Zukünftig möchte ich in lockerer Folge unter dem Stichwort “Portrait” aufstrebende europäische Unternehmen im Mobile Business und ihre Lösungen vorstellen. Den Auftakt macht das Schweizer Unternehmen kooaba, über das ich ja schon mehrfach geschrieben hatte. Ja, ich gebe zu, dass mich die Technologie fasziniert.
Das Handy verbindet die reale mit der digitalen Welt
Bereits 2006 waren 60 Prozent der Deutschen im Internet unterwegs. Dort, im Web, lernt man, dass das Objekt welches man sieht, ein Informationsträger ist. Einfach drauf klicken und man erlebt, was „dahinter” ist. Wir haben uns bereits so daran gewöhnt, dass das Mehr nur einen Mausklick entfernt ist, dass wir uns im analogen Leben manchmal verwundert die Augen reiben und feststellen, dass es richtig umständlich sein kann, offline zu sein. Da sieht man einen Gegenstand, findet ihn interessant, aber man kann ihn weder anklicken noch liefert er weiterführende Informationen auf eine andere Art.
Mit verschiedenen Technologien versucht man seit einiger Zeit, diese „Unzulänglichkeit” der realen Welt zu beheben und Dinge der uns umgebenden analogen Welt mit der digitalen Welt zu verknüpfen. Neudeutsch heißt dies „Physical World Connection (PWC)”. Die Bandbreite reicht von funkbasierten Verfahren wie Bluetooth oder Near Field Communication (NFC) über Technologien, die zweidimensionale Barcodes für das Taggen der Objekte verwenden bis hin zur Bilderkennung. Allen gemeinsam ist, dass sie internetfähige Mobiltelefone nutzen, um die Verbindung herzustellen.
Verschiedene Technologien verknüpfen Dinge mit Informationen
Bluetooth als Industriestandard für das Vernetzen von Geräten auf kurze Distanz ist heute auf fast allen Handys vorhanden und bietet sich geradezu an, es auch für die Übermittlung von Zusatzinformationen einzusetzen. Nachteilig ist hierbei, dass für jeden Gegenstand ein Transmitter installiert werden muss, der die jeweiligen Informationen sendet. Liegen zum Beispiel zehn oder mehr DVDs neben einander, werden die Grenzen schnell deutlich. Noch schwieriger wird es für NFC, denn dieses Verfahren benötigt spezielle Engeräte, die mit dem notwendigen Chip ausgerüstet sind. Beim codebasierten Mobile Tagging werden in der Regel zweidimensionale Barcodes auf, an oder bei dem Gegenstand angebracht. Diese können mit der Kamera im Handy gescannt werden. Entweder wird so die Verbindung zu einer Webseite hergestellt oder es werden direkt, allerdings im Umfang beschränkte Daten übertragen. Dieser Vorgang benötigt eine entsprechende Applikation auf dem Mobiltelefon, die zumindest in Europa noch nicht auf den Handys vorinstalliert ist. Also muss der Nutzer diese installieren, was die Grenzen dieser Technologie aufzeigt. Auf der anderen Seite müssen die Gegenstände mit einem Code versehen werden, was insbesondere bei Werbetreibenden nicht immer auf Wohlwollen stößt.
Zu guter Letzt bleibt nur die Bilderkennung, die eine direkte Verbindung zwischen einem Gegenstand der „realen Welt” mit den digitalen Informationen herstellt, ohne den Gegenstand zu verändern, ohne die Installation von lokalen Sendern und ohne etwas auf oder in dem Mobiltelefon installieren zu müssen.
Kooaba entstand in einer Technologie Hochburg
In Zürich, an der ETH (Eidgenössische Technische Hochschule) arbeitet man am Institut für Bildverarbeitung schon länger an solchen Lösungen. Gemeinsam mit dem Leiter des Computer Vision Labs, Prof. Luc van Gool, gründeten Till Quack und Herbert Bay, die ihre Namen zu QUAckBAy zusammen stellten, das Spin-Off kooaba, ebenfalls mit Sitz in Zürich. Kooaba konnte in ersten Projekten demonstrieren, wo die Reise in der Physical World Connection hingehen wird. Gemeinsam mit den größten Tageszeitungen in der Schweiz, „20Minuten” und „Le Matin Bleu” haben sie gezeigt, wie Zeitungen ihre Artikel auf eine elegante Weise und ohne großen Aufwand verlinken können. Der Leser fotografiert den Artikel, schickt das Bild an eine Kurznummer und erhält eine MMS Slideshow mit zusätzlichen Bildern zur Story auf sein Handy.
Wie viel noch möglich ist, kann man seit kurzem auf den Webseiten von kooaba ausprobieren. Es handelt sich hier um einen Service, der zu einem (Kino-)Film weiterführende Informationen liefert. Man muss lediglich mit seinem Kamerahandy das Plakat abfotografieren, schickt es per MMS an eine Kurzwahl (5555 für die Schweiz) oder per Email (m@kooaba.ch) an kooaba und innerhalb von Sekunden erhält man einen SMS (Email) Link, der direkt auf die Portalseite dieses Films führt. Hier gibt es ausführliche Informationen rund um diesen Film, unabhängig, übersichtlich und einfach zu erreichen. In den vollen Genuss dieses Dienstes kommen sicherlich nur Nutzer mit einem internetfähigen Handy. Alle anderen erhalten ebenfalls einen SMS-Link auf das Portal.
Wohin geht die Reise der Bilderkennung?
Wofür man diese Technologie noch alles nutzen kann, ist zum heutigen Zeitpunkt sicherlich noch offen. Aber der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Denkmäler, Kunstwerke, CDs, DVDs und noch vieles mehr. „Unser Ziel ist es, alles verlinken zu können”, so Dr. Herbert Bay, Co-Founder und CEO von kooaba. „Schon heute ist die Robustheit unserer Methode sehr hoch. Wir haben nicht umsonst die weltbeste Technologie für so etwas,” Die Vorteile liegen auf der Hand. Keine Installation von Transmittern, kein Aufwand beim Erstellen und Aufbringen von Codes, keine speziellen Mobiltelefone sind notwendig und für den Nutzer ist die Anwendung unkompliziert und intuitiv handhabbar.
Wie attraktiv diese Technik ist, wird deutlich wenn Nokia, die in diesem Monat auf ihrer Entwicklerkonferenz „The Way We Live Next” ihr Projekt “Point & Find” offiziell vorgestellt haben, auf diesen Zug aufspringt. Die Technologie von kooaba ist an einem gemeinsamen Projekt von Nokia und der Stanford University maßgeblich beteiligt.
Bleibt als Kritikpunkt noch die Tatsache, dass für den Nutzer Kosten für die Datenübermittlung anfallen. Doch im Hinblick auf die Bewegungen, die zur Zeit bei den Datentarifen der Mobilfunkanbieter stattfinden, ist es nur eine Frage der Zeit, bis erschwingliche Datenflatrates zu einer sorgenfreien Nutzung solcher Services führen werden. „Das Ziel ist es, den Services gratis anzubieten. Da dies in manchen Ländern leider noch nicht möglich ist, können wir das nicht garantieren. Wir garantieren aber, dass wir aus den Übermittlungsgebühren keinen Profit schlagen werden, um die Leute sinnlos auszunehmen,” so Dr. Herbert Bay. „Wir sind eine zwar etwas verspielte, aber ehrliche Firma, die auf Ethik sehr großen Wert legt.”
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