Hodgman, CEO von M:Metrics doch glatt behauptet, dass der Endbenutzer eigentlich ja gar nichts gegen Werbung am Handy habe! Aha? Sehr interessant. Und hier kommt auch schon das “Aber”: Relevant muss sie sein. Und relevant wird sie erst dann, wenn sie sich auf ein konkretes Bedürfnis bezieht wie zb. eine Suchanfrage. Wenn ich per Handy nach einem Hotel in Flughafennähe suche weil mein Flieger heute nicht mehr startet und ein Hilton vorgeschlagen bekomme, reagiere ich vermutlich wohlwollender auf die Werbung als im Falle einer zufälligen SMS vom Hilton Berlin während ich in der Badewanne in Wien sitze.
** Bring den Netzbetreiber auf Deine Seite! Mobile Services werden erst dann erfolgreich, wenn man eine breite Masse erreicht. Und um an die breite Masse ranzukommen, braucht man nun mal die Netzbetreiber als Multiplikatoren mit an Bord - so Christina Domecq, CEO von SpinVox. Sie nennt als Beispiel ihr eigenes Unternehmen, das zu Beginn ja noch versucht hat das Voice2Text Service direkt an den Endkonsumenten zu vertreiben. Als SpinVox jedoch Anfang 2008 angefangen hat die Lösung an die Netzbertreiber zu verkaufen, haben sich die User Zahlen innerhalb eines halben Jahres verfünffacht.
** Umso viraler ein Service, desto besser: Ein Paradebeispiel dafür war Touchpal, ein neuartiges Softkeybord von dem Philipp schon berichtet hat. Der Erfinder des Softkeybords hat uns erzählt, dass sie mit angeblich gar keinen Marketingausgaben seit August letzten Jahres bereits über 1 Mio. Downloads zu verzeichnen haben. Alles reine Mundpropaganda. Auch nicht schlecht.
**Datengebühren & SMS MT Gebühren sind mächtige Bremser: In Amerika bezahlt man nicht nur für das Versenden von SMS sondern ebenso das gleiche fürs Empfangen. Das ist nicht nur fies sondern lähmt natürlich besonders alles rund ums Mobile Marketing. Genauso sind undurchsichtige Datengebühren (weiss meine Grossmutter was ein MB ist?) eine Hürde für Services wie z.B. Linguatec. Linguatec ist ein deutsches Unternehmen, dass seine Sprachsoftware mobil verfügbar macht. Ein Handyfoto von der chinesischen Speisekarte genügt um zu wissen, dass man besser nicht den toten Hund bestellen sollte. Der Punkt ist: Bevor wir in Sachen Preisgestaltung keine pragmatischeren Lösungen von Betreiberseite sehen, werden solche Services wohl leider weiterhin vor einer roten Ampel stehen.
** “You must listen to the silent voice of the customer” ist jetzt nicht wirklich eine Neuigkeit, aber trotzdem etwas, das man nicht oft genug sagen kann, findet Ted Matsumoto, CSO, Softbank Mobile Corp: Services könnnen noch so klasse sein, wenn wir es versäumen uns den Hut des Endbenutzers aufzusetzen, werden wir keine echten Probleme lösen und damit garantiert nicht erfolgreich sein. Aber warum fällt es uns denn so schwer uns diesen Hut aufzusetzen? Warum gibt es so viele Services, die zwar nett sind, aber am Ende doch irgendwie am Kunden vorbei?
Ein Grund dafür mag wohl die Vielschichtigkeit des mobilen Ecosystems sein. Im Moment gibt es doch sehr viele Mitspieler in der mobilen Wertschöpfungskette - sei es der Netzbetreiber, der Aggregator, der Billing Provider, die Content Anbieter oder die Agenturen - alle machen mit, alle wollen ein Stück von Kuchen, und am verhängnisvollsten ist: Jeder behauptet von allem etwas zu verstehen. Das Resultat? Ein Wirr Warr in dem keiner mehr so recht weiss was er nun wirklich kann, denn keiner grenzt seine Rolle ab. Und anstatt sich mit dem Endkunden und der Frage zu beschäftigen, was der denn eigentlich will, beschäftigt man sich als Unternehmen mit seinen eigenen Sinnfragen: “Wo sind unsere Kernkomptenzen? Was unterscheidet uns vom Rest? Wie grenzen wir uns ab?” Aber halt! Innovativ sein, darauf darf doch nicht vergessen werden! Und schon werden Services auf den Markt geworfen, die die Welt doch eigentlich gar nicht wirklich braucht.
Aber es ist Veränderung in Sicht: Matsumoto kündigt eine baldige Phase der Konsolidierung unter den Spielern am Markt an, nach dem Motto “Die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen”.
Welche Auswirkungen kann eine Konsoldierung wie von Ted Matsumoto angekündigt auf den Markt haben? Werden wir dadurch bald einen wirklichen Schub an mobiler Innovation sehen?
Was sagt ihr dazu?
Das war ja alles naturgemäß sehr US-lastig, daher meine Frage an Euch: Seht ihr es hier ähnlich? Sind das tatsächlich die Treiber und Hemmfaktoren in Sachen mobile Innovationen? Oder gibt es hier ganz andere Einflüsse, die erwähnt werden müssen? Womit leben oder fallen neue Services und Start Ups in Europa?
„Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann“
Picabia, Francis
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