Nach meinem letzten Beitrag rund um BlackBerry & Überstundenzuschlag, gab es eine sehr einstimmige Meinung in der Leserschaft: Es ist alles nur eine Sache der Eigenverantwortung klare Grenzen zu ziehen und mal auf den “Off” Knopf zu drücken, denn ein BlackBerry ist auch nur so einflussreich wie sein Benutzer ihn werden lässt.
Passend dazu, möchte ich hier mal kurz von einem total konträren Beispiel erzählen:
Wo sich nämlich die einen als Sklaven ihres Blackberrys verstehen, leben andere ein paar wenige Kilometer weiter in fast absoluter “Arbeits-Anarchie”: Seit 2005 lautet das Credo der amerikanischen Elektronikkette BEST BUY “Arbeite wo du willst, wann du willst und wie viel du willst, es zählt einzig und allein das messbare Ergebnis am Schluss” - Und das ist kein billiger Motiviationstrick aus dem letzten Manager Magazin, sondern eine ernstzunehmnede Politik, die unter 4000 (!) Mitarbeitern in der Zentrale des Discounters in Minneapolis gelebt wird.
Das Zauberwort heisst “Results-only-work-environment” , kurz ROWE genannt, das auf Grund der sehr hohen Mitarbeiterfluktuation und mangelnden Produktivität eingeführt wurde.
In der ersten Phase war der E-Mail-Verkehr dramatisch angestiegen. Wir wollten uns doppelt und dreifach absichern, dass jeder wusste, was los war - und auf subtile Weise signalisieren, dass wir bei der Arbeit sind. Inzwischen hat sich der E-Mail-Verkehr auf einem niedrigeren Niveau eingespielt, dafür ist der Gebrauch von Handys und Instant Messaging gestiegen, um kurze Fragen in einem versprengten Team rasch zu beantworten. Meist wissen nicht einmal die Zulieferer und Kunden, wo ihr Ansprechpartner bei dem Elektronikriesen gerade steckt - in einem Café, im Supermarkt oder an seinem Schreibtisch. Das Telefonsystem des Unternehmens leitet Gespräche entweder zu Telefonnummern nach Wahl weiter oder wandelt Mailbox-Nachrichten in Tondateien um und verschickt sie per E-Mail.
Das große Umdenken begann 2003, als Best Buy eine Umfrage in seiner Belegschaft startete, um herauszufinden, wie es seine Entlohnungs- und Bonusstruktur verändern müsste, um zum beliebtesten Arbeitgeber der Branche zu werden. Die Antworten von 22 000 Mitarbeitern machten deutlich, dass für viele der Angestellten die Bezahlung keineswegs an erster Stelle steht. Ihnen kommt es auf die richtige Balance aus Arbeit und Privatleben an sowie auf Möglichkeiten, sich beruflich weiterzuentwickeln und mobil zu sein. Alles Binsenweisheiten für Arbeitswissenschaftler, aber weit weg von der gelebten Realität in Großunternehmen wie Best Buy.
Die Produktivität soll dabei um 35 % gestiegen sein, es haben 50 % bis 90 % weniger Mitarbeiter gekündigt, UND: Noch keine Klage wegen BlackBerry-Überstunden in Sicht
Tja, ist das dann etwa ein kleiner Preview in unser aller Arbeitszukunft? Wird die Mehrheit aller Arbeitsplätze so oder ähnlich funktionieren? Oder funktionieren diese Modelle nur unter ganz bestimmten Umständen und Bedingungen?
Vor allem wundert mich, dass man diese Arbeitsweise einfach über alle Mitarbeiter hinweg anwenden kann. So toll es sich anhört, jeder Mensch ist anders und ich bin mir sicher es gibt auch noch Leute, die feste Strukturen und Rahmenbedingungen brauchen um leisten zu können. Die werden sich in einem solchen Modell einfach nicht wohl fühlen und der Schuss geht nach hinten los.
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